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Interviews

Tennisunternehmer und ATP-Turnier Veranstalter Marc Raffel zum Tennissport

Vom 18. bis zum 25. Januar findet das 11. Mal das SEGRO International Tennis Turnier in Kaarst statt. Mit den „SEGRO International“und dem „Maserati Challenger“ in Meerbusch beheimatet der Rhein Kreis Neuss nach dem Aus des ATP Turniers im Düsseldorfer Rochusclub mittlerweile die zwei bedeutendsten und größten Tennisveranstaltungen an Rhein und Ruhr mit einer sehr positiven Perspektive. Business-on.de hat den Veranstalter und Tennisunternehmer Marc Raffel zum Interview gebeten.

Marc Raffel

Business-on.de: Was muss eine Sportart nach Ihrer Einschätzung ausmachen, um für das Fernsehen attraktiv zu sein?

Marc Raffel: Eine Sportart muss natürlich spannend sein: Das bedeutet, dass der Wettkampf gegeneinander ausgetragen wird, sprich Sportler gegen Sportler. Da geht es um gewinnen oder verlieren – das passt beim Tennis besser zusammen als z.B. im Mannschaftssport. Während dort immer noch ausgewichen und Verantwortung und Schuld abgegeben werden können, kommt es beim Tennis auf den Sportler alleine an – entweder man schafft es oder eben nicht. Darüber hinaus sollte eine Sportart kurzweilig und sehr international sein. Am Tennissport gefällt mir, dass er global immer zu am absoluten Top Sportarten zu zählen ist, was vielleicht nur noch auf maximal ein, zwei andere Sportarten zutrifft.

Business-on.de: Andersherum gefragt: Welche Schwächen hat Tennis dahingehend?

Marc Raffel: Die Spielzeiten sind teilweise zu hoch. Allerdings sehe ich da für den Profisport keine einfache Lösung. Denn gleichzeitig lebt der Sport regelrecht von diesen Schlachten, vor allem bei den Grand Slam-Turnieren. Da ist nach 0:2-Sätze immer noch alles offen – das hat uns damals bei Becker & Co. schon fasziniert und das hat sich bis heute nicht geändert.

Business-on.de: Ein Merkmal von Mediensportarten sind veränderte Regeln, um den Sport spannender zu machen. Ist Tennis dahingehend innovativ genug?

Marc Raffel: Das würde ich schon so sagen. Es gibt einige Ansätze wie die des australischen Tennisverbandes. Der hat z.B. verkürzte Sätze und die Abschaffung der Aufschlagwiederholung nach einem Netzroller vorgeschlagen. Die „No-Ad“ -Regel, die es bereits im Doppel gibt, finde ich allerdings am attraktivsten. Vieles andere sehe ich im Profisport eher skeptisch. Wer zu viel experimentiert, kann auch viel verunstalten. Aber für den Club- und Breitensport sind diese Ansätze interessant, denn da geht es um unsere Freizeit. Und Tischtennis hat gezeigt, dass Regeländerung durchaus gut angenommen werden, da wurden die Sätze ja auch gekürzt.

Business-on.de: Welche Vorschläge haben Sie selbst bezüglich sinnvoller Regeländerungen?

Marc Raffel: Wir haben damals für die Bundesliga die Regeländerung „Matchtiebreak“ eingebracht. Da war viel Überzeugungskraft notwendig, viele haben sich sehr schwer damit getan. Aber im Nachhinein war sie richtig, denn die Tagesspielzeiten wurden um bis zu zwei Stunden verkürzt, sodass auch die Zuschauer „nur“ noch sechs statt acht Stunden auf der Anlage verbringen mussten. So können auch die Medien besser von den Spieltagen berichten.

Business-on.de: Tennis entwickelt sich seit Jahren weg von Slice und Volley hin zu schnellem Grundlinienspiel. Ist Tennis noch variabel genug?

Marc Raffel: Das Spiel ist sicher viel monotoner geworden. Vor allem das Damentennis leidet unter zu wenig variablem Spiel. Das Schlägermaterial hat das Spiel sehr schnell gemacht, viele Spieler haben Angst davor ans Netz zu stürmen. Gerade die Topspieler returnieren und passieren sehr gut. Ich hoffe auf eine gute Mischung in den nächsten Jahren, so daß offensiv ausgerichtete Spieler wie Raonic, Cilic & Co. auch ihre Chance bekommen. Die Verschiedenartigkeit der Beläge (Rasen, Hartplatz, Asche) sollte ein übriges dazu beitragen.

Business-on.de: Es kommt immer wieder die Kritik auf, Tennis werde nicht oft genug im deutschen Fernsehen gezeigt – was halten Sie von dieser Kritik?

