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Bringt Minsk II den Durchbruch oder gibt es eine „False Flag“-Attacke?

Das neue Minsker Abkommen macht Hoffnung, ist aber auch die letzte Chance für einen schnellen Frieden. Droht eine verdeckte gewaltsame Maßnahme unter falscher Flagge („False Flag“-Attacke) in der Ukraine? Griechenland pokert indes weiter. Ist „Plan B“ Russland in Griechenland? Die Moskauer Börse ist weiterhin der Top-Performer der Welt. Der Ölpreis steigt weiter an. Ein Börsen-Überblick und Einschätzungen von Andreas Männicke.

Das neue Minsker Abkommen macht Hoffnung, ist aber auch die letzte Chance für einen schnellen Frieden. Droht eine verdeckte gewaltsame Maßnahme unter falscher Flagge („False Flag“-Attacke) in der Ukraine? Griechenland pokert indes weiter. Ist „Plan B“ Russland in Griechenland? Die Moskauer Börse ist weiterhin der Top-Performer der Welt. Der Ölpreis steigt weiter an. Ein Börsen-Überblick und Einschätzungen von Andreas Männicke.

Bringt Minsk II den Durchbruch?

Bei einem Treffen in Minsk wurde am 11. Februar 2015 in Anwesenheit des ukrainischen Präsidenten Poroschenko, des russischen Präsidenten Putin, der deutschen Bundeskanzlerin Merkel und des französischen Staatspräsidenten Hollande nach 14-stündigen harten Verhandlungen ein Waffenstillstand in der Ost-Ukraine ab dem 14. Februar um 23 Uhr beschlossen. Obwohl nicht klar ist, ob dieser dauerhaft eingehalten wird, reagierten die Börsen weltweit geradezu euphorisch. Der deutsche Aktienindex, kurz: DAX, erreichte ein neues Allzeit-Hoch und die Moskauer Börse katapultierte sich mit einem Kurssprung von über 10 Prozent in zwei Tagen sogar zur am besten performenden Börse der Welt. Etwaige Risiken wurden dabei ausgeblendet. Dabei ist auch nicht geklärt, wie Griechenland ohne europäische Hilfsprogramme auskommen kann. Wird hier klammheimlich wohlmöglich zum Schluss Russland der Retter von Griechenland?

Sehr zögerlich und voller Vorbehalte war die letzte Unterschrift der Separatisten, die aber wohl die wichtigste war, denn es kommt jetzt sehr darauf an, dass die Separatisten und auch die ukrainischen Milizeinheiten die Vorgaben auch umsetzen. Immerhin hielt bisher weitgehend der vereinbarte Waffenstillstand in den ersten Stunden am Sonntag, den 15. Februar, was aber noch nicht viel besagt. Allerdings werden in der Region um die zuletzt heiß umkämpfte Stadt Debalzewe weitere Artilleriekämpfe berichtet.

Angeblich wurden in den vergangenen zwei Tagen vor dem Waffenstillstand noch 50 russische Panzer über die Grenze in die Ukraine verbracht, was von russischer Seite aber dementiert wird. Schweres Kriegsmaterial wie Panzer und Raketenwerfer sollen ab dem 16. Februar bis zum 2. März 2015 vollständig abgezogen werden und es soll eine neue Pufferzone in der Länge von 70 Kilometern eingerichtet werden. Ob dies geschieht, soll von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auch durch Einsatz von Satelliten und Drohnen überwacht werden. Russland hat eine Resolution bei den Vereinten Nationen (in Englisch United Nations Organization, kurz: UNO) eingereicht, dass alle Parteien die Minsker Vereinbarungen auch einhalten. Zuvor war Russland nie zu einer Resolution bereit. Poroschenko droht anderseits mit dem Kriegsrecht für die ganze Ukraine, wenn der Waffenstillstand nicht eingehalten wird.

Der prorussische Separatistenführer Alexander Sachartschenko ordnete eine Feuerpause an – mit Ausnahme des Verkehrsknotenpunktes Debalzewe, weil dort angeblich tausende ukrainischer Soldaten von den Separatisten eingekreist seien. Am 14. Februar kam es noch zu verschärften Kämpfen um den Bahnhof von Debalzewe. Debalzewe ist ein strategisch wichtiger Verkehrsknotenpunkt zwischen den beiden von den Rebellen ausgerufenen „Volksrepubliken“ Lugansk und Donezk.

IWF soll wirtschaftlich der Ukraine helfen

Dringend notwendig ist aber auch die wirtschaftliche Unterstützung der Ukraine. Daher soll der Internationale Währungsfonds (IWF) einen weiteren Kredit von 17 Milliarden US-Dollar gewähren. Zudem ist eine Investoren-Konferenz in Kiew geplant, wo weitere 15 Milliarden US-Dollar eingesammelt werden sollen. So ein Krieg ist teuer. Wenn das Geld nicht kommt, droht der Ukraine der Staatsbankrott wie jetzt auch in Griechenland. Daher hat die Ratingagentur Fitch die ukrainischen Anleihen weiter heruntergestuft.

