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business-on.de sprach mit dem Finanzexperte Thomas Kirchner über sein aktuelles Buch „Alternativlos“ in dem er dafür plädiert, die Finanzmärkte zu lockern.

Thomas Kirchner / Thomas Kirchner

business-on.de: Herr Kirchner, in Ihrem neuen Buch „Alternativlos“ plädieren Sie dafür, die Finanzmärkte zu lockern, statt, wie viele Politiker es fordern, diese stärker zu regulieren. Warum?

Thomas Kirchner: Für Öffentlichkeit und Politik steht fest: Insbesondere skrupellose Spekulanten und gierige Banker haben die aktuelle Finanz- und Staatsschuldenkrise verursacht. Die Medien schüren dieses Vorurteil. Dabei ist meines Erachtens die augenblickliche Symbiose von Staaten und Banken die wahre Ursache der Krise in Europa.

business-on.de: Inwiefern?

Thomas Kirchner: Die Politik hat in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass die Banken die Staaten finanzieren – und ist dadurch in eine selbstverschuldete Abhängigkeit geraten. Politiker haben somit genau die Strukturen etabliert, denen sie jetzt die Verantwortung für die Krise zuschieben. Noch problematischer ist, dass die momentanen Regulierungsversuche der Politik lediglich zu einer Schein-Stabilität führen. Die vermeintliche Stabilität der Märkte verschleiert die sich langsam erneut aufbauenden Spannungen, die sich in der nächsten Krise entladen werden. 

business-on.de: Was ist zu tun? 

Thomas Kirchner: Europa sollte die Kapitalmärkte von der Leine lassen, damit sie für mehr Wachstum und Wohlstand in der Bevölkerung sorgen können. 

business-on.de: Sind freie Märkte nicht instabil?

Thomas Kirchner: Wie gesagt, regulierte Märkte schaffen nur Schein-Stabilität. Das zeigt die Zeit vor 1971, als die Wechselkurse angeblich stabil waren. Stabil waren die Wechselkurse jedoch nur kurzzeitig. Es bauten sich immer wieder Spannungen auf, dann mussten Währungen abrupt auf- oder abgewertet werden. Das Ergebnis waren 48 Währungskrisen in Entwicklungsländern zwischen 1954 und 1971, in den Industrienationen durchschnittlich immerhin eine pro Jahr. Diese Erfahrung wird heute ignoriert.

business-on.de: Was raten Sie?

Thomas Kirchner: Zunächst ist wichtig zu sehen, dass Europa vor zwei zentralen Herausforderungen steht: Es darf den Anschluss an die Technologien von morgen nicht verlieren, zudem müssen die Staatsschulden reduziert werden. Beides lässt sich nur durch den Ausbau der Märkte erreichen. Denn je weniger Ersparnisse für die Bezahlung laufender Staatsschulden aufgebracht werden müssen, desto mehr bleibt für private Investitionen. Nur funktionierende Kapitalmärkte können die Ersparnisse effizient in private Investitionen lenken. Die beste Lösung wäre es demnach, das Bankensystem zu verkleinern und parallel dazu die Kapitalmärkte auszubauen. Dadurch ließen sich die von Banken ausgehenden Risiken senken, gleichzeitig durch private Investitionen Wachstum und Wohlstand sichern.

business-on.de: Gilt das auch für Länder wie Griechenland?

Thomas Kirchner: In jedem Fall. Griechenland oder Zypern kommen nur wieder auf die Beine, wenn dort im großen Stil investiert wird. Dann entstünden neue Arbeitsplätze, wovon auch der Konsum profitieren würde. Allerdings müssen Investoren darauf vertrauen können, dass diese Länder im Euro bleiben. Zweifel daran würden die Investitionsbereitschaft senken, da die Gefahr bestünde, dass das Kapital bei einer neuen Währung nur noch halb soviel wert wäre. Und dieses Risiko ist kein Investor bereit, auf sich zu nehmen.

business-on.de: Wie sehen Sie die Zukunft des Euros? 

Thomas Kirchner: Gerettet werden kann der Euro nur, wenn er eine stabile Währung bleibt, die die Menschen aus freien Stücken nutzen. Denn die Erfahrung zeigt: Wackelt eine Währung, stürzen sich die Bürger auf andere, stabilere Zahlungsmittel. Ich halte es auch nicht für richtig, den Euro in eine „Legowährung“ umzuwandeln, aus der Länder bei Bedarf austreten, dann abwerten und schließlich wieder eintreten können. Eine solche Währung wäre unglaubwürdig. Der Austrittsmechanismus würde die Kapitalflucht anheizen.  Aktuell sorgen sich Experten vor einer Deflation.

business-on.de: Ist diese Angst begründet? 

