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Schadet der Aktienhandel unserer Gesellschaft?

Dinosaurier des Kaltkapitalismus, Profitgier-Arena, Realmonopoly oder das unsoziale Gewissen unserer Marktwirtschaft – diese und andere Etiketten bekommen Unternehmen im Rechtskleid einer (börsennotierten) Aktiengesellschaft immer wieder angeheftet, wenn es darum geht, auf Fehlentwicklungen unseres Wirtschaftssystems hinzuweisen.

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Seit Jahren machen Großunternehmen immer wieder damit Schlagzeilen, dass sie sich mit exorbitanten Gewinnen brüsten – nachdem sie zuvor massiv Kosten abgebaut hatten – durch Arbeitsplatzabbau, Werksschließungen oder Verkauf von Unternehmensteilen. Die meisten dieser Unternehmen sind Aktiengesellschaften. Mich beschleicht bei solchen Nachrichten regelmäßig ein gewisses Unbehagen, ein flaues Gefühl in der Magengegend. Mehr oder weniger unbewusst spüre ich: „irgendwie ist das nicht richtig, was da passiert“ – kurz: mein moralischer Kompass spielt verrückt…

Aber ist es nicht so, dass Wirtschaft und Moral schon immer unvereinbar waren? Auf den ersten Blick scheint dies jedenfalls so. Noch heute wird in den Hochschulen vermittelt, das vorrangigste Ziel der Betriebswirtschaft sei es, die Gewinne zu maximieren. Zwar sind soziale Belange heutzutage zu berücksichtigen (Mitbestimmungsrecht, Tarifbindungen, Allgemeinverbindlichkeitserklärungen) und der Umweltaspekt gewinnt zunehmend an Bedeutung – aber diese Belange sind wohl eher als Spielfeld neuer Umsatzchancen, weniger als Einsicht in die Notwendigkeit, nachhaltig wirtschaften zu müssen, zu sehen.

Sicher ist eines: Ohne Gewinn ist ein Unternehmen auf Dauer nicht überlebensfähig. Dass die Einnahmen die Ausgaben übersteigen müssen, ist ein „Grundgesetz“ des Wirtschaftens und eine Voraussetzung für das Überleben des Unternehmens. Daran schließt sich aber auch gleich die Frage an, ob dieses Gewinnstreben überhaupt vereinbar ist mit Prinzipien oder Visionen wie z.B. die Verbesserung der sozialen Verhältnisse, der Schutz der Umwelt oder der sorgfältige Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen.

In der Wirtschaftsgeschichte gibt es eine ganze Reihe von Unternehmen, denen das Wohl ihrer Mitarbeiter über das normale Maß hinaus sehr am Herzen gelegen ist – schon im Mittelalter waren dies beispielsweise das Augsburger Handelsunternehmen der Fugger genannt oder in der Phase der Industrialisierung das schwäbische Unternehmen Bosch. Dazu kamen unzählige Klein- und Mittelstandsbetriebe, in denen die Mitarbeiter nicht selten „zur Familie“ gehört haben, die man auch dann bei sich hält, wenn es „der Firma“ mal nicht so gut geht. War das Sozialverhalten vielleicht nicht die vorrangige Motivation, so war es doch eine Strategie, Mitarbeiter im Unternehmen zu halten, deren Leistungsfähigkeit und Loyalität man schätzte. Oft wurden diese Mitarbeiter auch besonders gefördert und somit zusätzlich an das Unternehmen gebunden. Die oft unbewusste strategisch angelegte Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen sollte den Bestand „der Firma“ sichern, Qualität und Quantität der Produkte langfristig erhalten bzw. steigern und damit eben auch einen Beitrag zur Erlangung dauerhaft „schwarzer Zahlen“ liefern.

Heute leben wir in einer Zeit, die geprägt ist durch die Globalisierung der Märkte. Produkte sind weltweit vergleichbar und erhältlich. Das in China produzierte Polohemd steht in direkter Konkurrenz zum Polohemd, das auf der Schwäbischen Alb produziert wird. Alles ist überall und zu jeder Zeit erhältlich. Der Preis ist dann vielfach das entscheidende Kaufkriterium – jedoch werden Kriterien wie Qualität, Umweltkonformität, Beratungsleistung, Auswahl und die Tatsache, dass heimische Produkte heimische Arbeitsplätze sichern, trotzdem immer wieder vernachlässigt. Aber nicht nur der Käufer, sondern auch der Hersteller sollte soziale Verantwortung übernehmen. Wer soll denn die heimischen Produkte kaufen, wenn Kunden hierfür nicht mehr genügend Geld haben? Ein Arbeitsloser bzw. ein Hartz IV-Empfänger muss sich sein Geld anders einteilen als jemand, der einen Job hat. Bereits da fängt die Verantwortung des „sozialen“ Unternehmers an.