EU verhängt neue Sanktionen gegen Russland trotz Minsk

Später soll die Ukraine eine Verfassungsänderung machen und die Regionen Donezk und Lugansk als selbständige, autonome Republiken anerkennen, wobei sie aber weiter der Ukraine zugehören. Auch wurde unterschrieben, dass die territoriale Integrität der Ukraine unangetastet bleibt. Die Europäische Union (EU) machte aber den gleichen Fehler wie beim letzten Minsker Abkommen, indem Sanktionen gegen Russland ausgesprochen werden, obwohl zuvor ein Friedensabkommen vereinbart wurde. So wurden ab dem 16. Februar weitere Kontensperrungen beschlossen. Dies halte ich für einen großen diplomatischen Fehler der EU.

Offensichtlich will die EU den Druck auf Putin weiter erhöhen, was aber auch nach hinten losgehen kann. Auch zeigt sich der ukrainische Premier Jazenjuk weiter kampfbereit, denn er traut Russland nicht. Es kommt jetzt also sehr darauf an, dass es tatsächlich zu einem länger andauernden Waffenstillstand kommt. Das Minsker Abkommen ist eine letzte Chance zum Frieden, sie muss aber von beiden Seiten gewollt und auch sichtbar umgesetzt werden. Das Gefährliche ist, dass dies von unabhängigen Milizeinheiten auf der ukrainischen oder russischen Seite jederzeit konterkariert werden kann, wobei dann – wie immer – die Gegenseite für die Toten verantwortlich gemacht wird.

Kommt eine False Flag-Attacke in der Ukraine?

Was dann immer noch in Betracht kommt wäre eine „False Flag“-Attacke, also eine verdeckte gewaltsame Maßnahme des Militärs oder des Geheimdienstes unter „falscher Flagge“ gegen die eigenen Soldaten oder Bürger, um dem Gegner die Schuld zu geben. Russland vermutet bei den hundert Toten auf dem Maidan und auch beim Abschuss der MH17 eine „False Flag“-Attacke der Gegenseite, um Russland die Schuld in die Schuhe zu schieben. Nach wie vor sind die mysteriösen Vorgänge auf dem Maidan mit den hundert Toten durch Heckenschützen und auch der Abschuss der MH17 nicht aufgeklärt. Es kann so oder so zu Rückschlägen bei der Umsetzung des neuen Minsker Abkommens kommen. Eine „False Flag“Attacke kommt nun auch in der Region um die Stadt Debalzewe in Betracht, wo die ukrainischen Soldaten eingekreist waren.

Wie werden die Hardliner in den USA jetzt reagieren?

Gespannt sein darf man, wie die USA jetzt reagieren, die schon im März US-Soldaten schicken wollten, um die ukrainischen Soldaten auszubilden. Auch Waffenlieferungen in die Ukraine waren im Gespräch. Ich vermute, dass beim nächsten gravierenden Schusswechsel mit Toten alle diese Themen wieder hochkommen. So etwas kann auch durch ein „False Flag“-Attacke provoziert werden, hinter der dann die Hardliner und Militaristen stecken bzw. deren Geheimdienste. Ein Minsk III wird es dann wohl nicht mehr geben, sondern einen Krieg Russland gegen die Ukraine und möglichweise dann auch gegen die NATO später, was einem Weltkrieg gleichkommt. Alles das wollen wir nicht hoffen, sondern dass diese letzte Friedenschance genutzt wird. Sonst wird es grauenvoll für alle Beteiligten, vor allem aber die Menschen in der Ost-Ukraine.

Moskauer Börse reagiert euphorisch – DAX auf neuem All-Zeit-Hoch

Die Moskauer Börse reagierte geradezu euphorisch auf die Meldung, dass eine Waffenruhe in Minsk nach 14-stündigen, nächtlichen Verhandlungen in Minsk vereinbart wurde. Der russische Aktienmarkt-Index (in Englisch: Russian Trading Index, kurz: RTS-Index )stieg am 12. Februar um über 5 Prozent und am 13. Februar sogar um über 6 Prozent auf 914 Indexpunkte. Besonders stark nachgefragt waren russische Versorger wie Irkutskenergo, Mosenergo und RusHydro mit zum Teil zweistelligen Prozentzuwächsen an einem Tag. Aber auch der Kurs von Gazprom konnte um 6,8 Prozent auf 4,53 Euro im Kurs zulegen.

