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Mythos Trinkbude

Am 20. August steht der Pott Kopf: Ein vielfältiges Kultur-Programm in und um 50 ausgewählte Buden soll am „1. Tag der Trinkhallen“ das Leben rund ums Büdchen wieder reaktivieren.

Rainaldo Caddou / Ruhr Tourismus

„Anne Bude“ [an der Bude] verabredet sich heutzutage kaum noch jemand. Ein Grund für die Ruhr Tourismus GmbH, sich dafür zu entscheiden, den „Büdchen“ im Land einen eigenen Tag zu widmen, den „1. Tag der Trinkhallen“ am 20. August mit Aktionen im gesamten Ruhrgebiet.

Lange führte es ein Schattendasein, das „kleine Büdchen umme Ecke“, allenfalls wahrgenommen als Notversorgung für Bier und Zigaretten oder für einen schnellen Kaffee plus Brötchen am frühen Morgen. Dabei reicht die Geschichte der Büdchen weit in die Anfänge der Industrialisierung zurück, als das hier angebotene Mineralwasser die Arbeiter der Zechen und Stahlwerke vom Alkoholkonsum abhalten sollte. Wie viele Trinkhallen – und ihre Inhaber – üben seither eine wichtige soziale Funktion aus …! Das Büdchen an der Ecke und sein Verkaufspersonal, vielerorts ist es Kult und gleichzeitig Zentrum eines besonderen Mikrokosmos‘, steht für eine regionale Identität und gibt vielen ein Stück Heimat.

Nun sollen die Verkaufsstellen ihre alte „Würde“ wieder erhalten, deshalb sind sie zumindest an diesem einen Tag auch noch Kultur-Ort. An insgesamt 50 ausgewählten Buden nämlich wird zwischen 16 und 22 Uhr ein Kulturprogramm der besonderen Art geboten, von Poetry Slam bis Weltmusik, von Jazz bis Klassik, Mitsingevents bis zu Elektromusik. Zumindest einen Tag lang wird der „Mythos Bude“ gefeiert und erhält als Herzstück des Viertels wieder Bedeutung. Der Eintritt ist frei, Informationen dazu gibt es unter

Zu den Wurzeln der Kiosk-Kultur führt die Ausstellung „Zum Wohl!“ des LWL-Museums in der Henrichshütte Hattingen. Noch bis April 2017 gibt es dort Interessantes zum Thema „Getränke zwischen Kultur und Konsum“. Mittendrin die Original-„Seltersbude“ von Emmy Olschewski. 1921 hatte ihre Mutter Anna Jaeger das Kleinstgeschäft für „Dinge des täglichen Bedarfs“ in der Bergarbeitersiedlung der Zeche Graf Schwerin in Castrop-Rauxel aufgebaut. Nach dem Tod ihres Mannes sollte es ihr und der kleinen Tochter eine Mindestversorgung sichern. Und tatsächlich übernahm Emmy 1941 von der Mutter die Führung des Kleinbetriebs, stand – mit Unterstützung von Cousinen und Nichten – bis 1981 hinterm Tresen. „Die Oma war alles“, erinnert sich deren Enkelin Ulrike Rumpf, „Bank, Tante-Emma-Laden und Eheberatung.“

Kiosk, Hochburg der Kommunikation

Trinkbuden – Mitte des 19. Jahrhunderts waren sie vor allem in den aufstrebenden Industriestädten und Bergarbeitersiedlungen aufgekommen. In erster Linie waren es die Stadtväter, die unter anderem dadurch, dass sie günstige Grundstücke zur Verfügung stellten, dafür sorgten, dass vor den großen Fabriken „Trinkhallen“ entstanden, in denen vor allem und zunächst ausschließlich Mineralwasser – „Selters“ – in Flaschen ausgegeben wurde. Erst gratis, später gegen einen kleinen Obolus. Hintergrund war die körperlich schwere Arbeit am Hochofen, im Walzwerk oder in der Schmiede. Der Körper verlor während einer Schicht an dem meist hitzigen Arbeitsplatz etwa zehn Liter Flüssigkeit. „Der abgefüllte Sprudel diente dazu, den enormen Flüssigkeitsverlust wieder auszugleichen“, erklärt Ausstellungskuratorin Astrid Blum.

