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Mit Wut und Mut gegen Gewalt

Sie ist zierlich aber robust, wütend aber nicht verbissen, modern aber mit Tiefgang: Monika Hauser. Für ihre Sache kämpft sie unnachgiebig gegenüber denen, die Gewalt zulassen, und mit viel Einfühlungsvermögen und Intelligenz für diejenigen, die Opfer in doppelter Sicht sind. Es ist ihr Kampf gegen Sexualgewalt und gesellschaftliche Ächtung. 2008 wurde sie dafür mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Medica Mondiale e.V.

Vor rund 15 Jahren hängt Dr. Monika Hauser ihren Job als Gynäkologin an den Nagel und gründet in Köln den Medica Mondiale e.V., um „traumatisierte Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten“ zu unterstützen. Inzwischen arbeiten rund dreißig Mitarbeiter in dem Büro – weltweit insgesamt 180 Helferinnen – sammeln Spenden für Projekte in Bosnien, Kosovo, Afghanistan, Liberia, Kongo, usw., koordinieren Hilfsprojekte, bilden Frauen vor Ort zur Selbständigkeit in diesen Projekten aus und schaffen weltweite Netzwerke. 2008 wird die tatkräftige und willensstarke Powerfrau mit dem alternativen Nobelpreis, dem Right Livelyhood Award, ausgezeichnet. Er wurde ihr „für den unermüdlichen Einsatz für Frauen, die in Krisenregionen schrecklichste sexuelle Gewalt erfahren haben, und für ihren Kampf, ihnen gesellschaftliche Anerkennung und Entschädigung zu verschaffen“ verliehen. Treibende Kraft für ihr beharrliches Engagement waren ihre Erlebnisse im Bosnienkrieg, in dem über 20.000 bosnische Frauen systematischen Massenvergewaltigungen zum Opfer fielen.

Vergewaltigung von Frauen in allen sozialen Schichten

Monika Hauser, 50, wächst als Tochter Südtiroler Eltern in der Schweiz auf. Nach dem Abitur geht sie nach Innsbruck, um Medizin zu studieren. Die anschließende Facharztausbildung zur Gynäkologin absolviert sie an der Universitätsklinik in Essen. Als Assistenzärztin erlebt sie, dass die Vergewaltigung von Frauen ein Alltagsthema ist. Sie macht die Erfahrung, dass Frauen aus allen sozialen Schichten unabhängig von Ethnie, Nationalität oder Beruf betroffen sind. Also auch Frauen, die auf der Privatstation liegen. Und sie stellt fest, dass die reine Schulmedizin nicht ausreicht, um den Opfern Würde, Selbstachtung und Lebenskraft zurückzugeben. Die Erkenntnis lässt Monika Hauser nicht locker. Zusammen mit einer Psychologin baut sie an der Uniklinik Essen ein Selbsthilfeprojekt auf. Die erarbeiteten Standards werden in einem Fachbuch zusammengetragen. Zu dem Zeitpunkt ahnt sie noch nicht, wie sehr dieses Thema sie ein Leben lang begleiten wird.

100.000 Flüchtlingsfrauen in Bosnien

Als Monika Hauser von den Massenvergewaltigungen in Bosnien erfährt, zögert sie nicht lange, fährt mitten ins Krisengebiet und „mischt sich ein“. Wut und die Entschlossenheit zu helfen, waren der Ansporn. Das war im Winter 1992. Wütend hatte sie die sensationsheischende Sprache der Medien gemacht. Die Geschichten von Frauen, die den Mut hatten, darüber beispielsweise im „Stern“ zu reden, waren aus ihrer Sicht extrem ausgeschlachtet worden. Da sie keine Idee hatte, wo sie die vergewaltigten Frauen unterstützen kann, erkundigt sie sich zunächst bei internationalen Hilfsorganisationen wie dem Roten Kreuz, Cap Anamur, etc.. Die zeigten wenig Interesse und behaupteten, dass man diesen geschändeten Frauen nicht helfen kann. „Diese Reaktion hat mich dann noch wütender gemacht“. Also machte sie sich auf eigene Faust auf den Weg ins Kriegsgebiet. Über Kontakte in Zagreb wird sie auf Zenica in Bosnien aufmerksam. Dort lebten damals über 100.000 Flüchtlingsfrauen in Schulen und Lagern. Hausers Kolleginnen in Essen machten sich parallel dazu auf Spendensuche für medizinisches Instrumentarium.

