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Präsident Kolthammer: „Die Politik in die Verantwortung nehmen“

Die Stimmung des Einzelhandels kühlt sich merklich ab: Der dafür verantwortliche frische Wind kommt nicht mehr allein aus Richtung der Online-Branche: Negativ sei vor allem der Trend der Designer Outlets und Shopping Malls, die nach US-amerikanischen Vorbild auch hierzulande zunehmen.

Katharina Olbrisch

Die Stimmung war nicht die Beste, als sich die Delegierten des Einzelhandelsverbandes der Region „Harz-Heide“ vergangene Woche in Helmstedt versammelten. Sowohl der Jahresbericht wurde thematisiert als auch eine Prognose und Ausblick über zukünftige Planungen verraten.

Die Umsätze seien verhalten, begann Präsident des Einzelhandelsverbandes Niels-Peter Kolthammer. „Die allgemeinen Erwartungen konnten sich nicht erfüllen.“ Zwar konnte der Einzelhandel mit 415,2 Milliarden Euro Umsatz exklusive Kfz-Handel, Tankstellen und Apotheken insgesamt 2,6 Prozent mehr umsetzen als noch 2011 und trotz Eurokrise seine bis Dato besten Umsatz aus dem Jahr 2009 mit 409 Milliarden Euro toppen, dennoch hat Kolthammer Grund zur Sorge.

Diese sei durch die neuen Shopping-Zentren und Outlet-Factorys (FOC) begründet, die nach US-amerikanischen Vorbild immer mehr auch in Deutschland gebaut würden.

Neben dem Designer Outlet in Wolfsburg sowie dem Modepark Röther in Hermsdorf, sei jüngst ein weiteres Zentrum in Soltau eröffnet worden. Neben weiteren Shopping-Zentren, die ein großes Angebot auf kompakten Raum bieten, würden die Outlets ebenfalls eine Konkurrenz zum Einzelhandel in der Innenstadt darstellen. Anders als in Amerika würden hierzulande keine Restposten oder Auslaufsware angeboten werden, sondern ein breitgefächertes Sortiment von Markenprodukte zum meist günstigeren Preis.
Laut der Konjunkturumfrage für den Sommer 2012 ist demnach die Stimmung der befragten Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr stark eingebrochen. Hingegen wachsen die Konjunktursorgen: 36 Prozent – im Vergleich zu 28 Prozent des Vorjahres – geben an, dass sich die konjunkturelle Lage verschlechtert habe. Vor allem die Bekleidungsbranche sowie der Einzelhandel mit kosmetischen Erzeugnissen und Büchern sieht sich von der wachsenden Konkurrenz der Shopping-Zentren sowie der Online-Branche benachteiligt. Insgesamt meldeten 45 Prozent der Unternehmen Gewinneinbußen (Vergleich 2011: 36 Prozent).
Gründe für den Einbruch können nicht nur mit dem wachsenden Wettbewerb erklärt werden – Konsumenten nennen die steigenden Energiepreise sowie die angezogenen Lebensmittelpreise als Argument für die Sparsamkeit – jedoch ist er laut dem Einzelhandel ein weiterer Grund zur Sorge.

„Zwar versprechen die Politiker, dass auch die umgrenzenden Kommunen von solchen Bauten profitieren, doch das ist ein Märchen“, urteilte Kolthammer. „Die Zentren sind hinsichtlich des Angebots, das auch die Gastronomie mit einschließt, in sich so gut geschlossen, dass für den Konsumenten keine Notwendigkeit mehr besteht, noch in die umliegenden Städte zu fahren.“ Zwangsläufig nähme das Angebots des Einzelhandels ab und „Innenstädte laufen Gefahr, zu Museen zu werden“.
„Immer mehr ist von Flaniermeilen die Rede“, ärgerte sich auch Olaf Jaeschke, Vizepräsident des Einzelhandelsverbandes Harz-Heide sowie Kreisverbandsvorsitzender Braunschweig. „Wer will schon flanieren, wenn die Geschäfte leer und die Fußgängergasse ausgestorben sind?“

Ärgerlich war auch die Entscheidungsargumentation, die beispielsweise für den Bau des Soltauer FOCs ausschlaggebend gewesen ist: In der Regel wird der Standort für ein FOC-Projekt so gewählt, dass circa drei Millionen Einwohner innerhalb einer PKW-Fahrtzeit von einer Stunde wohnen. Dementsprechend ist der zu erwartende Zulauf hoch, der durch Touristenströme kalkuliert verdichtet wird. Da die peripheren Standorte der Outlets zumeist negativ hinsichtlich dem „System der zentralen Orte“ (ein Raumordnungsprinzip, auf dem sich in Deutschland maßgeblich die Raum-und Stadtplanung bezieht) bewertet werden, werden auch Ansiedlungswünsche der FOC-Betreiber meist abgelehnt. Im europäischen Vergleich bildet Deutschland mit derzeit sieben Outlets das Schlusslicht der FOC-relevanten Länder. Hingegen weist Großbritannien knapp 40 Factorys auf, in Frankreich, Italien und Spanien sind es immerhin über zehn. Im Fall Soltau wurden die bislang klaren Vorgaben für eine FOC-Ansiedlung jedoch nicht verfolgt. „Alles andere als Oberzentren brauchen eine Sondergenehmigung“, erklärte Kolthammer. „Soltau als Mittelzentrum gilt als Versuch.“
Oder eben als Vorreiter, denn die Angst, dass weitere Mittelzentren folgen könnten, ist nicht unberechtigt.

Seit mittlerweile sieben Jahren gibt es schon Überlegungen, in der Kreisstadt Helmstedt im am Stadtrand gelegenen Industriegebiet ein Designer Outlet zu bauen. Mit der Realisierung gäbe es vier Outlets im gesamten , die alle innerhalb 30 bis 60 Minuten zu befahren wären. „Eher muss die Innenstadt gestärkt werden“, meint Kolthammer, der dazu die Politiker in die Pflicht nimmt, die Voraussetzungen für den Einzelhandel zu verbessern. Immerhin sei dieser immer noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor: Die 450.000 deutschen Betriebe setzen derzeit 415 Milliarden Euro um, sind das wichtigste Verbindungselement zwischen Erzeugern und Verbrauchern und stellt rund jeden zehnten Arbeitsplatz sowie Ausbildungsplatz in Deutschland. Am Einzelhandel sind demnach viele Existenzen geknüpft, die es zu versorgen gilt. Auch müsse daran gelegen sein, dass die derzeit 50 Branchen, die den Einzelhandel zu den vielseitigsten Wirtschaftsbereichen im Land machen, weiterhin Anklang finden.

 

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