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Das unblutige „Gemetzel“ mit Gegenwartsbezug

Das neue Festspiel-Trio Nico Hofmann (Intendant), Thomas Schadt (Regisseur und künstlerischer Leiter) und Albert Ostermaier (Autor) stellen den deutschesten aller Stoffe auf eine harte Bewährungsprobe.

Marion B�hrle

Erstmals wird die Sage um den Untergang der Nibelungen aus der Sicht einer Nebenfigur auf die Bühne gebracht. Ortlieb, der Sohn Kriemhilds und Etzels, ist Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung (gespielt in einer „Hosenrolle“ von Alina Levshin). Hagen (gespielt von Max Urlacher), der mit Maske und Quad auf die Bühne knattert, lässt für ihn die Geschichte von Siegfried, dem Drachentöter, in Tanzszenen lebendig werden. Ästhetisch ansprechend die Verkörperung des Hortes durch eine Tänzerin in hautengem Goldkostüm. Der Plot noch einmal in Kürze: Siegfried wird von Hagen ermordet, weil seine Gattin Kriemhild seine einzig verwundbare Stelle mit einem Kreuz markierte. Die Witwe heiratet den Hunnenkönig Etzel, bekommt einen Sohn, besagten Ortlieb, und lädt ihre Verwandten ein – einzig getrieben von dem Gedanken, Rache an Hagen zu nehmen. Doch die Burgunder zeigen die sprichwörtlich gewordene nibelungische Treue und gehen lieber mit dem Mörder Siegfrieds unter, als ihren treuen Gefolgsmann Hagen auszuliefern.

 Gespielt wird vor und auf zwei hölzernen Festungstürmen, die mit einem dornenbekränzten Totenschädel auf Burgunderseite und Elfenbeinzähnen (Elefanten in Ungarn?) auf Hunnenseite die Parteien optisch trennen und gekonnt den Blick auf den Wormser Dom verstellen. Aber um den geschichtlichen Stoff und den Dom als Austragungsort des Königinnenstreits geht es ohnehin nicht: „Gerade anhand des Nibelungenlieds müssen und können wir über Bürgerkriege, Flüchtlinge, Diskriminierung, Vorurteile, Utopien und natürlich über unsere Urthemen Liebe , Rache, Gewalt reden“, so Autor Albert Ostermaier. Da ist es dann nur logisch, dass Brünhild (ausgezeichnet gespielt von Catrin Striebeck) als schwarzer Ritter erstmals beim Gemetzel anwesend ist und der  Gürtel des Anstoßes (der den berühmten Streit der Königinnen vor dem Dom auslöste, weil Kriemhild an ihm erkennt, dass Siegfried die Rolle Gunthers im Ehebett übernommen hatte) zum Sprengstoffgürtel wird.

 Das Stück will psychologisieren und lebt dies in erotischen Beziehungen aus, hinter, über, unter oder zwischen denen der Geist Siegfrieds spukt. Am Ende sind noch lange nicht alle tot. Und völlig gegen den Sagenstoff begeht Ortlieb am Ende Selbstmord mit den Worten „Ich bin Siegfried“.

 Der Wormser Nibelungentreue wird diese Inszenierung keinen Abbruch tun, zumal der Heylshofpark und die festliche Atmosphäre sowie das bunte Festspielprogramm mit Vorträgen, Nibelungen-Dinner und Autorenwettbewerb einen Besuch der Festspiele allemal zu einem Erlebnis werden lassen.

 

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