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Tanz der digitalen Lemminge auf der zehnten re:publica

Mehr als 8.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 60 Ländern waren auf der re:publica in der Sation Berlin zu Gast. Das ist eine neue Rekordzahl für die Gesellschaftskonferenz. Doch die digitale Zukunft ist so unklar und zersetzt wie noch nie. Ein wohlgemeinter Beitrag von re:publica-Besucherin und Medienmieze MaWa

re:publica Presse

Mehr als 8.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 60 Ländern waren auf der re:publica in der Sation Berlin zu Gast. Das ist eine neue Rekordzahl für die Gesellschaftskonferenz. Doch die digitale Zukunft ist so unklar und zersetzt wie noch nie. Ein wohlgemeinter Beitrag von re:publica-Besucherin und Medienmieze MaWa

Auf insgesamt 17 Bühnen, mit rund 770 Sprecherinnen und Sprechern, einem Frauenanteil von 46 Prozent, wurde sich unter anderem zu Netzpolitik, Hate Speech, der Zukunft von Musik, Immersive Arts, Bildung, Virtual Reality und vielen weiteren Themen ausgetauscht, die für die digitale Gesellschaft wichtig sind. Insgesamt gab es etwa 500 Sessions, davon über 220 Vorträge auf Englisch. Die re:publica ruft in die Welt: bloß was eigentlich genau?!

Als Besucher fühlt man sich regelrecht erschlagen von der Vielfalt: da wechseln sich bezahlte Redner und altbekannte (und damit auch oft  gehörte) Speakerstars mit Firmenlobbyisten und unbekannte und eher unspektakulären Speakern mit den digitale Natives ab. Und doch schienen die digital Naiven in der Überzahl. Sie tanzen wie Lemminge über dem Abgrund und merken es nicht mal: denn sie schauen dabei ständig auf ihr Smartphone oder Tablet. Viele Besucher wirkten dann auch eher irritiert als infomiert.

Zukunft der Arbeit, die Älteren, die Jüngeren und auch nicht das wachsende Prekariat ist ein Thema: die Thirtysomethings bestimmen das Bild – und die schauen sich nicht an, sondern meistens auf ihr Display. Eine Abgrenzung oder Solidarisierung mit weniger Elitärem als die digitale Republik ist nicht spürbar. Und sie tanzen mit ihren Fingern über die Apps. Und so senden viele der Teilnehmer weiter unverschlüsselte Mails, nutzen (bislang) ungesicherte Whats Apps und huldigen den Großfirmen und den Tracking- und Überwachsungssystem von hier steuerbefreiten Google, Facebook & Co. Nach uns die Schuldenflut. Und alle wollen was mit Medien machen oder irgendwann mal ein Start Up gründen und ein Problem lösen und damit irgendwie famous werden und dann auch mal als Redner auf der re:publica eingeladen zu werden – mit VIP-Bändchen, versteht sich.

Die re:publica macht alles etwas  erträglicher – für kurze Zeit

Europa hat keine Antwort und keine technischen Innovation für oder gegen Radikalisierung / diese Amerikanisierung und Kapitalisierung der digitalen Welt – und auch nicht auf TTIP und AFD, Rechtsrucke überall,  Cybermobbbing und (des) information overkill. Keine Antwort auf Trollfabriken aus Russland und keine Antwort auf die Abgrenzung von Flüchtlingen und den Versuch, weiter die Löhne weltweit zu drücken die Gelder abzuziehen in den Finanzmarkt und an die Börse künstlich zu pumpen, anstatt in Menschen. Von der Zukunft der „Älteren“ und Alten ganz zu schweigen. Der Konkurrenzkampf in der Branche ist so hoch, die (Berufs-) Ausbildung schlecht, die Bezahlung nicht besser, so dass viele unentgeltlich pitchen oder Aufträge vergeben für Umme. Das Geld ist da, wird nur falsch bzw. ungerecht verteilt. Darüber wird aber nicht gesprochen. eines der großen (und letzten) Tabus dieser Generation. 

Auch die Digital Media Woman haben all dem nichts entgegenzusetzen und singen ihre alte Leier: Frauen können und sollen sich an der Medien- und IT-Gesellschaft einbringen. Dass dann immer nur ganz wenige die Hand heben, wenn nach der tatsächlichen Unternehmensgründung gefragt wird, wird in keinerlei Zusammenhang mit der mangelnden Bezahlung und der Nichtexistenz der Frauen in eben solchen Vorstandsetagen (und damit Teihabe an der Wirtschaftsmacht) gebracht. 

Die Republik der digitalen Menschen ist thirtysomething, aber wenig erwachsen

Eine übergeordnete Message oder praktikabel Lösungsansätze auch für die Zukunft jenseits der dreißig sind hier nicht zu erkennen. Einen Herr Snowden zuzuschalten, ohne die Strahlkraft des Kongresse zu nutzen und das Asyl für Deutschland und generell Whistleblower zu fordern, bringt nichts und niemanden was. Und so schweigt die Mehrheit über ihre (künftigen) Arbeitgeber und das marode Wirtschaftssystrem. Zu merken ist nur, dass alle irgendwas mit Medien und Internet machen wollen. Digtial 4.0 ist das neue Manna, das vom Himmel fällt. Und so wundert es auch nicht, wenn große Firmen präsent sind und ihre Werbung platzieren und auch Media Convention eher eine biedere Werbeveranstaltung für Großprojekte als eine Förderung von kleinen Projekten verspricht. Und auch ein Öttinger wirkt deplaziert auf einer republica. Satire eventuell,  politische Kritik ist aber wohl fehl am Platz. Der Kongress tanzt um sich selbst und übt sich in feinster Ironie.

Bei allzu großer Kritik und unkonventionellem Verhalten – Systemcrash!

Wer weiß, wie draußen vor der Tür tatsächlich gearbeitet wird, der empfindet das sowieso eher als Karneval und Aschermai ist wieder alles vorbei. Eine Zukunftsvision bleibt auch in diesem Jahr aus. Weil es keine gibt. Frauen – Europa- Flüchtlinge – Darknet – ein neues / eigenes (europäisches) Whitenet als Alternative zum werbeverseuchten Google – Datenschutz? Mal sehn … Am Stand über Zukunft der Arbeit konnte man dann auch zur Bewertung der Arbeit (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) nur 3 Antwortmöglichkeiten jeweils einmalig zuordnen: gut – neutral – schlecht.

Wer dann auf dem Display zweimal „schlecht“ anwählte, weil er Vergangenheit und Zukunft als schlecht bewertete, crashte das System und musste mit Hilfe der Standhostessen dann den Button: „bitte überspringen“ drücken. Oder wurden von denselben  (natürlich weiblich, das erhöht die Quote der Frauen, die irgendwie dabei sind) freundlich überredet versucht, doch den Button „finde ich gut“ zu drücken mit der überraschten Frage: Sie fanden die Vergangenheit ihrer Arbeit schlecht? Warum denn? Wollen Sie dann nicht wenigstens die Zukunft mit „gut“ bewerten? Beispielhafter kann man diese Veranstaltung nicht zusammenfassen.

Im kommenden Jahr findet die re:publica in Berlin in der Woche vom 8. bis 14. Mai 2017 statt.

MAWA (Martina Wagner)

 

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