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Interviews

Zukunftsfit sind die, die den Menschen – mit allen seinen Potentialen – Mensch sein lassen.

Kristin Scheerhorn ist seit 25 Jahren in einem internationalen Konzern tätig, ist Business Coach und Autorin und wird transformiert. Sie transformiert nicht nur sich selbst, sondern auch die Mitarbeiter des Konzerns. Wie Sie diese Transformation selbst und mit Ihren Mitarbeiter erlebt, schildert Sie uns in dem einzigartigen Interview.

Kristin Scheerhorn / Kristin Scheerhorn

Sascha Zöller: Welche Maßnahmen wurden im Bereich Digitalisierung durchgeführt und welche Ziele wurden dabei verfolgt?

Kristin Scheerhorn: Schwerpunktmäßig wird meiner Erfahrung nach im Rahmen von Digitalisierung die Technologie betrachtet. Die Menschen, die den Einsatz ermöglichen sollen (Know How Transfer, Optimierung der Prozesse vor Automatisierung, etc.), sind häufig nicht befähigt (Know How, Skills, Mindset) und/oder nicht befugt (Empowerment). Es fehlt der Rahmen (Organisation), um die benötigten Fähigkeiten ausleben zu können. Es werden viele Automatisierungstools eingekauft, doch Scheitern viele Unternehmen daran, die eigenen Prozesse bereinigt zu beschreiben und ins System zu übergeben. Vielerorts wird mit dem Ziel der Digitalisierung lediglich Automatisierung verfolgt.

Sascha Zöller: Was waren zu Beginn die größten Hürden?

Kristin Scheerhorn: Mit den Experten (die die Arbeit bisher erledigen) wird nicht wirklich gesprochen. Es wird ihnen als Anforderung vorgesetzt. Niemand spricht mit ihnen über ihre aufkommenden Ängste. Niemand kümmert sich darum, was es mit den Menschen macht. Somit kam es zu verdeckten oder offenen Widerständen, die Umsetzung verschleppt sich, die Qualität ist oftmals nicht so wie sie sein könnte.

Sascha Zöller: Konntest Du oder Dein Unternehmen mit den Maßnahmen der Digitalisierung das gesteckte Ziel erreichen oder mussten die Maßnahmen angepasst werden?

Kristin Scheerhorn: Oftmals werden die gesteckten Ziele angepasst. Positiv hat sich gezeigt, dass die wirkliche Einbindung der Menschen und der Umgang mit ihnen gut investierte Zeit ist. Danach konnten Verzögerungen gemeinsam wieder wettgemacht werden. Betroffen wurden zu Beteiligten und plötzlich wachsen sie über sich hinaus, weil sie jetzt selber mitgestalten.

Sascha Zöller: Konntest Du oder Dein Unternehmen durch die Digitalisierung neue Märkte, Kunden oder sogar neue Geschäftsmodelle erschließen?

Kristin Scheerhorn: Neue Märkte werden bei meinen Kunden erschlossen, ab dem Moment, wenn sie ihren vorherigen Purpose, Unternehmenszweck gemeinsam neu definiert haben. Viele Unternehmen wollen Neues und vergessen, dass sie ihren ursprünglichen Geschäftszweck ggf. auch neu definieren müssen.

Sascha Zöller: Konnte die Geschwindigkeit von Innovationen und Umsetzung erhöht werden?

Kristin Scheerhorn: Ganz klar: Absolut! Durch den klaren und wahrhaftigen Fokus auf den Menschen, wächst das Vertrauen und das Zutrauen. Das sind DIE Katalysatoren in den Teams und Unternehmen, die ich begleite. Plötzlich konnte man laut über ‚irre‘ Ideen gemeinsam nachdenken.

Sascha Zöller: Können die Unternehmensziele schneller, effizienter erreicht und ggf. überschritten werden?

Kristin Scheerhorn: Ja. Mit dem gemeinsam formulierten Geschäftszweck und dem wahrhaften Miteinander wird schnell deutlich zu wie viel mehr die Teams fähig sind.

Sascha Zöller: Wer ist der Treiber der Digitalisierung im Unternehmen?

Kristin Scheerhorn: Bisher der Chief Digital Transformation Officer (per Mandat). Die wirklichen Treiber sind die mutigen Pioniere: Sie sind beflügelt von einer Passion, unterstützen einander über alle Silos hinweg und bringen die PS auf die Strasse, die per Command & Control nie erreicht werden.

Sascha Zöller: Wie verhält sich der Wettbewerb? Rechnest Du mit neuen Mitbewerbern?

Kristin Scheerhorn: Ich rechne nicht nur mit ihnen. Sie sind bereits da. Damit wir diese erkennen können: Überlegt GENAU, was Euer Geschäftszweck im weiteren Sinne ist. Ein einfaches Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn Automotive nur denkt: Wir wollen der Weltbeste Autobauer sein, dann ist das nicht mehr zukunftsfähig. Immer mehr Menschen machen sie Gedanken über die Zukunft, die Umwelt, etc. Es gibt mittlerweile schon viele Ideen, Prototypen für alternative Fortbewegungsmittel. Weiter gedacht: Was, wenn wir in Zukunft so gar nicht mehr von A nach B kommen? Vielleicht werden wir ja bald alle gebeamt?

Sascha Zöller: Hat sich in den letzten Jahren das Kundenverhalten durch die Digitalisierung geändert?

Kristin Scheerhorn: Auf jeden Fall. Kunden erwarten einerseits Simplification in der Anwendung, mehr Komfort und maximale Zufriedenheit in ihrer Journey. Sie sind viel anspruchsvoller geworden und das zu Recht.

Sascha Zöller: Welche strategischen Wachstumsfelder siehst Du in Bezug auf die Digitalisierung?

