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Interviews

Der Crash von Wirecard

Auffälligkeiten beim Zahlungsdienstleister Wirecard gab es schon lange. Frank Lehrbass, Professor für Finance & Data Science an der FOM Düsseldorf, hat im Juli in der Zeitschrift CORPORATE FINANCE der Handelsblatt-Gruppe zusammen mit zwei Koautoren einen Beitrag mit dem Titel „Warnsignale bei Wirecard: Eine Entzauberung in 3 Akten“ veröffentlicht. Susan Tuchel traf ihn an der FOM Düsseldorf.

Auffälligkeiten beim Zahlungsdienstleister Wirecard gab es schon lange. Frank Lehrbass, Professor für Finance & Data Science an der FOM Düsseldorf, hat im Juli in der Zeitschrift CORPORATE FINANCE der Handelsblatt-Gruppe zusammen mit zwei Koautoren einen Beitrag mit dem Titel „Warnsignale bei Wirecard: Eine Entzauberung in 3 Akten“ veröffentlicht. Susan Tuchel traf ihn an der FOM Düsseldorf.

business-on: Was sind denn die drei Akte in Ihrer Untersuchung, von denen Sie sprechen? Das klingt ja nach dem klassischen Aufbau eines Dramas.

Frank Lehrbass: Ein Wirtschaftsdrama ist die Causa Wirecard in der Tat. Der erste Akt endet am Tag vor der Veröffentlichung des KPMG Prüfberichts am 27.04.2020. Bereits vor diesem Zeitpunkt fiel Wirecard als besonderer Zahlungsdienstleister auf. Erklärungsfaktoren, die z. B. bei Mastercard und Visa über 70 Prozent der Kursbewegungen der letzten neun Jahre erklären, funktionierten bei Wirecard nicht. Die Aktienkursbewegungen von Wirecard wurden wesentlich durch Nachrichten getrieben. Negative Nachrichten haben den Kurs um zweistellige Prozente nach unten getrieben, positive um einstellige Werte nach oben.

business-on: Und der zweite Akt?

Frank Lehrbass: Der zweite Akt beginnt mit der Veröffentlichung des Berichts von KPMG vom 27.04.2020, der zu einem Kurseinbruch von 25 Prozent führte. Es wurde offenkundig, dass Wirecard selbst Minimalanforderungen des Vereinswesens verletzt hat wie z. B. fehlende Vorstandsprotokolle. Man muss also noch nicht einmal die Maßstäbe wie bei DAX-Unternehmen anlegen, um überrascht zu sein. Diese Überraschung steigert sich zum Erschrecken, weil es selbst KPMG nicht gelang, das Geschäft von Wirecard in Gänze nachzuvollziehen. Am 20.06.2020 verweigerte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY das Testat für den Jahresabschluss 2019. Damit war der letzte Akt eröffnet, der mit dem Beginn des Insolvenzverfahrens am 29. Juni endete.

business-on: Welche Lektionen für Privatanleger enthält dieses Drama?

Frank Lehrbass: Für den Privatanleger ist einmal mehr deutlich geworden, welchen Vorzug breit gestreute Investitionen bspw. in Exchange Traded Funds, den ETFs, gegenüber Investitionen in einzelne Aktien haben. Die Idee, dass man in seiner Freizeit erfolgreich die Kirschen vom Aktienbaum pflücken kann, das so genannte „stock picking“, ist eine Illusion. Wie schwierig es ist, das dafür notwendige Verständnis einer einzelnen Firma zu erlangen, zeigt der Bericht von KPMG.

business-on: Wer hatte denn überhaupt den Überblick?

Frank Lehrbass: Diejenigen, die ein zutreffendes Verständnis von Wirecard erlangt haben, sind die Hedge Fonds. Die dafür notwendige Analysearbeit ist hart und eine Vollzeitbeschäftigung. Das gilt auch für die Fachjournalisten, die sich kritisch zu Wirecard geäußert haben. Die Wetten der Hedge Fonds gegen Wirecard, sogenannte Leerkäufe oder short sellings, sorgen normalerweise dafür, dass der Aktienmarkt wachgerüttelt wird. Die BaFin hatte diese Leerverkäufe jedoch zeitweise untersagt, um Wirecard zu schützen. Zudem hatte die BaFin die Journalisten angezeigt. Die Expertengruppen für die Aufdeckung von Kartenhäusern wurden somit in ihrer Arbeit behindert.

business-on: Wer hat seinen Job nicht gemacht?