Thomas KirchnerDie Angst vor Deflation ist meines Erachtens unbegründet, denn fallende Preise sind in vielen Branchen eine alltägliche Herausforderung. Beispielsweise sinken die Preise für Mobiltelefonate seit Jahren, trotzdem verdienen die Anbieter prächtig. Fallende Preise zwingt Unternehmen, ihre Produktivität schneller zu erhöhen als bei steigenden Preisen. Gerade der viel beschworene Exportsektor in Deutschland konnte trotz Deflation der Exporterlöse jahrzehntelang wachsen. Die Deflation war eine der treibenden Kräfte, um Qualität und Effizienz zu steigern. Eine moderate Deflation ist somit in Ordnung.

business-on.de: Wie stehen Sie zur Kritik gegenüber einem scheinbar nimmersatten Turbokapitalismus?

Thomas KirchnerTatsächlich wird immer wieder behauptet, dass der Turbokapitalismus zu kurzfristigen Spekulationen führe und nachhaltiges Wirtschaften beeinträchtigen würde. Die Behauptung, milliardenschwere Fonds würden von einem Tag auf den anderen zwischen Anlagen hin- und her springen, ist jedoch absurd. Schon allein die Größe des Anlagevolumens verhindert dies. So verwaltet etwa der niederländische Pensionsfonds ABP ein Anlagevermögen von 320 Milliarden Dollar zu Gunsten der Renten holländischer Staatsbediensteter. Eine solche Summe kann man nicht auf die Schnelle umschichten. Hinzu kommt, dass sich die Transaktionskosten summieren würden, was die erzielten Renditen schrumpfen ließe. Noch wichtiger ist, dass sich Anlagerisiken nur durch eine breite Streuung des Kapitals über verschiedene Anlageklassen minimieren lassen. Bei einer solchen Diversifikation kann ein Fondsmanager nicht kurzfristigen Renditen hinterherjagen, weil sonst seine sorgfältig geplante Risikostreuung durcheinander käme.

business-on.de: Gilt dies auch für die umstrittenen Hedgefonds? 

Thomas Kirchner: Manager von Hedgefonds werden von der Wertpapieraufsicht überwacht, es gelten für sie dieselben Vorschrift wie die für alle anderen Anleger. Darüber hinaus müssen diese Fonds ihren Kontrahenten Sicherheiten hinterlegen, insbesondere bei Derivaten, sowie Compliance -Regeln einhalten. Ihre Anlagebeschränkungen wird zudem von den Anlegern überwacht.

business-on.de: Kürzlich hat die Causa Hoeness das Thema Steuerhinterziehung auf die Titelseiten gebracht. Wie stehen Sie dazu?

Thomas Kirchner: Nüchtern betrachtet, geht dem Staat durch Steuerhinterziehung nicht so viel Geld durch die Lappen, wie behauptet wird. Bei den Steuersündern wird auch nicht mehr allzu viel zu holen sein. Dafür sorgt schon die Flut der Selbstanzeigen seit Beginn der CD-Käufe. Die wirklich großen Vermögen werden professionell verwaltet, und jeder seriöse Vermögensberater klärt seine Kunden über steuerliche Aspekte auf. Steuerhinterziehung muss natürlich schon aus Prinzip bekämpft werden; ein gesellschaftliches Problem, das die Allgemeinheit gigantische Summen kostet, ist sie aber nicht. 

Literaturtipp: Thomas Kirchner
Alternativlos
Warum wir jetzt erst recht ungezügelte Finanzmärkte brauchen
TvR Medienverlag 2014Hardcover, 260 SeitenISBN 978-3-940431-52-319,90 € (D) Thomas Kirchner ist ein Finanzmarktexperte, der die Aktien-, Renten- und Derivatemärkte in Europa und den USA aus jahrelanger Erfahrung kennt. Er ist Fondsmanager des Quaker Event Arbitrage Fonds, einem Publikumsfonds, der “event-driven” Strategien einsetzt. Zum Buch bloggt er unter:http://alternativlos.tk/ 

 

Sascha O. Zöller

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