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Interviews

Gespräch mit IHK-Hauptgeschäftsführer Ulf Reichardt: „Manchmal muss ich gebremst werden“

Ulf C. Reichardt steht seit drei Jahren als Hauptgeschäftsführer an der Spitze der IHK Köln. In dieser Zeit hat er die Industrie- und Handelskammer Köln in eine neue, modernere Richtung gesteuert. Mit Business-on.de sprach der gebürtige Schwabe über den Veränderungsprozess sowie die damit einhergehende Kritik, das Experten-Netzwerk „Digital Forum“, über kölsche Vorzüge und über die „Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer“.

Alexander Weis

Business-on.de: Herr Reichardt, seit drei Jahren sind Sie Hauptgeschäftsführer der IHK Köln. Rückblickend betrachtet, was sind Ihrer Meinung nach erwähnenswerte Erfolge der IHK, die in dieser Zeit verbucht werden konnten?

Ulf Reichardt : Strategisch betrachtet ist es der gemeisterte Richtungswechsel von der traditionellen – und das Traditionelle meine ich im positiven Sinne – IHK Köln hin zu unserem Anspruch, ein moderner Partner der Unternehmen sein zu wollen. Gemeinsam mit den Mitarbeitern, der Geschäftsführung und auch dem Ehrenamt sind wir in eine neue Richtung gesteuert, mit dem Willen, noch kundenfreundlicher, effizienter und aktueller zu werden.

Business-on.de: Wie haben Sie sich vor dem Veränderungsprozess ein Bild vom derzeitigen Ist-Zustand der Kammer gemacht?

Ulf Reichardt: Ehrlich gesagt, hatte ich noch vor drei Jahren nur theoretische Vorstellungen davon, wie eine IHK funktioniert. Aber durch jahrelange berufliche Erfahrungen in Managementfunktionen – durch Begleitung von Fusionen, Umstrukturierungen von Unternehmen und der Gründung von Gesellschaften -, weiß ich, wie Veränderungsprozesse erfolgreich umgesetzt werden. Also habe ich mir zunächst ein Bild gemacht, dann haben wir uns gemeinsam auf den Weg gemacht, Mitarbeiter, Geschäftsführung und Ehrenamt. Um auf Ihre eingangs gestellte Frage zurückzukommen, möchte ich sagen, dass dies in meinen Augen der größte Erfolg der vergangenen Jahre ist: Dass wir uns nach der Analysephase gemeinsam überlegt haben, wo wir hin wollen und wie wir dorthin kommen. Und dass wir unser Ziel auch gemeinsam erreicht haben.

In diesem Zusammenhang passt ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Im Grunde haben wir genau das getan. Unsere Sehnsucht war der Anspruch, eine moderne IHK zu werden. Wir wollten uns gemeinsam auf den Weg machen. Der daraus entstandene Schwung, dieser Veränderungsdruck, die Arbeit aus eigenem Antrieb zu meistern, hält bis heute an.

Erfolg lässt sich immer an mehreren Punkten festmachen. So auch bei der IHK Köln. Aber die Gemeinschaftlichkeit, die hinter unserem erfolgreichen Veränderungsprozess steht, macht für mich die wesentliche Leistung aus. Darauf bin ich stolz.

Business-on.de: Gab es in diesem Zusammenhang Kritik bezüglich Ihrer Vorgehensweise? (Anm.d.Red.: Unmittelbar nach der Amtseinführung Reichardts hieß es, das Projekt „IHK-Köln 2015“ würde nicht konsequent genug angepackt.)

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„Vor allem kleine Unternehmen brauchen den „Wake up call“ um sich auf die Digitalisierung einzustellen“

Ulf Reichardt: Es gab schon Kritik, die den Ansatz komplett anders definiert hat. Man kann der Meinung sein, dass es richtig ist, schnell eine Strategie vorzugeben, um Management Impact zu demonstrieren und nach einem Monat sichtbare Veränderungen – beispielsweise in Form von Entlassungen – vorzuweisen. Mein Ansatz ist das jedoch nicht. Ich bin fest überzeugt von der Nachhaltigkeit eines gemeinsam getragenen Ansatzes.

