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Mit Blindencoaching zum Erfolg

Ein Blindencoaching unterstützt den FDP-Spitzenpolitiker Michael Theurer und sein Team auf dem Weg zum Wiedereinzug in den Bundestag. Es stärkt das Vertrauen, fördert den Teamgeist und macht den Kopf frei fürs Wesentliche.

Patricia Le�nerkraus

Das gelbe T-Shirt leuchtet in der Sonne, doch seine Augen sind verdunkelt. Mit staksigen Schritten läuft der FDP-Europaabgeordnete Michael Theurer über die Tartanbahn, gelenkt nur vom Unterarm eines Mannes mit Blindenstock. Theurer und seine engsten Mitarbeiter wagen ein Blindencoaching bei Mulgheta Russom. Der 39-Jährige ist Blindenfußball-Nationalspieler und Kapitän des Blindenfußball-Bundesligisten MTV Stuttgart. Seine Coachings werden sowohl von Schulklassen als auch von renommierten Unternehmen für die Management-Ebene oder als Teambuildings-Maßnahme der Mitarbeiter gebucht. Theurer weiß die Qualitäten von Russoms Training ebenfalls zu schätzen. „Bei dem Coaching geht es um Selbstvertrauen, gegenseitiges Vertrauen, Überwindung von Schwierigkeiten und gute Kommunikation – alles Dinge, die wir als Team für den anstehenden Bundestagswahlkampf brauchen“, sagt Michael Theurer, 50, der als Spitzenkandidat in Baden–Württemberg für ein gutes FDP-Ergebnis sorgen will. „8 Prozent plus X“, strebt der selbstbewusste Theurer an, der schon mit 27 Jahren in Horb zum jüngsten Oberbürgermeister Deutschlands gewählt wurde. 2009 zog der FDP-Stimmenkönig mit stolzen 27% ins Europaparlament, wo er es bis zum Vize-Fraktionschef brachte. Gelingt dem FDP-Landesvorsitzenden erneut ein Spitzenergebnis, dann könnte der studierte Volkswirt und Vorsitzende des Haushaltsausschusses in Brüssel bei einer Regierungsbeteiligung in Berlin sogar etwas werden.

Herr Theurer, mussten Sie sich sehr überwinden, blind Sport zu treiben?

Tatsächlich bin ich mit sehr großem Respekt dieser Herausforderung begegnet. Ich habe mich im Vorfeld durchaus gefragt: Wie soll das ohne Augenlicht funktionieren. Kann und will ich das und wie funktionieren wir als Team dabei.

Hat es funktioniert?

Ja, es hat funktioniert und es bleibt ein unvergessliches Erlebnis. Mulgheta Russom hat eine ganz tolle Art, einem jegliches Gefühl von Unsicherheit zu nehmen. Zuerst ist er mit mir über die Tartanbahn gejoggt. Er hat sich durch seinen Blindenstock orientiert, ich mich an seinem angewinkelten Arm. Anfangs war ich total unsicher und habe mich kaum getraut mit Tempo zu laufen, denn mir fehlte jegliches Gefühl für Raum und Richtung. Durch seine Geduld und sein Einfühlungsvermögen habe ich an Orientierung gewonnen und mir dann immer mehr zugetraut.

Warum haben Sie dieses Training überhaupt gemacht?

Diese intensiven und ganz besonderen Erfahrungen haben uns als Team menschlich sehr viel näher zusammenrücken lassen, weil wir uns von einer ganz anderen Seite kennenlernen konnten. Das ist deshalb so wichtig, weil ich ständig zwischen Brüssel, Berlin und irgendwo in Baden-Württemberg pendele und vieles nur übers Telefon laufen muss. Damit trotzdem alles klappt, muss die gesamte Mannschaft funktionieren und harmonieren.

Inwiefern hat das Coaching dazu beigetragen?

Das Vertrauen sowohl in mich selbst als auch in mein Team und umgekehrt ist nochmals gewachsen.

Wodurch genau?