Jedes Unternehmen verfügt eine Rechtsform. Da gibt es den klassischen Unternehmer – als Einzelfirma (oder als Gruppe die oHG, die KG oder die GbR). Der Eigentümer führt das Unternehmen „eigenverantwortlich“ und haftet für seine Tätigkeit mit seinem Hab und Gut. Ihn trifft man vor allem im Klein- und Mittelstandsbereich an, z.B. bei den Freiberuflern, Handwerkern und Einzelhändlern. Um die persönliche Haftung des Unternehmers zu beschränken, gibt es aber auch die Möglichkeit, eine GmbH, eine Limited oder AG zu gründen.

Eine Sonderrolle spielt hierbei die Aktiengesellschaft (AG). Die Anzahl der Miteigentümer ist dabei nahezu beliebig. Dazu kommt, dass die Miteigentümer in der Regel zum operativen Geschäft des Unternehmens überhaupt keinen Bezug mehr haben. Die sogenannten „Teileigentumsnachweise“ (Aktien) der Miteigentümer werden in der Hoffnung gekauft, sie möglichst schnell mit möglichst hohem Gewinn weiterzuverkaufen – üblicherweise an besonderen Handelsplätzen – Börsen genannt. Es geht also darum, die wirtschaftlichen bzw. finanziellen Rahmenbedingen eines Unternehmens in den Augen der Mitinhaber (Aktionäre, Shareholder) möglichst schnell und unkompliziert zu verbessern. Um die Entwicklung eines Unternehmens möglichst schnell zu erfassen, gibt es dafür die offiziellen Quartalsberichte, in denen wesentliche Erfolgs- oder auch Misserfolgskennzahlen enthalten sind. Es liegt auf der Hand, dass bei dieser Spezies von Unternehmen das Auseinanderklaffen des Interesses der (Mit-)Eigentümer (= Aktionäre) und der Geschäftsleitung eines Unternehmens (Vorstand mit Aufsichtsrat) extrem groß sein! Bei keiner anderen Unternehmensform wird das Streben nach Gewinnmaximierung – jede Minute manifestiert durch den Aktienwert an der Böse und alle drei Monate dokumentiert durch die sogenannten „Quartalsberichte“ – so zum Selbstzweck wie bei der AG: Nirgendwo wird das Gewinnziel der Aktionäre als Miteigentümer so kompromisslos über alle anderen Ziele, Visionen und Verantwortlichkeiten gestellt wie bei der AG. Die unbedingte Steigerung des Wertes einer Aktie ist das VORRANGIGE Ziel des Aktionärs. Er ist davon beseelt (oder sogar „besessen“), aus jeder seiner Aktien einen möglichst hohen Gewinn („Dividende“) zu schlagen. Die Hektik des Aktienmarktes und die Kurzfristigkeit der Entscheidungen sind hinlänglich bekannt, viele Aktionäre denken von Quartal zu Quartal…

Eine Unternehmenspolitik dagegen basiert a priori auf langfristigen Modellen. Eine nachhaltig konzipierte Unternehmenspolitik ist auf  Dekaden und nicht auf Quartale ausgerichtet. Dieser total unterschiedliche Ansatz kommt zunehmend in Konflikt mit den kurzfristigen Kurszielen der spekulierenden Aktionäre. An diesem Spagat zerbrechen nicht wenige Unternehmensvisionen. Denn das Gewinnmaximierungsziel der Aktionäre drängt alle anderen Unternehmensziele beiseite…

Doch ist dieses „AG-typische Verhalten“ angesichts der ökologischen und sozialen Herausforderungen überhaupt noch angemessen? Nein! Außer den direkten Profiteuren kann doch niemand ernsthaft ein Interesse daran haben, im Angesicht der uns alle schier überwältigenden Klimakrise Realmonopoly an der Börse „zu spielen“…

Die Lösung kann nur sein, den spekulativen Börsenhandel mit Aktien zu reformieren – damit wir uns richtig verstehen: Nicht die AG, sondern die Mutation des kurzfristigen Börsenhandels bis hin zu den kriminellen Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäften, gehört verboten. Warum nicht den Handel mit Aktien völlig neu konzipieren? So könnte beispielsweise sowohl eine zeitliche Mindestdauer für den Aktienbesitz oder aber eine Höchstmengengrenze für den Aktienbesitz eingeführt werden. Diese „Atomisierung“ des Aktienwesens würde zumindest die Spekulation mit Aktien eindämmen – und damit auch deren negativen Folgen.Und es würde die helfen, die Augen auf die wirklich wichtigen Aufgaben unseres Planeten zu richten.

Das Argument, der Aktienhandel diene der Kapitalbeschaffung der Wirtschaft, ist stichhaltig. Aber nicht um den seitherigen Preis des Spekulationsauswuchses, wie ich meine. Da ist es im Einzelfall mit Sicherheit reeller, den Kontakt mit Banken und Sparkassen zu suchen, um sich einen Kredit als Kapitalbeschaffungsmaßnahme zu beschaffen. Was spricht dagegen?

 

Hasso Kraus

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