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Interviews

Auf einem Bein steht sich‘s schlecht – Leverkusen startet Standort-Offensive

Clever sei er, der Standort. Gemeint ist Leverkusen. Eine Stadt, gelegen im Kölner Speckgürtel, bei der viele Jahrzehnte lang die Chemie insofern stimmte, als dass gerade das Standortgeschehen von dieser Chemie dominiert wurde.

Wolfgang Weiss

So wie einem beim Wort „Paris“ der Eiffelturm vor dem geistigen Auge erscheint, verhält es sich beim Wort „Leverkusen“ mit dem Bayerkreuz. Und nun soll ein neues Bild – ein anderes Image – den Klang des Namens Leverkusen begleiten. Leverkusen hisst eine Fahne auf der unter anderemWorte wie: Bürostandort und clever stehen. Eine Standort- Offensive mit erstaunlichen strategischen Eckpfeilern, wie Dr. Frank Obermaier, Chef der Wirtschaftsförderungs- Gesellschaft, erklärt.

„Nicht jeder Nachwuchs will Chemiefacharbeiter werden“

DIE WIRTSCHAFT: Leverkusen als Bürostandort – das klingt im ersten Moment fremd – bekannt ist Leverkusen regional, national und international als Chemiestandort. Was hat sich verändert?

Frank Obermaier: Unsere Welt hat sich verändert. Es entstanden neue Märkte, neue Berufe und entsprechende Veränderungen von Leben und Arbeiten an sich. Nicht jeder Nachwuchs will Chemiefacharbeiter werden. Bereiche wie Informationstechnologie, Kommunikation und Medien entwickelten sich hier – auch ergänzend beziehungsweise in Wechselwirkung mit dem Chemie- Schwerpunkt. Wir sind inzwischen auch ein starker Ingenieurstandort mit Spezialisten rund um Prozessautomatisierung oder MSR-Technik, die von hier aus andere namhafte Unternehmen wie Henkel und Ford erreichen können. Eine Vielzahl von Geschäftsfeldern, die voneinander profitieren können.

DIE WIRTSCHAFT: Was war Auslöser für die Veränderungen am Standort Leverkusen: Branchen und Arbeitswelt, eine befürchtete rückläufige Chemiebranche oder eher der Zuwachs an lateralen Branchen?

Frank Obermaier: Zunächst einmal haben Chemie und Pharma glücklicherweise nach wie vor einen großen Stellenwert in der Stadt. Unser Ziel ist es darauf aufbauend für Standortsicherheit zu sorgen. Auf einem Bein steht sich´s schlecht, das ist zu gewagt, zu fragil, mit zu großer Abhängigkeit. Die Idee zur veränderten Profilierung unseres Standortes diskutierten wir im Aufsichtsrat zum ersten Mal im November 2014.Wir gaben eine Studie in Auftrag, die Antwort auf die Grundsatzfrage geben sollte, ob es Sinn macht ein zweites Standort-Standbein aufzubauen. Die Argumente der Studie sind überzeugend und wegweisend für unseren ehrgeizigen Veränderungsprozess.

„Die Rheinschiene ist die Wachstumsregion in Nordrhein-Westfalen mit Leverkusen in der Mitte“

DIE WIRTSCHAFT: Andere Mütter haben auch schöne Töchter: ein Sprichwort, das nach der Differenzierung fragt. Was bietet Leverkusen als Bürostandort Anderes, womit punkten Sie?

Frank Obermaier: Den interessanten Unterschied macht die Mischung. Wie bei einem guten Essen, machen die Qualität der Zutaten, das Feingefühl des Küchenteams und das pfiffige Rezept, den Gaumengenuss perfekt. Auf unseren Standort übertragen: die Rheinschiene ist die Wachstumsregion in Nordrhein-Westfalen mit Leverkusen in der Mitte. Wir bieten eine rasche Erreichbarkeit der Autobahnen, sehr gute ÖPNV-Anbindungen und ein rasend schnelles Datennetz, teilweise redundant angelegt. Die Messeplätze Köln und Düsseldorf liegen ebenso vor der Haustüre wie die beiden internationalen Flughäfen. Unser Angebots-Mix hat vier sehr attraktive Kernstandorte mit unterschiedlicher Ausrichtung. Der eine heißt Innovationspark Leverkusen – hier siedeln sich zukunftsorientierte Branchen an. Der Zweite heißt Schusterinsel – eine beliebte Adresse für Dienstleister und kleinere Produktionen. Der Dritte heißt Leverkusen City – ein moderner Bürostandort mit urbanem Flair, angrenzend an den Chempark. Und der vierte Kernstandort heißt Neue Bahnstadt Opladen – ein neues Stadtquartier mit einem Nutzungsmix aus Bildung, Arbeit, Wohnen, Freizeit. Das ist unser Leuchtturmprojekt. Dies ist nur ein Auszug aus den Zutaten. Womit wir beim Feingefühl des Teams und unserem Rezept wären. Mit viel Empathie und Engagement sind wir an der Seite der Marktteilnehmer, die wir für unseren Standort begeistern möchten und – zwischenzeitlich deutlich erkennbar – auch begeistern können. Derzeit begleiten wir ein Münchener Unternehmen bei der Ansiedlung seiner NRW-Niederlassung und kümmern uns vor Ort mit umfangreichen Services im Zusammenspiel mit Verwaltung, Politik und andren Netzwerkpartnern.

„Leverkusen kann eine clevere Alternative sein“

DIE WIRTSCHAFT: Wollen Sie den Wettbewerb mit Köln aufnehmen?

Frank Obermaier: Wir sind nicht so vermessen, um uns mit einer Millionenstadt zu vergleichen, glauben aber, gute Argumente zu haben, Leverkusen bei Standortentscheidungen von Investoren, Projektentwicklern und Nutzern zu berücksichtigen. Immerhin liegen unsere Büro- Mietpreise im Durchschnitt vier Euro niedriger als in Köln. Und in Köln gibt es nur noch wenige Entwicklungsflächen an integrierten Standorten. Leverkusen hingegen hat ein großes Potenzial an voll erschlossenen Grundstücken für Büroneubauten, zum Beispiel in der Bahnstadt und im Innovationspark Leverkusen. Sie kosten nur gut ein Drittel dessen, was man in Köln bezahlen muss. Leverkusen kann also eine clevere Alternative sein.

Das Interview erschien in der ersten Ausgabe von DIE WIRTSCHAFT im Februar 2016.

 

Die Wirtschaft

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