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Interviews

Vom „Kaffeepott mit Büchsenmilch“ zum aromatischen Wohlfühlerlebnis

Michael Gliss ist Deutschlands erster Diplom-Kaffee-Sommelier. In der Kölner Innenstadt betreibt der Gourmet seit nun über zehn Jahren das GLISS Caffee Contor – ein Mekka nicht nur für Kaffee-Liebhaber. Angeboten werden auch feinstes Gebäck, auserlesene Konfitüren und exklusive Schokoladen. Business-on.de Geschäftsführer Christian Weis traf den Sommelier zum Kaffee-Kränzchen und entlockte einige Geschmacks-Geheimnisse…

Elena Maschke / elena-maschke.de/

„Filterkaffee fand ich total uncool“, sagt Michael Gliss rückblickend auf seine anfänglichen Versuche in Köln ein Café zu etablieren. Frisch zurück aus Südfrankreich, wo Gliss nach dem Abitur über mehrere Jahre in einer Kaffeebar als Barista gearbeitet hatte, ist er von der Kaffeekultur Deutschlands schlichtweg genervt.

„An der Cote d’Azur habe ich die Kaffeekultur kennen und lieben gelernt“; schwärmt Gliss noch heute. Doch zurück in Deutschland, wo er 1988 in Köln seine erste Kneipe eröffnet, muss der heutige Sommelier erkennen, dass sich das französische Lebensgefühl nur schwer auf die rheinische Kultur übertragen lässt.

„Der Markt für Kaffee und Cafés war noch nicht etabliert. Kaffee war nichts mehr als simpler Filterkaffee, von dem die Kneipen-Besucher gar nichts wissen wollten. Mir wurde ständig gesagt, ich solle die Leute in Ruhe ihr Bier trinken lassen“, schmunzelt Gliss.

Doch er gibt seine jugendlichen Träume nicht auf, veranstaltet Partys und macht aus der Kneipe eine Eventbar. Zusätzlich wird eine Köchin eingestellt und alle Speisen werden frisch zubereitet. Die Qualität spricht sich herum und schnell wollen die Menschen bei Gliss nicht mehr nur ihr Bier trinken.

Und auch wenn der Kaffee, so wie Gliss ihn verstanden und erlebt haben will, in der Kölner Erlebnisgastronomie an seine Grenzen stößt, verfolgt der Feinschmecker sein Ziel, den Kaffeegenuss zu verbreiten, weiter. Zunächst entwickelt er Konzepte zum Aufbau und zur Steuerung des Kaffeevertriebs und von Espressomaschinen in Deutschland. Später wird das Angebot von Premium-Maschinen durch den Handel mit eigenen hochwertigen Kaffees ergänzt.

2001 erfüllt sich mit der Eröffnung des Gliss Caffee Contor im Zentrum Kölns Gliss’ lang gehegter Traum, den eigens gerösteten Kaffee, bezogen aus Mittelamerika, Afrika, Südostasien und Australien, zu vertreiben. Angeboten wird ausschließlich fair gehandelter Kaffee aus biologischem Anbau. Feinste Schokolade, Gebäck, Konfitüre, Porzellan und Präsente runden das umfangreiche Angebot ab, das zudem online über www.gliss.de bezogen werden kann.

Christian Weis, Business-on.de Geschäftsführer, sprach mit dem Diplom-Sommelier über Genussempfinden, die Geschichte des Kaffees und neue Trendprodukte.

Business-on.de: Herr Gliss, neben ihrem Shop in Köln gehört seit 2002 die Kaffee-Bar Gliss Caffee Cult in Bensberg zur Unternehmensgruppe. Beides – Einzelhandel und Gastronomie – haben sich als Feinschmecker-Adressen für hochwertigen Kaffee im rheinisch-bergischen Kreis etabliert…

Michael Gliss: Wir verstehen beide Adressen als Schauräume. Wir versuchen zu vermitteln, was wir unter Kaffee und Kultur verstehen.

Michael Gliss: „Mein Ziel ist es, ein Kaffee-Erlebnis zu schaffen“

Business-on.de: Wie genau wird das Verständnis vermittelt?

Michael Gliss: Kaffeegenuss ist eine ganz persönliche Angelegenheit und Produktkenntnisse und Qualitätsmanagement allein reichen nicht aus. Wichtig ist es, dem Kaffeeliebhaber ein einzigartiges Kaffee-Erlebnis zu schaffen. Dafür spielen viele unterschiedliche Faktoren eine entscheidende Rolle. Meine Aufgabe ist es, auf feinfühlige Art und Weise herauszufinden, wie der jeweilige Konsument tickt, welche Vorlieben er hat, welchen Geschmack er bevorzugt und zu welchem Anlass er Kaffee trinkt. Nur so ist es möglich, dem Kaffee-Trinker ein „Wohlfühl-Erlebnis“ zu bereiten, das auf seine ganz eigene Persönlichkeit abgestimmt ist.

