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Fachwissen

Warum das Home Office nicht die Lösung ist

Neben dem Erfolgsdruck im Büro leiden immer mehr Arbeitnehmer unter der Unvereinbarkeit zwischen Beruf und Familie. Vor allem dann, wenn die Fahrt zum Arbeitsplatz lange dauert. Die Stressursachen zu erkennen, ist der erste Schritt. Dann jedoch sind die Arbeitgeber gefragt. In ihrem eigenen Interesse sollten sie ihren Teil dazu beitragen, das Leben ihrer Mitarbeiter lebenswerter zu machen, ansonsten sind niedrige Motivation und geringe Produktivität die Folge.

Regus

Die Studie Liveable Lives (Lebenswerte Leben) von der britischen Arbeitsplatzexpertin Ziona Strelitz hebt die Notwendigkeit hervor, sich dieser Herausforderung zu stellen und zeigt anhand von Beispielen, dass das Home Office allein nicht die Lösung für eine bessere Work-Life-Balance sein kann. Zugleich schlägt sie Wege vor, wie Unternehmen ihre Mitarbeiter zufriedener machen können, ohne dass die Produktivität darunter leidet.

Stress bei der Arbeit ist kein neues Phänomen. Arbeitnehmer von heute müssen jedoch einer Belastung standhalten, wie sie zuvor nicht denkbar gewesen wäre: Noch nie hat es in so kurzer Zeit so viele Veränderungen in der Gesellschaft und in der Arbeitsweise gegeben, die die Menschen derart unter Druck gesetzt haben. Zum einen hat die Technologie zum Entstehen einer zunehmend mobilen und global vernetzten Arbeitnehmerschaft geführt – mit vielen Vor- und Nachteilen. Zum anderen sieht sich die Bevölkerung in den Industrieländern mit einer demografischen Zeitbombe konfrontiert: Während die Menschen nach ihrem Austritt aus dem Berufsleben immer länger leben, brauchen junge Leute mehr Zeit für ihre Ausbildung und sind länger von ihren Eltern abhängig – eine Doppelbelastung für die so genannte „Sandwich-Generation“, eine steigende Anzahl an Menschen, die sowohl die Verantwortung für ihre Kinder als auch für ihre alternden Eltern tragen.

Lange Anfahrtswege erhöhen den Stress

Hinzu kommt, dass immer mehr Unternehmen im Zuge von Sparmaßnahmen innerstädtische Niederlassungen schließen, um sich auf große Büros an einem Standort zu konzentrieren. Für die Angestellten heißt das in der Regel, längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen. Allein in London legt ein Fünftel der Arbeitnehmer über 40 Kilometer zum Büro zurück, in New York braucht knapp die Hälfte der Beschäftigten mehr als 40 Minuten für den Arbeitsweg. Die Folgen sind müde, gereizte, unproduktive Mitarbeiter, die Berufs- und Privatleben kaum noch vereinbaren können. Wer dagegen von zuhause arbeitet, scheint gegen all diese Probleme gewappnet zu sein.

Sozialer Anschluss fehlt

Ohne Zweifel bietet Telearbeit sowohl Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern zahlreiche Vorteile, nicht zuletzt die Möglichkeit zur Reduzierung von Arbeitsplatzkosten und Anfahrtszeiten, was wiederum die Umwelt schont. Mit Laptop und Internetanschluss lässt es sich nahezu überall arbeiten, also auch zuhause. Mitarbeiter können, so scheint es, spielend einfach den Konflikt zwischen Familie und Arbeit lösen. Auf lange Sicht ist Telearbeit allerdings nicht die Universallösung, die sich Mitarbeiter oder Unternehmen erhoffen. Im Home Office ist die Ablenkung durch Kinder oder Hausarbeit groß, die Motivation oft gering. Es fehlen der soziale Anschluss und der Austausch mit den Kollegen, den das Arbeiten in einem Büro mit sich bringt, so Strelitz.

