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Ein Spaziergang im “Schatten der Avantgarde“

Das Folkwang Museum in Essen stellt in einer wunderbaren Ausstellung Künstler vor, die bisher als „Naive“ oder „Outsider“ eine Sonderrolle im Abseits spielten und nicht Anerkennung fanden wie Rousseau und Gaugin.

Robert Bayer / Fondation Beyeler

Der Himmel blau, das Folkwang Museum strahlend in edlem Weiß und Grau, Fahnen locken in die Ausstellung „Der Schatten der Avantgarde. Rousseau und die vergessenen Meister“. Die Ausstellung entstand aus dem Wunsch der beiden Kuratoren, Kasper König und Falk Wolf, „eine populäre Ausstellung ohne populistische Tricks“ (Kasper König) zu gestalten. 12 Künstler und eine Künstlerin sollen so in das Bewusstsein des Publikums zurückgeholt werden, die in der interessierten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten sind: André Bauchant, Erich Bödeker, William Edmondson, Louis Michel Eilshemius, Morris Hirshfield, Séraphine Louis, Nikifor, Martín Ramírez, Henri Rousseau, Miroslav Tichý, Bill Traylor, Adalbert Trillhaase und Alfred Wallis.
Als Autodidakten wurden sie nicht als Künstler der Moderne anerkannt, sondern spielten als „Naive“ oder „Outsider“ eine Sonderrolle im Abseits. Werke etablierter Künstler wie Honoré Daumier, Paul Gaugin, PabloPicasso und Blinky Palermo werden den Werken der Autodidakten zur Seite gestellt. Gezeigt wird Malerei, Zeichnung, Photographie und Plastik.

In einer Ausstellungsarchitektur des Architekten Hermann Czech sind 13 Retrospektiven von 13 Autodidakten zusehen, von denen Rousseau sicher der Bekannteste ist und als Kraftzentrum in der Mitte wirkt. Die Werke können in unterschiedlichen Raumsituationen ihre Kraft entfalten. Séraphine Louis‘ große Blumenbilder und Paradiesbäume, ihre sechs größten Bilder sind in einem Raum versammelt, umfangen den Betrachter geradezu mit ihrer üppigen und rätselhaften Vegetation. Morris Hirshfield, der bereits 1943 im Museum of Modern Art in New York ausgestellt wurde unter dem Titel “Retrospektive primitiver Gemälde eines Herstellers von Mänteln, Anzügen und Pantoffeln im Ruhestand“, besticht mit Frauenakten und Tierbildern vor Hintergründen in exquisiter Farbigkeit und ornamentaler Gestaltung. Erich Bödeker, ein Bergmann aus Recklinghausen, begann nach seiner Frühpensionierung Skulpturen zu schaffen. Er kannte Arbeiten von Wilhelm Lehmbruck und Henry Moore. Adalbert Trillhaase, der hauptsächlich biblische Motive malte, hatte Kontakt zum Künstlerkreis um die Düsseldorfer Bäckersfrau und spätere Kunsthändlerin Johanna Ey. Trillhaase wurde von Otto Dix und Max Ernst ermutigt.

Die These „Diese Künstler gehören zur Kunst der Moderne“ (Falk Wolf) wird hier eindrucksvoll belegt. Die Werke strahlen ein große Energie aus, die sie in einen „Dialog treten lässt mit einer starken Sammlung“. Das Museum Folkwang unter der Leitung von Tobia Bezzola ist hierfür der perfekte Partner. Die Ausstellung wirft ein erhellendes, wunderbares Licht auf „die Schatten der Avantgarde“.
Auch ein Publikum, das sich weniger mit Kunst beschäftigt, wird die Ausstellung genießen können. Kaspar König stellte sich die Frage: “ Würde das meiner Mutter gefallen?“ Die Antwort ist eindeutig: “Ja!“

 

Ulrike Liedtke

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