Kristin Scheerhorn: Maximale Automatisierung, um sich wiederholende Routinen 24/7/365 laufen lassen zu können. Einsatz von AI und Predictive Analytics, um die Menschen zu unterstützen ihre Entscheidungen und Handlungen steuern zu können. Menschen werden damit mehr freie Ressourcen haben, um Mensch zu Mensch Interaktionen mit Leben füllen zu können (z.B. Einkäufer, die mit ihren Partnern aus der gesamten Supply Chain potentiellen Risiken gemeinsam entgegen wirken zu können und proaktiv Lösungen zu erarbeiten).
Ein Wachstumsfeld sehe ich ganz klar darin, dass wir bei all der Digitalisierung dringend ‚Guardians of Humanity‘ in der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft benötigen. Alles, was geht, ist aber nicht zwangsläufig gut für die Menschen.

Sascha Zöller: Konntest Du durch die Digitalisierung das eigene Leistungsangebot vergrößern?

Kristin Scheerhorn: Auf jeden Fall. Dadurch, dass sich viele Unternehmen so schwer tun, einfach mal anzufangen. Ich helfe den Führungskräften und Teams die Hürden zu überwinden und genau die Organisation, Kultur, Arbeitsweisen und Abläufe mit ihnen gemeinsam zu erarbeiten, die sie brauchen.

Sascha Zöller: Welche Veränderungen mussten in der Organisation durch die eigenen Maßnahmen hinsichtlich der Digitalisierung unternommen werden?

Kristin Scheerhorn: Mutiges Handeln, sich nicht beirren lassen, Pionieren den Raum lassen und Vertrauen schenken und entgegennehmen. Es beinhaltet massive Veränderung der Kultur, die heute noch vielerorts vorherrschend ist.

Sascha Zöller: Werden aktuell Geschäftspartner, Kunden und Lieferanten systematisch und automatisiert in den Wertschöpfungsprozess integriert?

Kristin Scheerhorn: Hier stelle ich auch fest, dass es da noch viele Vorbehalte gibt, die es zu überwinden gilt. Das not-invented-here Syndrom führt dazu, dass das, was ein anderer entwickelt hat, ja nicht taugt. Die Haltung, dass Teilen den Verlust des Marktanteils bedeutet, weil der Andere mir ja mein Know-How klauen könnte, verhindert das wichtige Sharing. Daher wird hier noch sehr gemauert und abgeschottet. Weider ein Mindset und Kulturthema.

Sascha Zöller: Wie wird der Erfolgsfaktor DIGITAL die Fortbildung und auch die Qualifikationen von Mitarbeitern beeinflussen?

Kristin Scheerhorn: Es wird immer mehr zum Muss. Bisher wird es aber bei vielen Beteiligten ausgeblendet. Das betrifft ja immer Andere und nicht mich und meinen Arbeitsplatz. Dank der VR Glasses ist in vielen Jobs das exakte Detailwissen nicht mehr erforderlich: Mittels Brille hab eich Baupläne, die zu nutzenden Tools und wo was installiert werden muss direkt vor Augen. Das spart lange Ausbildungszeiten in Theorie und Praxis. Durch die vermehrte Alltagsnutzung digitaler Tools, ändert sich auch das Lernverhalten und die Anwendung. Das muss Berücksichtigung finden. Heute lernen Viele über You Tube. Das müssen wir berücksichtigen. Ein interessantes Gegenbeispiel hier ist z.B. Autofahrenlernen: Es wird jetzt deutlicher, dass die jetzigen Fahrschüler mehr Stunden benötigen als es vor 10 Jahren der Fall war. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Fahrschülergenerationen vorher unbewusste Fahrkompetenz erlernt haben. Heute fahren die Kids mit und tauchen ab in ihre Mobiltelefone. Es findet kein unbewusstes Lernen durch Beobachtung und Nachahmung statt. Das wiederum macht sie natürlich auch viel empfänglicher für autonomes Fahren (ist ja fast so wie heute ;-))

Sascha Zöller: Wenn Du heute an den Erfolgsfaktor DIGITAL denkst, was hat aus Deiner Sicht die Menschen und die Welt bereits heute stark verändert, verbessert?

Kristin Scheerhorn: Wir haben jetzt die Chance aus dem tayloristischen Arbeitsdiktat auszusteigen. Wir haben in den letzten 25 Jahren den Menschen so konditioniert, dass er in den meisten Berufen wie ein Werkzeug in der Wertschöpfungskette immer mehr optimiert wurde. Das war nötig, weil wir nicht hinreichende Lösungen hatten, um die Brücken von einer Output Stelle zur nächsten zu bauen. Wir werden nicht in Konkurrenz zur Maschine gehen. Wenn wir das tun, haben wir in vielen Jobs schon verloren. Wir haben jetzt endlich die Möglichkeit mehr Mensch sein zu können, zu dürfen. Wir werden Ideen erdenken, zum Fliegen bringen. Wir können das Thema Arbeit neu leben können. Und nein, es wird nicht für Jeden toll sein und werden. Aber wir haben es in der Hand!

Sascha Zöller: Was würdest Du heute anders machen und welchen Empfehlungen kannst Du den Lesern geben?

Kristin Scheerhorn: Immer mutig meiner Intuition folgen. Sie kennt den Weg. Wir Denken zu viel und Handeln zu wenig. Häufiger Handeln, Ausprobieren, Überprüfen, ggf. Anpassen und weiter.

Zukunftsfit und erfolgreich sind die, die den Menschen -mit allen seinen Potentialen- Mensch sein lassen.

Weitere Informationen zu Kristin Scheerhorn finden Sie unter https://kristin-scheerhorn.com

 

Sascha Zöller

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