Praktische Nachteile

Fallbeispiele aus Liveable Lives zeigen, wie schwierig es ist, Kinder, ältere oder kranke Angehörige zu versorgen und gleichzeitig zuhause zu arbeiten. Einige der befragten Personen hatten explizit Heimarbeit eingefordert, anderen wurde sie angeboten oder sogar auferlegt. Unabhängig vom Motiv für das Arbeiten im Home Office zeigen die Fallbeispiele sowohl die mentale Belastung – Isolation, Einsamkeit, Monotonie und Antriebslosigkeit – als auch praktische Nachteile: Vielfach ist in den eigenen vier Wänden schlicht nicht ausreichend Platz vorhanden. So kann beispielsweise eine der befragten Personen kein Home Office einrichten, weil der Partner schon dort arbeitet. Zwei Väter reibt wiederum die Doppelbelastung auf, sich um die Kinder zu kümmern und gleichzeitig arbeiten zu müssen. Ein Rechtsanwalt hat zwar das tägliche Pendeln satt, ist aber auf eine professionelle Geschäftsumgebung angewiesen. Eine weitere Person fühlt sich zuhause so isoliert, dass sie die teure, ermüdende Fahrt zur Arbeit in Kauf nimmt. Ein anderer Studienteilnehmer ist hin- und hergerissen zwischen dem Büro und dem kranken Partner daheim, während eine Mutter mit langem Arbeitsweg kaum rechtzeitig zur Kinderkrippe kommt, um ihren Sohn abzuholen. Fazit dieser Beispiele ist: Telearbeit ist nicht für jeden Mitarbeiter oder jedes Unternehmen geeignet. Sie muss gezielt abgestimmt und in eine Management-Strategie eingebettet sein.

Besser „manchmal“ statt „immer“

Damit ausgelagerte Arbeit funktioniert, brauchen die Mitarbeiter ein angemessenes Personalmanagement und die nötige Unterstützung, sagt Strelitz. Und damit sind nicht nur Laptop, Smartphone und Remote-Zugriff auf das Unternehmenssystem gemeint. Für das Wohl des Unternehmens und auch für das der Mitarbeiter ist es wichtig, dass ausgelagerte Arbeitnehmer dazu aufgefordert werden, sich regelmäßig mit Kollegen auszutauschen und dafür auch den passenden Rahmen erhalten. Selbst wenn die Arbeit zuhause erledigt werden kann, ist es nicht immer die beste Lösung, dies auch zu tun. Es gibt ebenso gute Gründe, die für das Arbeiten im Büro sprechen. Das Home Office sollte also eher eine Lösung für „manchmal“ als für „immer“ sein, für manche kommt es sogar überhaupt nicht in Frage. Ein Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben kann erst dann realisiert werden, wenn alle erkannt haben, dass berufliche Pflichten und die Verantwortung für Kinder, Ältere oder Kranke nicht per se miteinander vereinbar sind.

Verteilte Arbeitsplätze als Lösung

Eine gute Ergänzung kann ein Netzwerk aus professionellen Arbeitsplätzen in der Nähe der Wohnorte der Belegschaft sein, lautet das Fazit von Strelitz. In so genannten Business Centern finden Mitarbeiter komplett ausgestattete Büros, auf die sie ausweichen können, wenn sie das Gefühl haben, dem Büro zuhause entfliehen zu müssen, einen Tapetenwechsel brauchen oder sich per Videokonferenz mit den Kollegen im Unternehmen austauschen möchten. Gleichzeitig sparen sie sich dadurch unter Umständen die lange Anfahrt zum Firmengebäude. Entscheidend für die Work-Life-Balance der Mitarbeiter ist, dass Personalmanagement und Immobilienstrategie der Firma Hand in Hand gehen. Den Mitarbeitern müssen also die Arbeitsbedingungen geboten werden, die sie brauchen, um Arbeit und Privatleben besser vereinen zu können, ohne dass ihre Produktivität darunter leidet.

Der Bericht Liveable Lives von Ziona Strelitz steht im Internet unter www.regus.presscentre.com zum Download bereit.

 

Michael Barth

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