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Spucke ist ein ganz besonderer Saft: Social Distancing von zwei Seiten betrachtet

Eigentlich wäre ich seit zwei Wochen nicht nur sozial distanziert, sondern überhaupt nicht da. Gebucht war eine Flugreise nach La Palma, dann kam Corona. Seitdem versucht die Fluglinie mich hinzuhalten mit Noreply-Mails und endlosen Telefonwarteschleifen, an deren menschlichem Endpunkt in schlechtem Deutsch verkündet wird, dass irgendwann eine Mail mit einem Gutscheincode eintreffen würde. Und – so der Tipp einer Call Center-Dame – ganz versteckt auf Seite drei des angekündigten Mail-Schreibens soll es die Option geben, das Geld für den Flug zurückzubekommen.

Eigentlich wäre ich seit zwei Wochen nicht nur sozial distanziert, sondern überhaupt nicht da. Gebucht war eine Flugreise nach La Palma, dann kam Corona. Seitdem versucht die Fluglinie mich hinzuhalten mit Noreply-Mails und endlosen Telefonwarteschleifen, an deren menschlichem Endpunkt in schlechtem Deutsch verkündet wird, dass irgendwann eine Mail mit einem Gutscheincode eintreffen würde. Und – so der Tipp einer Call Center-Dame – ganz versteckt auf Seite drei des angekündigten Mail-Schreibens soll es die Option geben, das Geld für den Flug zurückzubekommen.

Die kleine Kanareninsel wäre übrigens nicht irgendein beliebiger Urlaubsort gewesen, sondern das Ziel unserer Silberhochzeitsreise. Bevor ich ins Grübeln gerate, ob dieses Jubiläum auf mangelnde Risikofreude oder auf ein goldenes Händchen bei der Partnerwahl schließen lässt, möchte ich lieber von unserer Hochzeitsreise erzählen. Mit Zug und Rucksack waren wir bis nach Palermo gekommen und dort zur Kathedrale Monreale unterwegs. Ein muskulöser Sizilianer kam uns auf dem Bürgersteig entgegen und spuckte aus. Spucke ist ein ganz besonderer Saft, nicht erst seit Goethes Faust und der Szene in Günter Grass‘ „Die Blechtrommel“, in der Oskar Matzerath Brausepulver mit Spucke im Bauchnabel von Maria zum Zischen und Sprudeln bringt. Fand ich schon damals eingeschränkt erotisch. Meinen Unmut über die schlechte Kinderstube meinte ich dem Sizilianer mitteilen zu müssen. Das erwies sich als Fehler. Bereit, die Rotzerei auf seinem Territorium mit dem Klappmesser zu verteidigen, trat mir der Neapolitaner entgegen und nur die Beschwichtigungsversuche meines frischgebackenen Ehemannes konnten eine blutige Sühne für meine Geste des Abscheus verhindern. Als Touristin in einem fremden Land habe ich die Sitten und Gebräuche hinsichtlich der territorialen Markierung zu respektieren, die auch Fußballspieler weltweit auf dem Spielfeld für sich reklamieren.

Andere Zeiten – gefährliche Körpersäfte

Ein Vierteljahrhundert später habe ich Oberwasser. Denn Spucke ist in Corona-Zeiten unter Umständen lebensgefährlich. Eine Bahnangestellte in London wurde durch Anspucken infiziert und starb. Es gibt Menschen, die absichtlich Obst und Gemüse in Supermärkten mit ihrem Speichel benetzen, um ihre Macht zu zeigen und andere Menschen zumindest in Angst und Schrecken zu versetzen. Wurde Spucken bislang als Beleidigung oder Körperverletzung gewertet – auch ein Auto anzuspucken erfüllt rechtlich gesehen den Straftatbestand der Sachbeschädigung – kommen wir nun in ganz andere Dimensionen. Um das Bewusstsein zu schärfen, sollte das Anspucken und Bespeicheln in den Bußgeldkatalogen der Städte und Gemeinden mit einem Bußgeld von 1.500 Euro belegt werden. Ob das infizierende Anspucken oder Bespeicheln von Lebensmitteln den Straftatbestand des Tötungsvorhabens erfüllt, das sollten Juristen klären. Spucken oder gar Anspucken, herkömmlich ein unappetitliches Mittel sozialer Distanzierung und Egomarkierung, gewinnt eine neue Dimension. Dagegen hilft in erster Instanz auch die Notwehr. Vom mir gibt es dafür eins auf die Nase, ganz ohne Social Distancing.

 

Susan Tuchel

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