Business-on.de: Bei Ihrer Amtseinführung lag Ihr Fokus besonders auf dem Mittelstand. Wir müssen vor allem für die mittelständischen Unternehmen die Stimme erheben, die oft nicht den direkten Zugang zu politischen Entscheidungsträgern haben, lautete ein Ziel von Ihnen. In wie weit konnten Sie speziell diesen Anspruch umsetzen?

Ulf Reichardt: Vom Grundsatz her ist ja alles was wir tun, dem Mittelstand gewidmet. 98,5 Prozent unserer Mitgliedsunternehmen sind mittelständisch – von kleinen Geschäften bis zu familiengeführten Traditionsunternehmen. Großunternehmen brauchen die IHK nicht als Mittler, aber kleine und mittlere Unternehmen brauchen kumuliert die Unterstützung der IHK, um ihre Interessen durchzusetzen.

Die gesamte Initiative „Digital Cologne“ zum Beispiel richtet sich daher an den Mittelstand. Vor allem kleine Unternehmen brauchen konkret den „Wake up call“, um sich auf die Digitalisierung mit den neuen Herausforderungen und Möglichkeiten vorzubereiten. Im zweiten Schritt bieten wir konkrete Hilfestellungen an, durch Best Practice, Experten-Talks oder Info-Veranstaltungen.

Business-on.de: Anders herum gefragt, von welchen Zielen mussten Sie sich in den vergangenen Jahren verabschieden, beziehungsweise diese – eventuell aus strategischen Gründen – in den Hintergrund stellen?

Ulf Reichardt: Meine Aufgabe als Hauptgeschäftsführer ist es, Veränderungen des Anforderungsprofils, unseres Marktes, zu beobachten und darauf im Sinne der IHK zu reagieren. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich bin bekannt dafür, viele Ideen zu haben und diese auch immer ins Haus zu tragen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang kritisches Feedback. Da gehört es dazu, dass manche meiner Ideen gebremst werden, sei es, weil die Zeit dafür noch nicht reif ist, oder weil wir insgesamt noch nicht reif dafür sind. Bezüglich konkreter nicht erfolgreicher Projekte fällt mir der Themen-Navigator ein, ein Tool, das eingerichtet wurde, um Themen und Ideen zu kommunizieren . Dies ist leider nicht angenommen worden. Stattdessen arbeiten wir an Möglichkeiten, die Ausschüsse und Gremien mit den circa 1.000 ehrenamtlich tätigen Unternehmern deutlich stärker zu aktivieren. Mein Ziel sind attraktivere Sitzungsformate, um Impulse im Sinne von Rückkopplungen und intensiven Diskussionen zu gewinnen. Die Unternehmerschaft soll Spaß an der Ausschussarbeit haben.

Business-on.de: Das schafft vielleicht auch eine höhere Identifikation der IHKs zu ihren Mitgliedern, indem verstärkt interagiert und kommuniziert wird…

Ulf Reichardt: Das Ziel ist eindeutig mehr Transparenz. Seit einiger Zeit verfasse ich in diesem Zusammenhang wöchentlich einen Newsletter, über den ich um die 1.000 Abonnenten über meine Arbeit informiere. Ich berichte über Themen, die mich beschäftigt haben und über Ideen, die umgesetzt wurden oder noch in Arbeit sind.

Business-on.de: Geht das Hand in Hand mit dem, was Sie über Facebook und Twitter kommunizieren?

Ulf Reichardt: Es ist ein Gesamtkonstrukt, obwohl der Newsletter im Gegensatz zu der Präsenz über diverse Social Media-Kanäle deutlich textlastiger ist. Aber tatsächlich sollten die geteilten Informationen ineinander greifen.

Business-on.de: Bei der IHK Köln hat sich in den letzten zwölf Monaten viel getan; am 28. Januar ist mit dem Gothaer-Aufsichtsratschef Dr. Werner Görg ein neuer IHK-Präsident gewählt worden. Können Sie schon eine Aussage treffen, in welcher Richtung aus dem Präsidium neue Akzente gesetzt werden? Und passt Herr Dr. Görg überhaupt zu den neuen Zielsetzungen?

Ulf Reichardt: Zu 100 Prozent ja! Er ist bereits die vergangenen Jahre als Vizepräsident tätig gewesen und hat den laufenden Veränderungsprozess von Anfang an mit begleitet. Insofern ist unsere Arbeit nichts Neues für ihn. Wir gehen gemeinsam in dieselbe Richtung.

