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Zeiten des Terrors – wie erkennt man einen Attentäter?

Die Politiker haben leicht reden: In Zeiten des Terrors fordern sie die Bürger auf besonders wachsam zu sein. Doch dann steht ein harmloser Bürger einem potentiellen Attentäter gegenüber und fragt sich, was er jetzt machen soll. Unser Kolumnist schreibt über eine solche Situation.

Jamin

In diesen Tagen soll es ja auch an uns sein, den Terror zu besiegen. Wir sollen wachsam sein, Hinweis auf potentielle Attentäter geben. Heute ist mir zum ersten Mal klar geworden, was das heißt.

Ein Fremder betritt das Lokal, in dem ich gerade zu Mittag esse. Ein ausländisch-südländisch aussehender Mann, etwa 25-30 Jahre alt, halblanger Bart, dunkles gelocktes Haupthaar unter orientalisch aussehender Mütze. Er zieht einen kleinen weißen Koffer hinter sich hier und trägt einen abgegriffenen Lederrucksack über die Schulter.

Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich eine warnende, innere Stimme: Ist das ein Attentäter?

Der Fremde setzt sich gottseidank in einer Entfernung von zehn Metern in mein Sichtfeld. So kann ich ihn gut beobachten.

Was tun und wie? Fragen  über Fragen

Ich frage mich nun: Wie erkennt man einen Attentäter? Politiker wie Sicherheitsexperten haben in den vergangenen Tagen immer wieder darauf hingewiesen, dass wir Bürger aufmerksam sein sollen? Aber was heißt das? Aufmerksam sein? Und was mache ich, wenn ich aufmerksam bin und jemanden als möglichen potentiellen Attentäter verdächtige?

Beobachte ich die Person weiter? Rufe ich die Polizei? Lasse ich das Lokal räumen?

Ich weiß es nicht. Ich beobachte den Fremden weiter. Der Koffer steht dicht zu seinen Füßen. Er ist gerade groß genug, um darin ein paar Kalaschnikows unterzubringen. Der Lederrucksack, der über der Stuhllehne hängt, könnte etliche Handgranaten oder Sprengstoff bergen.

Der Fremde liest in einem Buch. Ich versuche zu erkennen, ob es möglicherweise der Koran ist. Möglicherweise stärkt sich ja ein potentieller Attentäter vor der Tat mit Hilfe der Worte seines Gottes?! Hat der Buchrücken goldene, geschnörkelte Buchstaben, ist das Buch in Leder gebunden?

Aber ich sitze zu weit entfernt, um zu erkennen, ob es sich um die Worte des Propheten Mohammed oder um das SM-Buch „Shades of Grey“ handelt. Ich hoffe, er liest den Roman.

Woran erkenne ich einen potentiellen Attentäter? Vielleicht schwitzt er sehr stark vor Aufregung? Dieser junge Mann macht einen sehr gelassenen Eindruck. Vielleicht trinkt er vor Aufregung sehr viel? Er hat sich eine große Flasche Mineralwasser bestellt. Bedeutet das vielleicht, dass er keinen Alkohol trinkt wie strenggläubige Muslime? Oder will er damit seinen vor Aufregung und Angst erhitzten Körper runterkühlen?

Aufmerksamkeit, Misstrauen und Verdacht: Ist der weiße Koffer ein Indiz?

Der Fremde löffelt inzwischen einen Teller Suppe. Das beruhigt mich, denn wer eine Suppe ißt, kann nicht gleichzeitig zur Waffe greifen. Und: Welcher Attentäter würde sich schon beim Suppenlöffeln in die Luft sprengen? Ich kenne keinen. Also hoffe ich zunächst einmal das Beste.

Aber was soll ich nun tun? Bundesinnenminister Thomas de Maizère rief nach den Pariser Attentaten die Bevölkerung zur Wachsamkeit auf: „Achten Sie auf herrenlose Taschen und seltsames Verhalten.“

Ist das Verhalten des Fremden als „seltsam“ einzuordnen? Ist es seltsam mit einem weißen Koffer in ein Lokal zu gehen und dort eine Suppe zu löffeln?

Terroranschläge können ja, das wissen wir jetzt seit den Pariser Massakern, überall stattfinden. In irgendeinem Restaurant, bei einer Veranstaltung. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Roger Lewentz, warnte jedenfalls: „Wir sind auf Schlimmeres vorbereitet, die Bedrohung rückt näher. Die Sicherheitskräfte allein aber können nicht alles beobachten. Wir sind auf den aufmerksamen Blick der Bevölkerung angewiesen. Das galt in Zeiten des RAF-Terrors, und das gilt jetzt umso mehr.“

Ein heimliches Foto – für die Nachwelt?

