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Erdogan in Köln – Von vielen geliebt, von vielen gehasst

Die Rede des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan versammelt die gesamte türkische Gemeinde Kölns um die Lanxess Arena. Tausende Menschen warten vor der Halle auf Einlass, demonstrieren und halten viele Fahnen und Banner in die Luft. Im Vorfeld der Rede hatte es insbesondere von deutscher Seite massive Kritik geben. Viele forderten Erdogan auf seine Rede abzusagen.

Christian Esser

Stimmung wie im Fußballstadion

Die vielen türkischen Landsleute stehen vor der Lanxess-Arena schlange und warten auf den Einlass. Sie sind mit Fahnen, Schals und Bannern ausgestattet, die sie in die Luft halten. Gerne lassen sie sich damit fotographieren. Sie feiern den türlischen Präsidenten Erdogan. Unmittelbar vor der Lanxess-Arena gibt es bislang wenige Gegner, die sich gegen die Kundgebung versammelt haben. Immer wieder schallen laute Rufe auf türkisch durch die Menge. Es ist fast wie im Fußballstadion.

Kritik an deutscher Berichterstattung

Viele Anhänger Erdogans kritisieren die Berichterstattung der deutschen Medien. Sie werfen insbesondere dem Spiegel und der Bild-Zeitung vor nicht objektiv genug über das Grubenunglück in Soma und die anstehende Rede Erdogans berichtet zu haben. Sie sind der Meinung, dass der Ministerpräsident einen guten Job macht. Sie feiern ihn. Sie werden ihn auch bestimmt wieder wählen. Doch nicht nur die Berichterstattung liegt im Fokus der Kritik der vielen Erdogan-Anhänger, auch die Polizei wird kritisiert.

Ärger über Gegenproteste

Die Menge, die vor der Lanxess-Arena auf Einlass warten kritisiert darüber hinaus die Polizei. Vorbeifahrende Einsatzfahrzeuge werden ausgebuht und beschimpft. Der Ärger ist groß, dass die Polizei Gegenproteste unter anderen von der rechtsextremen Partei „Pro Köln“ genehmigt hat. Für die türkische Gemeine und die vielen Fans von Ministerpräsident Erdogan ist seine Rede ein Grund zum Feiern, eigentlich sogar ein wahrer Nationalfeiertag. Ihre vielen Fahnen, Protestbanner und Fanschals mit dem Konterpfeil Erdogans symbolisieren das genauso wie die vielen Rufe.

„Wir sind erstaunt darüber, dass eine Gegendemo zugelassen wird. Weil es ist dann auch schwierig für die deutsche Polizei unsere Sicherheit zu gewährleisten. Auf meinem Banner steht, dass Bild und Spiegel vernünftig berichten sollen. Wir sind traurig darüber, dass er so falsch in den Medien dargestellt wird. Das ist traurig für uns. Ich habe auch eine Karte und freue mich auf die Rede Erdogans.“, sagte eine junge Türkin.

Erdogan tut der Türkei gut

Ein Frau sagte dem ARD: „Erdogan hat von dem armen und unterdrückten Menschen die Hand genommen, zu sich gezogen und gezeigt hat, dass wir ein türkischer Staat sind. Es sind andere Leute wie Kemalisten, die versuchen den türkischen Staat schlecht zu machen. Wir aber stehen hinter ihm. ARD, WDR wird es eh nicht so übersetzen, was ich jetzt gerade gesagt habe“, sagte sie. Außerdem kritisiert sie die deutschen Medien, dass sie ihre Worte vermutlich absichtlich falsch übersetzen oder ihren Beitrag gar nicht erst senden würden.