Marc Raffel: Das sehe ich genauso. Die Grand Slam-Turniere finden hierzulande kaum statt und auch die ATP Tour Finals waren unter ferner liefen. Das ist für mich ein Skandal. Die Konzentration liegt viel zu sehr auf Fußball und geradezu tagelangen Wintersportübertragungen. Das kostes uns Tennisfans natürlich viel Kraft. Die TV Anstalten beurteilen die Sportarten leider zu oft aus dem Blickwinkel der Kosten und weniger der Fans. Die vielen Tennisfans in Deutschland werden leider Jahr für Jahr verschaukelt. Immerhin gibt es über Sky die Möglichkeit, kostenpflichtig Turniere wie Wimbledon oder die ATP Tour Finals anzuschauen.

Business-on.de:Ist das auch ein Grund dafür, dass sich mittlerweile immer weniger Menschen für den Sport interessieren?

Marc Raffel: Absolut. Dabei hat Tennis in Deutschland viel mehr Fans, als man denkt. Die große Masse hat es sich über die Jahre abgewöhnt den Tennissport im TV zu erwarten. Ein Teil der Misere ist jedoch auch hausgemacht. Durch die seit den 90er Jahren aufwendig veränderte neue Altersklassenregelung hat sich der Tennissport hierzulande leider auch von seiner Qualität verabschiedet. Der Fokus vieler Medien richtet sich auf das enorme Aufkommen der Seniorenklassen weg vom offenen Damen- u. Herrentennis. Der alternde Tennisspieler kümmert sich leider somit oft nur noch um sein eigenes Tennisspiel anstatt dem Nachwuchs auf der Tribüne die Daumen zu drücken. Kaum ein Verein bringt noch eine nennenswerte Nachwuchsförderung auf den Weg. Das stimmt mich traurig.

Business-on.de:Ein weiteres Merkmal von Mediensportarten sind die nationalen Erfolgschancen und die Prominenz der Sportler. Stimmt das?

Marc Raffel: Dieses Merkmal spielt eine herausragende Rolle, nur eins ist dabei zu bedenken: Damals vor dem sogenannten Becker-Boom war das Interesse am Tennissport bereits sehr groß. Dafür war die ureigene Attraktivität der Sportart Tennis selbst verantwortlich. Chris Evert, Martina Navratilova, Arthur Ashe, Jimmy Connors, Björn Borg, Ivan Lendl und John McEnroe waren auch bei uns schon Helden, da hatten wir noch gar keinen deutschen Star. Mit Becker und Graf kam dann die große Explosion und anschließend der Katzenjammer. Denn anstatt die eingenommenen Gelder zu investieren wurde die Hochzeit beim DTB verschlafen. Die aktuellen Tennisstrukturen in Deutschland sind leider veraltet, verkrustet und verlieren sich im „Klein Klein“, daran haben sich in den letzten Jahren bereits viele verhoben. Um einen Star oder wenigstens einige neue Spitzenspieler konstant zu entwickeln bedarf es in Tennis Deutschland erdrutschartige Reformen. Da diese ausgeblieben sind, gehen viele junge Talente ihren eigenen Weg.

Business-on.de:Wie gut sind die Erfolgschancen im deutschen Tennis und sind die deutschen Spieler prominent genug?

Marc Raffel: Die Damen haben da sicherlich aktuell eine bessere Perspektive als die Herren. Das Fed-Cup Team stand im Finale, Angelique Kerber gehört konstant zu den besten zehn Spielerinnen der Welt, Sabine Lisicki stand 2013 im Finale von Wimbledon… Trotzdem braucht es einen Grand Slam-Titel, um den ganz großen Erfolg zu feiern und landesweit für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Herren haben eher ein Imageproblem: Es gibt zu viele farblose Spieler, die alle ganz gut in der Weltrangliste platziert sind, aber nicht weiter auffallen.

Business-on.de: Wie wichtig ist die (Eigen)vermarktung von Tennisspielern neben dem Platz für die Attraktivität des Sports? Und für wie hoch halten Sie den „Kultfaktor“ der deutschen Spieler?

Marc Raffel: Ich halte die Vermarktung einerseits für wichtig, weil sie die Spieler in der breiten Öffentlichkeit bekannter macht. Leider sind die öffentlichen Auftritte der Sportler jenseits des Platzes mittlerweile alles andere als interessant. Ob Fußballer, Tennisspieler Mannschaftssportler oder Einzelsportler, man hört doch immer das Gleiche. Vorgefertigte Antworten und angepasstes Verhalten machen leider allzu oft die Runde. Alle sind nett, haben eine moderne Frisur, sind tätowiert und umarmen sich regelmäßig. Wo ist da eigentlich der bemerkenswerte Typ? Wie erfrischend war da doch das Interview von Per Mertesacker nach dem Fussball WM Spiel gegen Algerien im vergangenen Sommer!