Damit avancierte der auf US-Dollar basierende RTS-Index zum am besten performenden Börsen-Index der Welt mit einem Plus von 15,61 Prozent seit Jahresbeginn. Der auf Rubel basierende MICEX-Index stieg am 13. Februar um 1,96 Prozent auf 1.838 Indexpunkte und damit schon um 31,63 Prozent seit Jahresbeginn. Unterstützt wurde die Kursrallye an der Moskauer Börse durch den starken Anstieg des Brentölpreises am 13. Februar um 3,49 Prozent auf 61,46 US-Dollar/Barrel. Zudem gab der Rubel zum Euro signifikant um 3,29 Prozent auf 72,11 Euro/Rubel nach. Damit übertraf die Moskauer Börse sogar den DAX, der am 13. Februar erstmals die 11.000er-Marke überwand und bei 10.973 Indexpunkten auf einem neuen Allzeit-Hoch schloss. Dies bedeutet auch für den DAX immerhin ein Plus von 11,81 Prozent seit Jahresbeginn, womit auch der deutsche Aktienmarkt zu den Top-Performern der Weltbörsen zählt.

Risiken werden ignoriert

Die durch das Minsker Abkommen ausgelöste Kursrallye muss aber nicht von langer Dauer sein, da es immer noch zu Rückschlägen kommen kann. Ignoriert werden im Moment auch die Risiken, die im Falle einer Nicht-Einigung der EU mit der griechischen Regierung bevorstehen. Es ist noch völlig unklar, wie die griechische Regierung ohne ein Hilfsprogramm der EU die sozialen Ausgaben finanzieren kann.

Die griechische Regierung macht im Moment ein eigenes Reform-Programm, das völlig konträr zu den Vorschlägen der Troika und auch der EU steht. Die Mindestlöhne wurden erhöht, 3.000 Beamte wieder eingestellt und es wurde eine Reihe von Sozialleistungen gewährt. Eine gemeinsame Erklärung mit der EU wurde bisher verweigert. Jetzt soll am Montag mit der EU neu in Brüssel verhandelt werden. Im Extremfall kommt sogar ein Austritt Griechenlands aus dem Euro, ein sogenannter Grexit, in Betracht.

Wird Russland in Griechenland der weiße Ritter im Rahmen des „Plan B“?

Ein „weißer Ritter“ ist in der Wirtschaft ein Unternehmen, das bei einer geplanten feindlichen Übernahme dem Übernahmekandidaten zu Hilfe kommt. Der griechischen Regierung kommt es so vor, dass Griechenland von der Troika und EU so gemaßregelt wird, dass es nicht mehr selbständig agieren kann. Insofern kommt für Griechenland auch Hilfe von außen in Betracht. So könnte Griechenland auch die Hilfe von China oder Russland annehmen. Falls sich die EU mit Griechenland nicht einigen wird, könnte also auch Russland als eine Art „weißer Ritter“ bzw. als „Plan B“ in Betracht kommen. Anstelle der Kredite in die Ukraine könnte Russland auch Griechenland Kredite gewähren.

Zunächst soll aber ab dem 16. Februar in Brüssel verhandelt werden, ob Griechenland bis Ende des Monats eine weitere Kredit-Tranche im Volumen von 7 Milliarden Euro bekommt, die aber an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Hier kann es immer noch zum Eklat kommen. Im „Worst case“ kann ein „Grexit“ auch andere Länder wie Italien dazu animieren, aus dem Euro auszutreten. Auch könnte der Bankenrun wie jetzt in Griechenland bei weiteren Ländern aus Südeuropa Schule machen. Es drohen dann größere Verwerfungen und eine neue Bankenkrise in Europa, die man unbedingt vermeiden will.

Es gibt aber auch die Meinung, dass ein Grexit relativ reibungslos verlaufen oder sogar den Euro stärken könnte, da dann das Hauptproblemland, das sich nie an die Abmachungen hielt, aus dem Euro ausscheidet. Alles dies wird nun in der närrischen Woche entschieden. Aber auch in Brüssel gibt es Narren, ebenso wie in Griechenland.

Moskauer Börse mit großen Turnaround-Chancen

Die Moskauer Börse könnte in diesem Jahr die am besten performende Börse der Welt aufgrund der eklatanten Unterbewertung infolge der Sanktionen und dem stark gefallenen Ölpreis werden, wenn beide Negativfaktoren wegfallen sollten. Noch wurden die Sanktionen gegen Russland aber beibehalten. Wenn aber die Sanktionen wegfallen und zudem der Ölpreis ansteigt, werden die Kurse in Moskau nach oben explodieren wie schon zuletzt am 12. und 13. Februar. Ich rechne aber zunächst mit Rückschlägen in der Ukraine – und auch mit Griechenland – und damit mit starken Kurschwankungen in der närrischen Woche, es sei denn der Waffenstillstand wird tatsächlich dauerhaft eingehalten und die Sanktionen zurückgenommen. Dann ist die Moskauer Börse wohl die beste Turnaround-Chance des Jahres.

 

Andreas Männicke

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