Zehntausende bei Protestmarsch

„Mörder Erdogan“, schallt es ständig durch die Massen. Plakate, Banner, Helme und unzählige Menschen begleiten den großen Protestmarsch durch die Kölner Innenstadt. Schätzbar sind die Besucherzahlen eigentlich nicht. Aus allen Teilen Deutschlands haben sich Aleviten in Köln versammelt und protestieren geben Erdogan und seine Rede. „Ich kann die Menschen nicht verstehen, die ihn zum Empfang Rosenblätter entgegen geworfen haben. Er ist verantwortlich für die vielen Todesopfer in Soma. Er unterdrückt die Menschen. Beschneidet die Presse, die Meinungsfreiheit, ich kann nicht glauben, dass er dann von einigen weiterhin gefeiert wird“, sagte ein Demonstrant. Mit dieser Meinung war er nicht alleine. „Erdogan du Mörder“, schallt es schon wieder durch die Massen. Es ist kein Ende des Aufmarschs in Sicht. Ein lautes Pfeifkonzert, verärgete Demonstranten. „Erdogan muss endlich weg. Er zerstört unser Land! Er zerstört die Menschen in unserem Land.“, sagt eine Demonstrantin. Die Massen sind bildlich gar nicht in ihrer Masse einzufangen. Es sind einfach zu viele. Schätzungsweise 40.000 Menschen demonstrieren.

Ordner beeindruckt

Selbst die Ordner, die neben der Sicherheit der Demonstranten sorgen, sind von den Menschenmassen überwältigt. „Das ist absolut beeindruckend. Ich kann in Zahlen gar nicht schätzen, wie viele hier sind. Man sieht, dass die Menschen hier für eine Sache eintreten. Es ist beeindruckend wie viele es geworden sind.

Strikte Trennung der Lager

Die Besucher der Kundgebung Erdogans und die Demonstranten sind nicht nur bildlich auf zwei unterschiedlichen Seiten anzutreffen. Die Erdogananhänger haben die rechte Rheinseite, wo auch die Lanxess-Arena liegt für ihre Forderungen, die linke Rheinseite ist für die Erdogangegner. Auch innerhalb der Rheinseiten passt die Polizei auf, dass die unterschiedlichen Streikparteien nicht aufeinandertreffen. Bislang mussten nur bei einer Kundgebung der rechtsextremen Partei „Pro NRW“ / „Pro Köln“ Strafanzeigen aufgenommen werden. Außerdem gab es Festnahmen, als einige Aktivisten versuchten den Konvoi von Ministerpräsident Erdogan aufzuhalten.

Kurzer Clinch am Friesenplatz

Kurz bevor der Protestzug vollständig am Friesenplatz vorbeigezogen ist, kam es plötzlich zu einem Clinch. Pro-Erdogan-Demonstranten trafen auf Erdogan-Protestler. Sofort kam es zu einem Wortgefecht, auf einmal wurde es handgreiflich. Glücklicherweise war die Polizei anwesend und konnte die Streitparteien schnell trennen. Die Erdogan-Gegner verließen daraufhin schnell diesen Bereich.

Demonstranten treffen sich

In Sichtweite des Fernsehturms endete der Protestmarsch am Inneren Grüngürtel . Die tausenden Demonstranten versammelt sich dort und lauschten den Rednern. Sowohl in deutscher und türkischer Sprache wurden die Forderungen von den Rednern vorgetragen. Für die Demonstranten muss Erdogan zurücktreten. Sie sehen in ihm den Hauptverantwortlichen für das Grubenunglück in Soma. Außerdem beklagen sie, dass Erdogan Grundrechte wie Presse- und Meinungsfreiheit beschneidet. In letzter Zeit wurde er auch von deutschen Politiker massiv wegen der Verbote von Social Media Kanälen wie Youtube oder Twitter kritisiert.

Mit Spannung erwartete Rede

Das sehen die Erdogan-Anhänger an der Lanxess-Arena natürlich anders. Aus ganz Deutschland sind Aleviten zusammengekommen und demonstrieren. Die Vorsitzenden der alevitischen Gemeinde in Deutschland lud zu dieser Veranstaltung am Inneren Grüngürtel . Nun kann man gespannt sein, was auf dem anderen Standort, der Lanxess-Arena passieren wird und was Erdogan der ausverkauften Halle sagen wird. Gegen 17 Uhr war der Beginn der Rede angekündigt worden.