Frank Lehrbass: An allererster Stelle ist der langjährige Wirtschaftsprüfer von Wirecard zu nennen, der mit seinen Prüfungen das Ziel verfolgte, hinreichende Sicherheit darüber zu erlangen, dass der Jahresabschluss frei von wesentlichen, falschen Darstellungen ist. EY hat jahrelang testiert und damit dem Markt grünes Licht signalisiert. Wie bei kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit hätte EY dem Motto „follow the money“ hartnäckiger folgen können.

business-on: Worauf wäre dann der Blick gefallen?

Frank Lehrbass: Die Überprüfung des Asiengeschäfts wäre vermutlich intensiver gewesen. Es bedurfte der forensischen Prüfung von KPMG, um das dortige Kartenhaus zum Wackeln zu bringen. Ein forensischer Charakter auch bei den normalen Prüfungen könnte sich somit als hilfreich erweisen. Deutlich wird somit, wie wichtig eine Kontrolle der Wirtschaftsprüfung ist.
Die von der Politik avisierte Erhöhung der Haftungsbeschränkung von aktuell 4 Mio. Euro nach § 323 Abs. 2 S. 2 HGB für den Fall der Fahrlässigkeit könnte ein Anreiz sein, genauer hinzuschauen. Bei Wirecard hat sich eine Marktkapitalisierung von in der Spitze fast 25 Mrd. Euro in Luft aufgelöst. Dies verdeutlicht die Dimension der Verantwortung der Wirtschaftsprüfer, auf deren Urteil Investoren vertrauen.

business-on: Welche Rolle haben die Medien gespielt bei diesem Drama?

Frank Lehrbass: Die Medien, die selbst keine Recherche betrieben haben, haben das „Hosianna und kreuzigt ihn“ mitgemacht. Wirecard und sein CEO Braun wurden lange Jahre hochgejubelt. Der Privatanleger konnte sich durch die Testate des Wirtschaftsprüfers und das Handeln der BaFin bestärkt fühlen. Schließlich sind da wir Menschen selbst. Unsere Sehnsucht nach Märchen scheint ungestillt und die Rollenverteilung klar: Die Bösen sind die Hedge Fonds und die Journalisten der Financial Times, die ein zum DAX Konzern aufgestiegenes, ursprünglich mittelständisches Technologieunternehmen attackieren und bewusst die Märkte manipulieren. Dass das manipulative Spiel auch von Unternehmensseite gespielt werden kann, ist nun deutlich geworden.

business-on: Was ist wichtig für die Zukunft?

Frank Lehrbass: An kritischen Kontrollinstanzen führt aus Gründen des Selbstschutzes kein Weg vorbei. Beim Unternehmen selbst ist gute Corporate Governance, insbesondere unabhängige Aufsichtsräte, zentral. Die Umwelt des Unternehmens muss aufnahmefähig für kritische Botschaften sein. Dazu gehört die Freiheit der Presse oder die Möglichkeit mit Short Positionen eine negative Überzeugung zum Ausdruck zu bringen. Letzteres stiftet zudem den wirtschaftlichen Anreiz, nach „faulen Eiern“ Ausschau zu halten. Auf Short Strategien spezialisierte Hedge Fonds wollen Geld auf Basis ihrer Analysen verdienen. Fehlurteile werden dementsprechend teuer. Eine Verlustbegrenzung wie bei den Wirtschaftsprüfern gibt es hier nicht.

 

— Das Interview führte Dr. Susan Tuchel —

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Kolumne Kann passieren

KOLUMNE KANN PASSIEREN

Andreas Ballnus erzählt in seiner Kolumne „Kann passieren“ reale Begebenheiten, fiktive Alltagsgeschichten und manchmal eine Mischung aus beidem. Diese sind wie das Leben: mal humorvoll, mal nachdenklich. Die Geschichten erscheinen jeweils am letzten Freitag eines Monats in business-on.de.

Hier finden Sie eine Übersicht aller Beiträge, die von Andreas Ballnus erschienen sind.

Lesen Sie auch die  Buchbesprechung zur Antologie „Tierisch abgereimt“.

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