Vor Ort lernt Monika Hauser sehr schnell bosnische Ärztinnen, Gynäkologinnen, Anästhesistinnen und Psychologinnen kennen, mit denen sie sich problemlos in Englisch und Deutsch austauschen kann. Die Frauen waren äußerst motiviert, mit ihr zusammen ein Zentrum aufzubauen, das fachlich und solidarisch auf die Flüchtlingsfrauen ausgerichtet ist, erzählt die Resolute. Denn sie hatten in der Klinik schon viele vergewaltigte, hochschwangere Frauen behandelt und erlebt, dass sich Betroffene teilweise umgebracht hatten, weil Ihnen ein Schwangerschaftsabbruch verweigert worden war. Das im Essener Selbsthilfeprojekt erarbeitete Konzept stellte sich erstmals als echte Unterstützung heraus. Aber auch in finanzieller Sicht hatte Monika Hauser Glück. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) hatte zusammen mit dem Mona-Lisa-Spendenfonds Geld für die vergewaltigten bosnischen Frauen gesammelt. 250.000 Mark waren zusammengekommen, die man ihr für das Zenica-Projekt zur Verfügung stellte. Davon konnte vom OP-Tisch bis hin zu Zahnbürsten und Tampons vieles eingekauft werden.

Gabe zur Motivation

Das neue Frauenzentrum wurde feierlich im April 1993 eingeweiht.
Honoratioren der Stadt, vom Bürgermeister bis zum Imam, und die Presse waren der Einladung gefolgt. Das war wichtig, weil das Zentrum natürlich auf Unterstützung angewiesen war. Aber selbstverständlich war das nicht. Denn schließlich war sie in deren Augen – so schildert es Monika Hauser – eine durchgeknallte, 33-jährige deutsche Ärztin in Leggings, die nicht wie eine reife Ärztin aussieht. Aber sie brachte ein klares Konzept mit und die Gabe, andere zu motivieren. Und das überzeugte. Der Imam, beispielsweise, akzeptierte denn auch Schwangerschaftsabbrüche im Frauenzentrum. Der Bürgermeister half den Ärztinnen bei den bürokratischen Formalien. Die Medien vor Ort berichteten von der Arbeit. Selbst das bosnische Militär unterstützte die Arbeit und verteilte Flugblätter an der Front. Die mutigen Frauen erhielten außerdem die Erlaubnis, ihre Patientinnen schon während des Krieges auszubilden, damit diese für sich und ihre Kinder einmal den Lebensunterhalt verdienen können.
Schnell kamen weitere Frauenhäuser hinzu, die von den eingearbeiteten Mitarbeiterinnen nunmehr in Eigenregie betrieben werden. Im ersten Jahr betreuten Monika Hauser und ihre Helferinnen rund 4.000 Frauen allgemeinmedizinisch, gynäkologisch und psychologisch. Inzwischen wurden in einem Zeitraum von fünfzehn Jahren 70.000 Frauen behandelt – das entspricht der Größe einer mittleren bosnischen Stadt.

Unabhängigkeit und Selbstbewußtsein schaffen

Können diese traumatisierten Frauen eigentlich noch ein ganz normales Familienleben führen? Monika Hauser verneint das. Wer einen Genozid und so schwere Menschenverletzungen überlebt hat, kehrt nicht mehr in das normale Leben zurück, so die Ärztin gegenüber business-on.de. Aber ihre Organisation kann dazu beitragen, dass die betroffenen Frauen, ob in Bosnien, Kosovo, Liberia, Afghanistan oder Kongo, lernen, ihre Symptome zu verstehen, in den Griff zu bekommen und sich zu stabilisieren. Dazu gehört auch, dass den Frauen das nötige Rüstzeug mitgegeben wird, um ein eigenes Einkommen zu erzielen. Viele von ihnen sind heute wirtschaftlich unabhängig und leben beispielsweise von Ackerbau und Viehzucht. Sie verdienen mit ihrer Arbeit das Geld, um ihre Kinder in die Schule schicken zu können. Und sie sorgen dafür, dass Betroffene und vor allem Witwen aus den Nachbarorten ebenfalls Zugang zum Projekt bekommen. Das schafft Unabhängigkeit und Selbstbewusstsein, betont Monika Hauser. Vom Opfer zur Gesellschaft verändernden Kraft, so möchte der Verein Medica Mondiale seine Arbeit verstanden wissen. Auch wenn ihr Engagement vielfach mit Ärger, Frust und Entbehrungen verbunden ist, die Ärztin bereut es nicht. Der Erfolg ihrer Organisationen in Bosnien und Kosovo hat ihr Mut gemacht und bestärkt sie darin, immer wieder neue Projekte in Krisen- und Kriegsgebieten in Angriff zu nehmen.