Ich mache heimlich mit meinem iPhoto ein Bild von der fremden Personen. Wenn der junge Mann eine Bombe hochgehen lässt, weiß man wenigstens hinterher, wie er ausgesehen hat.

Wir wissen ja auch, dass die Terroristen des sogenannten Islamischen Staats sich nicht gefangen nehmen lassen. Sie sprengen sich, wenn sie in die Enge getrieben werden, einfach mit dem an den Leib gebundenen Sprengstoff in die Luft.

Hat der Fremde einen Sprengstoffgürtel um? Er scheint nicht außergewöhnlich dick um die Hüften zu sein. Er ist eher ein schlanker Mann. Ich bin trotzdem froh, dass ich nicht in der Nähe seines Tisches sitze. Ich habe den Eindruck, dass manche der Gäste in der Nähe des Tisches diesen Fremden ebenfalls misstrauisch beobachten. Manchmal blickt der Fremde auch in meine Richtung, als spürte er, dass ich mich mit ihm befasse. Ich gebe mich ahnungslos und desinteressiert.

Die Hilflosigkeit be-schreiben: Ein Ausweg?

Was soll ich nur machen? Ich beschließe über diese Situation eine Kolumne zu schreiben. Einen Text, der zum Ausdruck bringt, wie hilflos man doch ist gegenüber dem hinterhältigen Bösen, das ohne Uniform daherkommt.

Während ich mir Notizen für meinen Text mache, denke ich darüber nach, was das für den Fremden bedeutet, nun in meinen Augen ein potentieller Attentäter zu sein.

Da gerät ein Mensch in Verdacht, nur weil er anders aussieht, weil das Bild, das wir von Attentätern des sogenannten Islamischen Staats haben, seinem äußeren Bild ähnelt.

Wie viele Menschen geraten in diesen Tagen in Verdacht, nur weil sie verdächtig aussehen? Nicht, weil sie ein Gewehr im Arm oder eine Pistole im Halfter unter der Jacke tragen, sondern weil sie etwas fremdländisch aussehen. Weil sie zusätzlich noch einen Koffer dabei haben.

Barrieren zwischen den Menschen

Wir sollten nicht zulassen, in jedem Fremden einen potentiellen Attentäter zu sehen. Dieses Misstrauen schafft Barrieren zwischen den Menschen. Zwischen Menschen, die einander doch lieber Freunde und nicht Feinde sein möchten. Doch die IS-Terroristen haben erfolgreich Misstrauen gesät, Ängste geschürt.

Während ich den Fremden beobachte, blättere ich durch den aktuellen „Stern“ und lese ein paar Absätze in der Geschichte über das Attentat in Paris: „Angriff auf Europa, Paris, Freitag, 13.11.2015“ lautet die Schlagzeile auf dem düsteren Titelbild mit einem traurigen Eiffelturm. Auch in Paris fing es ja so harmlos an wie heute bei mir in Düsseldorf. Eine Zeugin namens Celia berichtet: „Ich sah die Täter vor mir. Sie hatten ihre Gesichter nicht verborgen. Ich glaube, es waren vier, alle jung. Sie hatten weite Jacken. Der eine mit der beigefarben Jacke hatte einen kurzen Bart. Sie sahen nach Nahem Osten aus.“

Auch der junge Fremde an dem Tisch in zehn Meter Entfernung sieht so aus. Sehe ich verdächtige Gesten? Empfängt er gerade auf seinem Smartphone seine Anweisung? Werden wir nur noch voller Sorge vor Terroranschlägen durch unsere Städte flanieren, ein Musikkonzert besuchen, einen Kaffee bei Starbucks trinken?

Ein neues „Nationalgefühl“?

Wird dieses Misstrauen nun das Nationalgefühl der Deutschen werden?

Ich bin aufgewühlt. Mein Misstrauen ist so groß, dass ich beschließe, das Lokal zu verlassen. Doch gerade als ich die Kellnerin rufen will, um die Rechnung zu bezahlen, steht der Fremde auf und zieht seine Jacke an. Wird er seinen Koffer stehen oder seinen Rucksack an der Stuhllehne hängen lassen?

Dann werde ich ganz laut „Bombe“ rufen! Aber der Fremde zieht mit Koffer und Rucksack weiter.

Fehlalarm. Innerer Fehlalarm.

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…
                                                        Ihr Peter Jamin

Unser Autor arbeitet als Schriftsteller und Publizist sowie als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation er in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

 

Karin Völker

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