Skandalberater tritt zurück

Am Rande der Proteste drang die Meldung durch, dass Yusef Yerkel, Berater des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zurückgetreten ist. Von ihm wahr ein Video aufgetaucht, in dem er einen Demonstranten im Rahmen der Proteste am Grubenunglücksort in Soma, getreten hatte. Dieser wurde am Boden festgehalten und konnte sich nicht wehren. Zuletzt hatte sich der Skandalberater wegen einer angeblichen Knieverletzung krankgemeldet. Martin Schulz, Spitzenkandidat für die Sozialdemokraten bei der morgen stattfindenen Europawahl, bezeichnete Erdogans-Auftritt ins Deutschland als „Flucht vor den Problemen in der Türkei.“ Mutmaßlich wird Erdogan versuchen für die nächsten Wahlen die 1,5 Millionen wahlberichtigten Türken in Deutschland zu mobilisieren, ihn zu wählen. Erdogan möchte demnächst Staatspräsident werden. An der Lanxess-Arena wurde er gegen halb 3 von tausenden wie ein Popstar empfangen. Symbolisch wurde der Konvoi dabei mit Rosenblättern und Rosen beworfen. Dies ist ein Zeichen der Verehrung in der Türkei. Unterdessen ist der türkische Politiker für seine Skandalreden bekannt. Nun muss man abwarten, was er den vielen Zuschauern in der Lanxess-Arena sagen wird.

18:31 – Erdogan begrüßt das Publikum

Die Menschen haben lange in der Halle ausgeharrt, jetzt aber spricht ihr Ministerpräsident Erdogan. Unter großen Jubel wurde er gefeiert wie ein Popstar. Schließlich unterbrach er die Massen und begrüßte sie. „Ich darf alle Teilnehmer herzlich begrüßen“, sagte er und schickte direkt Grüße an seine türkischen Landsleute in Deutschland. „Glaubt nicht, dass Ihr allein in der Fremde lebt“, fügte er hinzu. Zuvor war für die Opfer des Grubenunglücks in Soma gebeten worden und der Vorsitzende der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), Süleyman Celik, in Köln, begrüßte den Ministerpräsidenten der Türkei herzlich. „Wir lieben unseren Ministerpräsidenten. Hier und woanders werden wir uns zu unserer tiefen Zuneigung immer wieder bekennen. Die europäischen Türken freuen sich, erstmals in diesem Jahr in ihren Heimatländern wählen zu gehen zu können.“ In diesem Rahmen wurde Erdogan für diese neue Regelung des Wahlverfahren gedankt.

Erdogan attackiert die Medien

Nachdem er allen Türken in der Welt gedankt hat, griff Erdogan in seiner Rede die Medienberichterstattungen an. „Es hat auch Menschen in diesem Land gegeben, die diese Tragödie von Soma nicht mitgefühlt haben und die Situation sogar ausnutzten. Manche Abgeordnete haben illegale Aktionen gestartet und versucht, das Unglück für sich auszunutzen.“, dann attackierte er die Medien. „Es gab eine Schlagzeile ‚Zum Teufel mit Erdogan’“. Er forderte andere Länder auf sich aus den Angelegenheiten der Türkei rauszuhalten. Damit kritisierte er nochmals insbesondere die deutschen Medien für eine angeblich fehlerhafte und einseitige Berichterstattung. Man habe ihm und seiner Regierung Unrecht getan. Das Grubenunglück sei ein Unfall gewesen. Es haben nach seiner Aussage keine Fehler bezüglich der Aufsicht und Prüfung des Bergwerks in Soma gegeben.

