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Der Wettlauf bei der Stabsübergabe

Der demografische Wandel schlägt sich auch bei der Unternehmensnachfolge nieder. Noch halten sich Unternehmen und potenzielle Nachfolger die Waage.

Jutta Stegers

Über 90 Prozent der 3,6 Millionen Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen, deren Eigentümer z. T. auf den Ruhestand zusteuern. Doch bei wie vielen Unternehmen steht in den nächsten Jahren tatsächlich ein Eigentümerwechsel an?

Einige Studien sprechen von 19.000, andere wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gehen von 102.000 Unternehmensübertragungen pro Jahr in Deutschland aus. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn kommt in seiner Studie „Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2018-2022“ zu dem Ergebnis, dass in den nächsten fünf Jahren etwa 150.000 Unternehmen zur Übergabe anstehen. Betroffen wären rund 2,4 Millionen Beschäftigte von dem Wechsel der Unternehmensspitze.

Wie diese Übergaben abgewickelt werden, dafür hat das IfM verschiedene empirische Studien ausgewertet und prognostiziert: Mehr als die Hälfte (53 %) der Eigentümer wird das Unternehmen an die eigenen Kinder bzw. an andere Familienmitglieder weitergeben. 29 Prozent der Übertragungen erfolgen an externe Führungskräfte, andere Unternehmen oder Interessenten von außerhalb. Nur 18 Prozent der Familienunternehmen werden an einen firmeninternen Mitarbeiter übergeben.

Die Herausforderungen bei einer Unternehmensübergabe sind in jedem Fall sehr groß. Für den Fall, dass die Nachfolge familienintern geregelt wird, kommt zu der juristischen Seite die emotionale Gemengelage hinzu. Die neue Generation sieht sich einerseits in der Pflicht, die Familientradition zu pflegen und weiterzuführen, andererseits hat sie vielleicht darauf gewartet, das Unternehmen (endlich) zu modernisieren. „Geht es um Modernisierung, bedeutet das im Zeitalter von Industrie 4.0 vor allem die Digitalisierung von Arbeitsprozessen“, erklärt Unternehmensberater Nico Zinndorf.

Das Unternehmer-Gen des 21. Jahrhunderts ist digital

Mit innovativen Produktideen oder Dienstleistungen alleine können Unternehmen im globalisierten Wettbewerb nicht mehr bestehen. „Insbesondere in einigen Branchen wie z. B. in der Lebensmittel-, Getränke- und Konsumgüterindustrie werden die Anforderungen der Groß- und Einzelhändler immer komplexer“, weiß Zinndorf aus seiner Beratertätigkeit. Der Chemieingenieur und Betriebswirt hat lange in der Lebensmittel- und Kosmetikindustrie gearbeitet, bevor er 2013 das Unternehmen Zinndorf Consulting gründete und als Berater im Mittelstand seitdem Nachfolgeprozesse und Betriebsveräußerungen begleitet.

Stehen Unternehmensübernahmen an, sei es familiär oder durch Verkauf, ist der Berater mit vor Ort, um die Beschaffungs-, Produktions-, Logistik- und Distributionsdienstleistungen auf den Prüfstand zu stellen. Sein Credo: „Kosten und Ressourceneinsatz sind beim produzierenden Mittelstand mit Bedacht zu planen, um nicht in eine finanzielle Schieflage zu geraten.“

Was viele Unternehmer bei Change Prozessen aus dem Blick verlieren, ist, die Mitarbeiter bei neu zu etablierenden Prozessen mit ins Boot zu holen. „Dabei sind die Mitarbeiter die besten Experten für Schwachstellen und deren Vermeidung und stehen der Optimierung ihrer Arbeitsprozesse meist sehr aufgeschlossen gegenüber“, so Zinndorf. So können Unternehmensnachfolgen für Traditionsunternehmen nicht nur für jede Menge Wirbel sorgen, sondern ein günstiger Zeitpunkt für neue Weichenstellungen und eine größere Wettbewerbsfähigkeit sein.

 

Susan Tuchel

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