158.000 Unternehmen, ein Ziel: Die Bewältigung des digitalen Wandels

Business-on.de: Die IHK ist das Sprachrohr von knapp 160.000 sehr heterogenen Firmen. Vermutlich fühlen sich nicht alle Unternehmen gleich gut vertreten, wie wollen Sie diese „mitnehmen“? Ich selbst habe den Eindruck, als ob die IHK – die Industrie-und Handelskammer – sich eher auf die Industrie als auf den Handel bezieht. Wie schätzen Sie selbst diesen Konflikt ein?

Ulf Reichardt: Die Einschätzung mag darin begründet sein, dass sich die Industrie über viele gemeinsame Themen stärker vereint als der Handel. Um den Handel im Sinne von einheitlichen Aktionen und schlagkräftiger Kommunikation zu unterstützen, entwickeln wir aktuell einen Aktionsplan Handel.

Business-on.de: Um den digitalen Strukturwandel der Kölner Wirtschaftsregion voranzutreiben und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmen zu sichern, wurde die Initiative „Digital Cologne“ gegründet. Können Sie uns erklären, was dahinter steckt?

Ulf Reichardt: Digital Cologne wurde zur Bewältigung des digitalen Wandels gegründet. Ich möchte, dass sich jedes Unternehmen die Frage stellt: „Was bedeutet Digitalisierung für meinen Betrieb?“. Wenn alle 158.000 Unternehmen diese Frage für sich beantwortet haben, dann ist mein Ziel erreicht.

Dahinter steht das Digital Forum, ein Experten-Netzwerk, welches sich als eine Art Schirm vieler Einzelinitiativen zum Thema der Digitalisierung präsentiert. Dazu kommen weitere Formate wie die Talkshow „Digital Talk“. Das „Digital Lab“ soll Digitalisierung mittels kreativer „Experimente“ (Anm. d. Red.: das „Lab“ steht für laboratory / Labor) erlebbar machen.

„Ich bin Lokalpatriot: Ein Kölsch ziehe ich jedem anderen Getränk vor“

Business-on.de: Sie erreichen die Mitglieder überwiegend durch die IHKplus, das Printmagazin der Handelskammer. Im Sinne der zunehmenden Digitalisierung, mit der sich die IHK verstärkt beschäftigt, stellt sich die Frage, ob es analog zu Ihrem digitalen Engagement Ansätze gibt, für eine wie auch immer geartete zeitgemäße Umstellung um dem sich veränderten Leserverhalten – insbesondere bei den jüngeren IHK-Mitgliedern – Rechnung zu tragen?

Ulf Reichardt: Es gibt schon seit letztem Jahr das Themenportal „Digital Cologne“. Bei der IHKplus sind wir in einem stetigen Veränderungsprozess und werden die Online-Präsenz der Themen auf jeden Fall verstärken. Noch in diesem Jahr. Lassen Sie sich überraschen.

Business-on.de: Seit 18 Jahren wohnen Sie nun bereits im Rheinland. Haben Sie das rheinische Gefühl, insbesondere den Karneval, schnell verinnerlichen können und was konnten Sie als gebürtiger Schwabe mit ins Kölner Lebensgefühl übertragen?

Ulf Reichardt: Im Rheinland habe ich mich schnell heimisch gefühlt und auch den Karneval genieße und lebe ich in jeder Session aufs Neue. Und ein Kölsch ziehe ich jedem anderen Getränk vor. Tatsächlich bin ich aber immer schnell zum Lokalpatriot geworden – egal, wo es mich im Leben hingeschlagen hat.

Business-on.de: Wie beurteilen Sie die berüchtigte Kölner „Feierwütigkeit“ aus wirtschaftlicher Sicht? Könnte das Kölner Image ein Grund für Unternehmen sein, sich nicht im Rheinland anzusiedeln?

Ulf Reichardt: Ich habe von keiner Firma gehört, sich aufgrund der Kölner Mentalität gegen eine Niederlassung zu entscheiden. Im Gegenteil: Eher werden die weichen Faktoren, wie die kölsche Lebensart, positiv bewertet.

 

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