Business-on.de: Ein entscheidendes Merkmal ist auch die Organisation nationaler Verbände für die Förderung des Sports. Wie beurteilen Sie die Arbeit des DTB?

Marc Raffel: Interessen, die nicht an einem Strang ziehen und die Entwicklung junger Sportler damit aufhalten. Nicht umsonst sind die deutschen Spieler, die auf der Tour unterwegs sind, auf sich gestellt und müssen ihren Trainer, Physiotherapeuten und eine Trainingsgruppe selbst organisieren. Hier komme ich zurück auf die Feststellung, daß hier zu Lande zu viel in den Seniorensport investiert wird und nicht in die Nachwuchsförderung. Da fehlt es an allen Ecken und enden. Für den Spitzensport müssten die Verbände sich viel mehr öffnen und ihre eigenen Regeln und Konventionen überprüfen. Vielen Talenten fehlt eine Perspektive. Ich befürworte hier z.B. eine stärkere Kooperationen zwischen den Verbänden und den Turnierveranstaltern bzw. den Verbänden und den Tennisschulen und Tennis Akademien. Gute Ansätze, auch hier im Tennisverband Niederrhein, gibt es erfreulicherweise neuerdings, hier muss aber nachgearbeitet werden.

Business-on.de: Ein weiteres Mediensportmerkmal: Je gleichwertiger die Gegner, desto höher der Spannungsgrad. Wie viel Spannung bieten Tennismatches bezüglich Leistungsniveau und Konkurrenzkampf?

Marc Raffel: Spannung entsteht durch hohes spielerisches Niveau, head-to-head-Duelle und authentische Persönlichkeiten – das ist beim Tennis definitiv alles gegeben. Da sind die Herren den Damen allerdings voraus, denn diese haben deutlich mehr Charaktere entwickelt. Das Duell der „Big Four“ um Djokovic, Federer, Nadal und Murray ist da vor allem zu nennen. Früher waren es die Duelle von Pete Sampras und André Agassi, die begeistert haben. Bei den Damen kann man vielleicht Serena Williams und Maria Sharapova dazuzählen. Alle anderen Spielerinnen verschwimmen doch eher in einer großen Masse. So gut sie mittlerweile spielen, so wenig prägnant sind sie für die Öffentlichkeit.

Business-on.de:Ist Tennis für Sie eine Mediensportart?

Marc Raffel: Ja, definitiv. Es wird künftig sicher mehr über die neuen Medien gehen, sprich dass z.B. Übertragungen per Livestream im Internet gezeigt werden. Im Fernsehen wird es dagegen sehr schwer bleiben, auch weil die Rechte sehr teuer sind und Fußball weiterhin die dominante Sportart bleiben wird. Sehr kritisch sehe ich dabei jedoch die erschlagende Präsenz des Wintersports im TV, die alles andere als verhältnismäßig erscheint. Die einzige Chance für den Deutschen Tennissport im TV ist ein neuer Star, der die Menschen und die Nation wieder begeistert. Hierzu müssen alle wieder an einem Strang ziehen.

Business-on.de:Herr Raffel, erzählen Sie uns doch ein wenig zum SEGRO International Turnier. Was erwartet uns in Kaarst?

Marc Raffel: Das Motto des diesjährigen SEGRO International Turniers lautet „die ATP und WTA Tennisnachwuchsshow“. Dies hat seinen guten Grund, denn in der Vergangenheit hat so ein oder anderer Spieler hier seine Weltkarriere gestartet. Vor vier Jahren war es Milos Raonic, der neue kanadische Tennissuperstar, mittlerweile unter den Top acht der Welt. Oder Ivan Dodig, der kürzlich bei den ATP tour Finals im Doppel Vizeweltmeister wurde. Annika Beck startete bei den SEGRO International im Jahr 2010 mit dem Turniersieg ihre internationale Karriere, Philipp Petzschner, immerhin zweifacher Doppel Grand Slam Sieger (Wimbledon &US-Open), gehört ebenfalls zu den Stars der letzten Jahre, genauso wie Elena Bovina ehemalige Top 10-Spielerin der WTA tour. Viele deutsche Tennisgrößen wie Dinah Pfitzenmaier, Daniel Brands, Julian Reister oder Mischa Zverev schlugen im Tespo Sportpark in den letzten Jahren auf. Auch diesmal gibt es wieder absolutes Spitzentennis in Kaarst zu bestaunen, wenn die Nachfolger der Titelverteidiger Nastja Kolar (WTA 251, CRO) und Nikoloz Basilashvili (ATP 161, GEO) ausgespielt werden. Wieder werden insgesamt 25.000 US Dollar Preisgeld und über 200 ATP- bzw. WTA-Weltranglistenpunkte ausgeschüttet.

Business-on.de: Vielen Dank, Herr Raffel!

 

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