Bei einem Blindentraining lernt jeder schnell seine eigenen Grenzen kennen und merkt, dass man diese nur dann überwinden kann, wenn man sich gegenseitig hilft. Vor allem bei den gemeinsamen Übungen konnte ich spüren, wie weit jeder einzelne Mitarbeiter aus seiner Komfortzone herausgegangen ist. Wir mussten durch sprachliche und auch körperliche Hilfestellung sehr viel Nähe aufbauen. Durch das fehlende Augenlicht haben wir die anderen Sinne mehr aktiviert, haben besser hingehört und dadurch mehr auf die Zwischentöne geachtet. All das hat zum sorgsameren Umgang miteinander sowie besseren Verständnis füreinander beigetragen.

Was bedeutet das jetzt für den Arbeitsalltag?

Wir alle verstehen uns jetzt tatsächlich ohne viel Worte und ohne uns sehen zu müssen. Davon bin ich völlig begeistert.

Nehmen Sie für sich ganz persönlich etwas aus dem Training mit?

Ich habe durch die neuen Erfahrungen und Eindrücke für mich selbst die wertvolle Erkenntnis mitgenommen, dass es angesichts der hohen Schlagzahl eines Politikers gut ist, zwischendrin immer mal kurz innezuhalten und etwas anderes zu machen. Das stärkt die Achtsamkeit und die Wertschätzung.

Beschreiben Sie sich doch mal in Ihrer Rolle als Chef.

Ich bin ein sehr fordernder Chef, gebe meinen Mitarbeitern viel Freiraum. Wenn ich jedoch merke, dass etwas schiefläuft, kann ich bisweilen sehr leidenschaftlich und impulsiv sein. Ich versuche schon seit längerer Zeit durch Joggen mehr mit mir in Balance zu bleiben, um mit mir selbst und mit anderen achtsamer umzugehen. Die Erfahrungen mit Mulgheta haben diese Bemühungen weiter bestärkt, weil ich das Gefühl mitgenommen habe, auch ungewohnte, schwierige Situationen bewältigen zu können. Mein Brüsseler Team jedenfalls spiegelt mir, dass ich wohl ruhiger geworden bin.

Sie wechseln von Brüssel nach Berlin. Wie profitiert die deutsche Politik von Ihren Erfahrungen als Europapolitiker?

Viele der aktuellen Themen wie Asyl- und Migrationskrise, Schutz der Außengrenzen, gemeinsame Sicherheitspolitik, grenzüberschreitende Terrorismusbekämpfung sind alles Themen, die nicht EU-Kompetenz sind. Das heißt, die Krise der EU ist ein Versagen der Nationalstaaten. Es ist deshalb wichtig, dass künftig erfahrene Europa-Politiker im Bundestag die europäische Dimension mitdenken.

Laut aktuellen Umfragen könnte es zu einer Koalition mit der CDU oder eventuell zu einer Jamaika-Koalition kommen…

Welche Konstellationen vom Wähler gewünscht sind, sehen wir am Abend des 24. September. Entscheidend für uns sind die Inhalte. Die FDP wird in keine Regierung eintreten, wenn nicht wesentliche Punkte unseres Programms in praktische Politik umgesetzt werden können. Das ist die zentrale Lehre für uns aus dem Ausscheiden aus dem Bundestag. Die starke Anlehnung an die CDU und dass wir in der Steuerpolitik nicht liefern konnten, waren wesentliche Ursachen dafür gewesen.

Regiert die FDP mit, könnte Ihnen ein Ministerposten winken….

Priorität hat der Wiedereinzug in den Deutschen Bundestag, über Posten spekuliere ich prinzipiell nicht. Meine Expertise liegt in der Wirtschafts- und Finanzpolitik, und diese Expertise werde ich im Sinne der FDP wo auch immer einbringen. Dazu gehört, dass wir kleinere und mittlere Unternehmen von unnötiger Bürokratie entlasten wollen. Außerdem wollen wir das Arbeitszeitgesetz flexibilisieren, um nur mal zwei unserer Forderungen zu nennen.

Haben Sie ein Lebensmotto, das Sie als Mensch und als Politiker leitet?

Ja, das habe ich dank meines Vaters schon seit ich ein kleiner Junge war und es ist mir durch den blinden Mulgheta Russom nochmals bewusster geworden. Es ist das berühmte Zitat aus „Der kleine Prinz“: „Der Mensch sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ 

 

Patricia Leßnerkraus/Freie Journalistin

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