Business-on.de: Die vergangenen 30 Jahre, die seit ihrem Aufenthalt in Südfrankreich und dem damit einhergehenden Beginn der Kaffee-Faszination vergangen sind, hat sich in Deutschland in Hinblick auf das Genussempfinden viel getan. Kaffee ist hierzulande bereits seit Jahrzehnten das beliebteste Getränk. Ist damit Ihre Mission, Kaffee zu einem Lebensgefühl aufzubauen, abgeschlossen?

Michael Gliss: Geschmack ist sehr individuell und Genuss lässt sich demnach nicht missionieren. Unser Hauptbereich liegt in der Entwicklung von kreativen Ideen und Konzepten rund um den Genuss. Wir wollen sowohl den Privatkunden als auch den Hotelier oder den Friseur ansprechen. So entwerfen wir beispielsweise Kaffeekarten, die nicht nur die Kaffeesorten auflisten, sondern dem Kunden Informationen über Anbaugebiete, Röstverfahren und Geschmacksintensität geben. Darüber hinaus geben wir regelmäßig Erlebnis-Seminare für Kaffeeliebhaber und veranstalten individuelle Schulungen und Events. Ziel ist es, die Freude am Genuss weltweit weiterzugeben. Wir wollen auch heute noch aufzeigen, dass Kaffee mehr als „Kaffeepott mit Büchsenmilch“ ist. Dafür nutzen wir weiter die medialen Plattformen, wie Moderation und Konzeption meiner eigenen Sendung „Caffee & Chocolade“, Interviews im Radio, im Fernsehen und in Hochglanzmagazinen, Teilnahme an Talkshows und Kaffee-Seminare auf Kreuzfahrtschiffen, wie der MS Deutschland – Das Traumschiff – und der MS Bremen – Hapag Lloyd – um die Kaffeeliebhaber mit Tipps rund um noch mehr Kaffeegenuss zu erreichen.

„Der Kaffeegenuss orientiert sich wieder an ‚alten Werten’“

business-on.de: Mittlerweile haben viele Unternehmen das Potenzial von Kaffee erkannt und bieten qualitative Produkte für Privatkunden an. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung zum Trendprodukt für die Massen?

Michael Gliss: In Deutschland geht man generell sehr strategisch vor. Für alles gibt es einen Masterplan. So auch für die Verbreitung von Kaffee. Aber in diesem Fall ist die Änderung eine gute. In den vergangenen Jahren hatten wir keine gute Kaffeekultur. Die Qualität war grausig und eigentlich kaum genießbar. Seit gut fünf Jahren aber setzen sich immer mehr Menschen für eine gute Kaffeekultur ein. Dabei wendet man sich vermehrt von den industrialisierten Verfahren von früher ab. Denn Kaffee ist ein Frischeprodukt. Der Gedanke aber ist durch die Industrialisierung verloren gegangen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man alles so oft, so viel und vor allem so billig wie möglich. Darunter leiden jedoch die Qualität sowie das Bewusstsein für das Produkt. Das war noch vor hundert Jahren anders. Langsam geht der Trend wieder zurück zu alten Werten.

business-on.de: Geht damit auch eine erhöhte Nachfrage an Bio- und Fair Trade-Produkten einher? Oder spielt diese Entwicklung auf den gesamten Kaffeekonsum betrachtet keine Rolle?

Michael Gliss: Der Anteil von Bioprodukten oder auch fair gehandelter Ware ist mit maximal vier Prozent des gesamten Volumens leider noch zu gering, als das man von einer Trendwende sprechen könnte. Zudem ist das deutsche BIO-Siegel ein schwaches Qualitätsmerkmal und das Thema wird medial ohnehin mal hervorgehoben und dann wieder heruntergespielt.
Aus meiner Sicht gibt es zwar eine wachsende Anzahl von Menschen, die wissen wollen, woher die Produkte, die sie zu sich nehmen stammen und wie diese angebaut werden. Ich hoffe aber, dass immer mehr Menschen erkennen, dass wir in Bezug auf unsere Lebensmittel so nicht weitermachen können.

business-on.de: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Gliss.

 

Christian Weis

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