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„Wir brauchen Seminare, in denen die Teilnehmer sich selber besser kennenlernen“

Diplom-Psychologe und Personalentwickler Jürgen Scholz spricht über berufliche Weiterbildung und erklärt, warum klassische Präsenzseminare im Digitalzeitalter ihre Berechtigung haben.

IME Institut f�r Management-Entwicklung

2016 ist für das IME ein besonderes Jahr. Seit 40 Jahren ist das Institut für Management-Entwicklung Partner für Personalentwicklung und erfolgreicher Anbieter von Offenen Seminaren und Inhouse-Maßnahmen. Jürgen Scholz, von 1981 bis 2006 mit dem IME in verantwortlicher Position verbunden, hat als Geschäftsführer und Gesellschafter viel zum Erfolg des Unternehmens beigetragen. Im Interview verdeutlicht er, warum Präsenzseminare auch nach Jahrzehnten nicht an Bedeutung verloren haben.

Wo sehen Sie die Aufgabe von beruflicher Weiterbildung heute?

Jürgen Scholz: Berufliche Weiterbildung muss differenziert denkende und handelnde, selbsteinsichtige und motivierte Persönlichkeiten entwickeln, die mit den komplexen Gegebenheiten ihres beruflichen Umfeldes gut zurechtkommen.

Ist das nicht unter anderem eine Aufgabe schulischer Bildung?

Jürgen Scholz: Wir sind alle sehr gut ausgebildet und haben umfangreiches Fachwissen. Aber wenn es darauf ankommt, in einer Gruppe mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Aussagen aufzudecken, kritisch zu hinterfragen und eigene Vorstellungen und Problemlösungen zu präsentieren, fehlt es nach meiner Einschätzung an genügend starken Persönlichkeiten. Dies ist eine große Herausforderung für Unternehmen und Weiterbildungspartner wie das IME. Wir brauchen deshalb Präsenzseminare, in denen die Teilnehmer ihr Auftreten und Verhalten auf den Prüfstand stellen, qualifizierte und fördernde Rückmeldungen erhalten, um angemessene Veränderungen für sich einleiten zu lernen.

Was macht Seminare als berufliche Weiterbildungsmaßnahmen so effektiv und nachhaltig bedeutsam?

Jürgen Scholz: In einer arbeitsteiligen Organisation geht es darum, als Teil eines größeren Ganzen wirkungsvoll tätig zu sein und Ergebnisse zu erzielen. In solchen Situationen sind Menschen voneinander abhängig. Sie brauchen einander und müssen gemeinsam zielkonforme Lösungen erarbeiten. Dies gelingt nur durch überzeugende Argumentation und empathische Kooperation. Diese Einstellungs- und Verhaltensweisen können trainiert werden. Das IME ist vor 40 Jahren mit der Motivation gegründet worden, Weiterbildung für Wirtschaftsunternehmen anzubieten. In erster Linie konzentrierten wir uns in den Anfangsjahren auf Seminare, die die Zusammenarbeit, die Kommunikation, das Miteinander in den Unternehmen verbessern sollten. In Präsenzseminaren lassen sich diese Themen sehr gut behandeln.

Worin liegt die besondere Stärke von Seminaren?

Jürgen Scholz: Wir sind als Menschen in unserer Wahrnehmung so eingeschränkt, dass wir nur das verarbeiten und akzeptieren, was zu unseren Vorstellungen, Einstellungen und Bedürfnissen passt. In Seminaren werden unsere kognitiven Muster durch andere Teilnehmer oder den Trainer erkannt und offen gelegt. Das führt dazu, dass sich jeder Einzelne seiner persönlichen Wahrnehmungs- und Handlungsanweisungen bewusst wird und erfährt, wie andere ihn einschätzen. Dieses Wissen über mich kann ich in Seminaren gut reflektieren. Ich erfahre, wo meine Stärken, Begrenzungen, aber auch Verbesserungspotenziale liegen. Dies ist ein wesentlicher Grund, weshalb ich persönlichkeitsbildende Seminare für unverzichtbar für jeden Berufstätigen halte.

Warum sind Präsenzseminare so wichtig?

Jürgen Scholz: In solchen Seminaren können Teilnehmer ihr Verhalten reflektieren. Sie erleben sich im Spiegel der Beobachtungen und Einschätzungen anderer Seminarteilnehmer und natürlich auch des Trainers. Dies hilft ihnen, neue bzw. erweiterte Kenntnisse über ihre Wirkung auf Bezugspersonen zu erhalten und Veränderungen in ihrem Verhalten anzustreben und auszuprobieren. Solche Prozesse lassen sich nur in Präsenzveranstaltungen realisieren.

Welche Rolle haben dabei die Trainer?

Jürgen Scholz: Den Seminarleitern kommt eine besondere Rolle zu. Neben ihrer psychologischen Kompetenz müssen sie die Fähigkeit besitzen, die Voraussetzungen für Selbsterfahrungsprozesse zu schaffen und die Teilnehmer während der Veranstaltung differenziert und individuell zu unterstützen und zu begleiten. Die Trainer des IME kennen zudem die Arbeitswirklichkeit in Unternehmen aus eigener Erfahrung und wissen um die zwischenmenschlichen Konfliktsituationen im Beruf. Sie haben durch ihre langjährige Trainingserfahrung das nötige Gespür, Menschen anzuregen, sich alternative Handlungsoptionen zu überlegen und diese dann auch zu praktizieren.

Was kann der Seminarteilnehmer selbst dazu beitragen?

Jürgen Scholz: Jeder Teilnehmer sollte die Bereitschaft zur Selbstreflexion mitbringen und den Wunsch, sich weiterentwickeln zu wollen. Dann bietet jedes derartige Seminar für jeden eine gute Chance.

 

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