Die Ärztin mit italienischem Pass war schon in jungen Jahren für das Thema Gewalt an Frauen sensibilisiert worden. „Ich hatte von meinen Vorfahrinnen, das heißt von Großmutter, Tanten und Mutter, viele Gewaltgeschichten aus dem von Machtkämpfen gebeuteltem Südtirol gehört „, erzählt Monika Hauser. Es waren Geschichten, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurden. Diese transgenerationellen Traumata beschäftigten sie und weckten schon früh in ihr den Wunsch, etwas gegen Gewalt an Frauen zu tun. Deswegen erschien ihr auch der Ärzteberuf mit Fachrichtung Gynäkologie der naheliegendste zu sein. Aber sie wollte nicht nur Ärztin sein, sondern auch für Menschenrechte einstehen und Politik sowie Gesellschaft dazu auffordern, etwas dagegen zu tun. „Wenn wir heute 40 Prozent Frauen haben, die Gewalt erfahren, dann gibt es auch 40 Prozent Täter“, erklärt Monika Hauser im Gespräch mit business-on.de.

Vergewaltigung von Männern ein Tabu-Thema

Bei vielen Menschen ist der Eindruck entstanden, dass die Zahl der misshandelten Frauen und Kinder in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren zugenommen hat. Laut Monika Hauser trifft das nicht zu. Es seien die Medien, die die brutalen Fälle stärker aufbauschten, sodass der Eindruck entstehe, dass es mehr geworden sind. Was zugenommen habe, sei die Prostitution und Ausbeutung der Frauen über das Internet und die privaten Medien. Großplakate, wie beispielsweise die Werbung für erotische Online-Kontakte mit einer spärlich bekleideten Frau und der Aufforderung „Klick mich“, müssten verboten werden, fordert die Ärztin. Das sei nicht nur entwürdigend für die Frauen sondern auch für das Männerbild unserer Gesellschaft.
Warum wird eigentlich die Vergewaltigung von Männern in der Öffentlichkeit nicht thematisiert? Das ist ein komplettes Tabu-Thema, so Monika Hauser. Man wisse ganz wenig drüber, weil Männer in unserer patriarchalischen Gesellschaft nicht darüber reden können. Wer erzähle, dass er vergewaltigt wurde, habe seine Ehre komplett verloren. Er sei sozusagen entmannt. Bekannt sei, dass Männer auf den Polizeistationen in Afghanistan, in Guantanamo, im Irak, etc. vergewaltigt werden.

Wenn man das schreckliche Leid über viele Jahre hautnah erlebt, reicht eine dicke Haut allein nicht aus. Als Monika Hauser Ende 95 einen schweren Zusammenbruch hatte, wurde für alle Projektbeteiligten die professionelle Supervision als Muss eingeführt. Seitdem achtet die Ärztin auch ganz bewusst darauf, ihre privaten Batterien zu pflegen und aufzufüllen. Dazu gehört auch, mal schön mit ihrem Mann Klaus-Peter Klauner essen zu gehen, Sport zu machen oder mit ihrem Sohn Luca etwas zu unternehmen. Von ihrem Ehemann wird sie hervorragend unterstützt. Er hat seine Karriere an den Nagel gehängt und managt Kind und Haushalt.

Spenden gefragt

Und was wünscht sich Monika Hauser für die Zukunft? Sie möchte ihre Arbeit auf jeden Fall fortsetzen. Deswegen ist ihr größter Wunsch, dass die Medica Mondiale in Zukunft finanziell abgesichert ist und sie bzw. ihre Mitarbeiterinnen sich nicht ständig Sorgen machen müssen, wie es weitergeht. Und sie wünscht sich, dass ihre Arbeit politisch besser unterstützt wird als das bisher der Fall ist. Sie hat zwar geschafft, dass das Thema sexuelle Kriegsgewalt inzwischen auf der Agenda der internationalen Hilfsorganisationen, der UN und der internationalen Politik steht. Aber das reicht ihr nicht aus. Es fehle immer noch der politische Willen, das Thema präventiv anzugehen. Man müsse zum Beispiel deutsche Soldaten sensibilisieren, damit sie verstehen, was es bedeutet, wenn man sich für kleine Dollars ein junges afghanisches Mädchen kauft.

Spendenkonto:
Sparkasse Köln Bonn
Konto 45 000 163
BLZ 370 501 98

 

Karin Bäck

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