Linda Zervakis, die „Königin der bunten Tüten“

In ihrem Bestseller „Königin der bunten Tüten“ berichtet Tagesschau-Sprecherin Linda Zervakis von „Geschichten aus dem Kiosk“. Schließlich betrieben erst ihre aus Griechenland stammenden Eltern, dann nach dem Tod des Vaters ihre Mutter „Chrissi“ alleine über 20 Jahre eine Verkaufsstelle in Hamburg-Harburg. Sie selbst stand bis zu ihrem 30. Geburtstag mit hinter der Ladentheke. „So ein Kiosk ist eine gute Schule“ sagt die Moderatorin, „man lernt zum Beispiel Vorurteile abzulegen, indem man so vielen verschiedenen Charakteren begegnet.“ Kioske, so Zervakis, seien wichtig für die Städte: „Sie sind Treffpunkte, dienen auch der Seelsorge, gerade in Problemvierteln. Da tauscht man sich aus, teilt die Sorgen und geht vielleicht mit einem Lächeln nach Hause.“

Axel Biermann, Geschäftsführer der Ruhr Tourismus GmbH, die den „1. Tag der Trinkhallen“ organisiert hat, kannte die Kultur der Kioske aus seiner Heimat Schwaben nicht: „Da gab es kaum Büdchen. Als Kinder haben wir uns ‚etwas zum Schlecken‘, so heißt das im Schwäbischen, meist beim nächsten Bäcker gekauft. Seitdem ich aber im Ruhrgebiet wohne, habe ich natürlich keine Probleme mehr, eine Bude zu finden. Drei Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt gibt es eine richtig tolle Trinkhalle, bei der man fast alles bekommt. Ich hole dort am Wochenende immer die Brötchen – auf Vorbestellung. Da bin ich persönlich bekannt und erfahre, was sich so aktuell tut bei mir im Viertel.“

Um 1900 gab es im Ruhrgebiet über 600 Trinkhallen. Ihr Warenangebot wurde ständig erweitert, auch um „Fingerfood“ wie Gurken, Heringe und Soleier. Ab den 1950er Jahre kamen Tabakwaren, Süßigkeiten, Zeitungen und Zeitschriften dazu. Und Bänkchen, wahlweise auch Stehtische, hinter oder neben dem Verkaufsraum – meist war es eine Bretterbude mit einem Dach aus Wellblech – machten Karriere als sozialer Treffpunkt. Mit Einführung der erweiterten Ladenöffnungszeiten aber wurde das Massensterben vieler Kioske eingeläutet. Nur an zentralen Plätzen, in guten Innenstadtlagen oder in der Nähe von touristisch attraktiven Orten können sie sich heute noch halten – die „Hochburgen der Kommunikation“.

Schon seit 2009 bietet der Bochumer Schauspieler und Theaterpädagoge Giampiero Piria, selbst Sohn eines Bergmanns, eine so genannte „Kioskwallfahrt“ an, einen Gang durch das Bochumer Innenstadtviertel „Hamme“ mit Stopps bei einigen noch in Betrieb befindlichen Buden, aber auch vorbei an geschlossenen Bretterbuden. Er gibt Einblick in den Alltag der Menschen und erläutert regionale Besonderheiten. „Die Buden“, sagt er nachdenklich, „sind einmalige Orte, Unikate, geprägt vom Lokalkolorit. Sie sind identitätsstiftend und wir sollten alle darauf achtgeben, dass sie nicht verschwinden. Weil dann nämlich ein Stück Kultur stirbt und unsere Städte noch austauschbarer werden.“

Eine Übersicht über die Spielstätten und Städte des „1. Tages der Trinkhallen“ findet man hier. Informationen zur Kioskwallfahrt gibt es bei Bochum Tourismus, Telefon 0234 – 96 3020. 2006 hat sich der „1. Kioskclub 06 e.V.“ ggründet, der sich der Erforschung und Dokumentation der für die Großstädte wichtigen Trinkhallen widmet. Die Website dient dabei als wichtige Informationsplattform, auf der auch Themen wie Stadtentwicklung und Alltagskultur eine Rolle spielen.

Die Ausstellung „Zum Wohl!“ des LWL-Museums in der Henrichshütte Hattingen, Werksstr. 25, 45527 Hattingen, läuft noch bis April 2017.

 

Liane Rapp

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