Lob für Türken in Deutschland

Ministerpräsident Erdogan lobte seine Landsleute in Deutschland. Sie würden einen großen Beitrag zur Wirtschaft leisten. Er bemerkte die Leistung und den Aufbau, den die Türken in Deutschland in den letzten Jahrzehnten vorangetrieben hätten. Er forderte aber auch seine Landsleute auf landestypische Traditionen zu bewahren. Zwar sei es wichtig sich zu integrieren, man sollte sich aber nicht assimilieren. Das rückte Erdogan in den Fordergrund sein Rede. Er erntet permant großen Applaus. Er kommt beim Publikum in der Halle gut an, am Inneren Grüngürtel sieht das anders aus. Dort demonstriert die Masse weiterhin wehement gegen Erdogan. Schon aus über einem Kilometer Entfernung kann man hier die wütenden Reden wahrnehmen. Es wird teilweise sogar ins Mikrofon geschrien. Die Wut ist groß bei den vielen Demonstranten. Permanent wird der Rücktritt des Ministerpräsidenten gefordert und zur Solidarität aufgerufen. In der Lanxess-Arena hingegen spielt sich genau das Gegenteil ab. Erdogan wird wie ein Popstar, fast wie eine Gottheit gefeiert.

Dauerthema Kopftuch

Ministerpräsident Erdogan fand auch in der Kopfuchhfrage klare Worte. Das Kopftuch sei kein Symbol der Unterdrückung und Rückständigkeit, sondern der Ausdruck tiefem Glaubens. Kritikern des Kopftuchs sagte er, dass nun auch Frauen mit Kopftuch in Schulen und studieren gehen können. Gleichzeitig mahnte er die anderen Ländern ihre Meinung zur Türkei zu revidieren. Die Türkei sei ein aufstrebenes Land mit einer gutes Wirtschaft und hohem Wohlstand. „An das arrogante Ausland: Wir sind nicht mehr die Türkei von gestern!“, sagte er.

Kritik an Social Media Kanälen

Erneut bekräftigte Erdogan seine Kritik gegen die Social Media Dienste. Twitter habe für den Putsch in Ägypten gesorgt. Allerdings habe die Türkei keine Angst vor Freiheit und Freiheiten für die Menschen. Grundrechte seien ihm wichtig. Dennoch kann er den sozialen Medien nicht viel Gutes abgewinnen. „Unter den sozialen Medien gibt es einige, die uns kritisieren.“, sagte Erdogan. Seiner Meinung nach geschehe dies aber ungerechtfertigt.

19:30 Uhr – Schluss!

Die Massen strömen aus der Halle. Man sieht nur lachende Gesichter. Die Freude, dass die vielen Besucher nach langer Zeit endlich wieder ihren Ministerpräsidenten gesehen haben ist groß. Auch hat die Rede den vielen Besuchern gefallen. „Er hat viele wahre und richtige Worte gesagt. Er hat Zeichen gesetzt und dort kritisiert wo es sein musste. Es war eine große Freude für mich. Ein Freudentag.“, sagte ein Besucher der Rede. Auch viele andere sahen das so. Die Menschen auf den vielen weiteren Kundgebungen in Köln sahen das überwiegend anders. Nun bleibt die Hoffnung, dass alles ruhig bleibt und es bei den paar wenigen und kleinen Vorfällen, die es im laufe des Tages gab, bleibt.

Fazit:

Eines hat der heutige Tag gezeigt. Der Ministerpräsident Erdogan ist ein Streitthema. Viele Türken in Deutschland lieben ihn, viele andere Türken verabscheuen ihn. Das hat der heutige Tag eindrucksvoll bewiesen. Tausende Menschen in der Lanxess-Arena, tausende Menschen auf dem Protestmarsch und auf anderen Kundgebungen. Nun kann man eigentlich nur hoffen, dass der weitere Abend friedlich bleibt und alle beteiligten gut nach Hause kommen. Jeder, der an diesem außergewöhnlichen Samstag in Köln war, nimmt seine eigene Meinung mit. Erst die nächsten Wahlen in der Türkei werden dann eindeutig zeigen, wie dort und in Deutschland die Meinung der vielen türkischen Mitbürger zu ihrem Ministerpräsidenten Erdogan letztendlich aussieht.

Christian Esser

 

Christian Esser

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