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Journaling – Papier schlägt Pixel

Alte Besen kehren gut, manchmal sogar besser als neue. Nach Versuchen mit zahlreichen digitalen Lösungen entpuppt sich ein vermeintlicher Schritt zurück letztendlich als großer Schritt nach vorn.

Jens Schl�ter

Heute starten wir eine neue Reihe rund um das Thema „Produktivität – Tools und Strategien“. Im Fokus stehen dabei digitale Tools, die zur Steigerung der eigenen Produktivität oder der Verbesserung der Zusammenarbeit in Teams bestens bewährt haben. Nebenbei befassen wir uns in dieser Reihe aber auch mit bekannten und weniger bekannten Strategien rund um das Thema Produktivität, die in Kombination mit den „digitalen Helferlein“ wahre Wunder bewirken können.

Es ist gerade einmal vier Tage her, dass wir das Jahr 2019 begrüßt haben. Mit Zielen, Wünschen und sicherlich auch mit ein paar guten Vorsätzen im Gepäck. Einige davon verpuffen erfahrungsgemäß gleich in den ersten Tagen wieder. Nicht, weil wir sie vielleicht doch nicht wirklich umsetzen möchten, sondern einfach nur deshalb, weil wir uns keine Gedanken über das „Wie“ gemacht und diese Gedanken auch nicht schriftlich festgehalten haben. Unser Gehirn strampelt dann quasi im Leerlauf, findet einfach kein Packende und weiß nicht so recht, was es tun soll, um uns unseren Zielen näher zu bringen.

Digitale Tools an ihrer Effizienz messen

Als Tech- und Mobiljunkie nutze ich digitale Tools rund um die Uhr. Was neu ist, wird getestet, für sinnvoll und gut befunden oder es landet direkt auf der digitalen Müllhalde und verschwindet genauso schnell wieder, wie es gekommen ist. Die Halbwertzeit ist gleich null. Dementsprechend waren meine Jahresplanung, das Festhalten von Ideen und Erfolgen und viele andere, wichtige Notizen in den letzten Jahren zu 100 Prozent digital. Kein Papier, nichts. Tools wie Evernote oder OneNote sind dafür geradezu prädestiniert und eignen sich nebenbei auch ganz hervorragend, um ein digitales Journal zu führen. Das funktioniert eigentlich sehr gut, alle Daten sind jederzeit und überall verfügbar und dennoch fehlt diesen Notizen oft etwas ganz entscheidendes: das Tippen und Kopieren geht einfach viel zu schnell. Dadurch haben wir uns am Ende gedanklich nicht ausreichend mit den über die Tastatur „reingehackten“ oder gar kopierten Inhalten befassen können, um unserem Gehirn die entscheidenden Impulse für das weitere Vorgehen in Bezug auf die angestrebten Ergebnisse zu liefern.

Für mich ist das nach mehreren Jahren rein digitalem Journaling ein Grund, in diesem Punkt einen Schritt „zurück“ (und zugleich nach vorn) zu machen und mein Journal wieder handschriftlich zu führen. Nicht nur, aber auch. Denn für alles, was „on the fly“, z.B. bei der Recherche, Scans, Fotos oder generell beim Surfen im Web eingefangen wird, bleibt alles, wie es ist: Es landet in OneNote oder Google Keep, Ideen oder wichtige Gedanken (im Tagesgeschäft) in meiner Todoist-Inbox. Dies schon alleine deshalb, weil diese „zentralen Sammelstellen“ für meine Arbeit nach David Allens GTD-Methode unerlässlich sind. Abends befasse ich mich dann 15-20 Minuten mit meinem Journal. Und ganz ehrlich: das sind Inspiration, Entspannung und Persönlichkeitsentwicklung pur.

Nicht ohne Grund führe ich kein Jammer-Tagebuch, sondern ein Erfolgsjournal, denn wir sind gedanklich leider viel zu oft mit negativen Erlebnissen und Aufgaben beschäftigt, die uns dann beim weiteren Vorankommen ausbremsen und im ungünstigsten Falle sogar in die Tiefe reißen können. Dann kostet es viel Kraft und Energie, wieder auf Kurs zu kommen. Diese Energie wäre an anderer Stelle besser investiert.

Ein Erfolgsjournal trainiert das Gehirn auf Dauer, sich primär mit positiven Dingen zu beschäftigen und sucht mit der Zeit auch immer häufiger und intensiver danach.

Zurück in die Steinzeit?

Im ersten Augenblick klingt das vielleicht ein bisschen wie „zurück in die Steinzeit“, das Gegenteil ist jedoch der Fall. Digitale Technologien sind fantastisch und sollen uns helfen, unser Leben zu verbessern und uns – wenn möglich – mehr Zeit für andere, wichtigere oder schönere Dinge zu geben. In Situationen oder bei Aufgabenstellungen, wo das nicht möglich oder zumindest nicht wirklich effizient ist, macht es einfach keinen Sinn, mit aller Gewalt an einem Fortschritt, der in diesem Fall keiner ist, festzuhalten.

Studien von Psychologen und Neurowissenschaftlern belegen, dass das Schreiben von Hand zum Beispiel für effektives Lernen das Mittel der Wahl ist. Das hängt auch damit zusammen, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet. Wenn Sie Dinge „handschriftlich“ festhalten, verbessert sich die Fähigkeit, Informationen zu behalten (Gedächtnis), Ideen besser zu verstehen und – auf den Punkt gebracht – einfach produktiver zu sein. Erinnert man sich einmal an die handgeschriebenen Spickzettel zu Schul- oder Unizeiten, bemerkt man vielleicht, dass man den Spickzettel im Nachhinein gar nicht gebraucht hätte, weil allein durch das Aufschreiben bereits alles gespeichert wurde. Die Erinnerungsleistung ist bei handgeschriebenen Notizen nachweislich deutlich höher.

Was mir in meinem eigenen Journal auffällt, ist, dass ich bei der Zusammenfassung des Tages und der Ergebnisse für mein Journal in der analogen Variante deutlich selektiver vorgehe. „Getippt“ kommt einfach alles hinein, handschriftlich umgesetzt leistet das Gehirn mehr Vorarbeit und befasst sich damit, welche Informationen aus welchem Grund für den Journaleintrag relevant sein könnten. Das liegt ein stückweit natürlich auch darin begründet, dass wir, um eine Zusammenfassung schreiben zu können, die Inhalte genau verstehen müssen und uns damit digital etwas schwerer tun, weil wir am PC, Handy oder Tablet einem permanenten Beschuss von Ablenkungen aller Art unterliegen: E-Mails, WhatsApp Nachrichten, Instagram, Facebook, Snapchat oder auch Push-Nachrichten von News-Seiten. So geht das fast im Minutentakt. Der tägliche Griff zum analogen Journal befreit uns ein paar Minuten vom digitalen Dauerrauschen. So können wir weitestgehend ablenkungsfrei den Tag Revue passieren lassen, wichtige Dinge festhalten und unser Gehirn wieder auf Kurs bringen.

Fazit

Falls Sie es nicht ohnehin schon getan haben, schnappen Sie sich ein Notizbuch, das Sie gerne in die Hand nehmen (das haptische Erlebnis ist nicht unwichtig), einen leicht und gut schreibenden Stift dazu (Gelstifte sind ideal) und fangen Sie einfach an. Ob A4 oder A5, ob liniert, kariert oder gepunktet, all das ist weitestgehend Geschmackssache und ändert am Ergebnis rein gar nichts. Ich verwende in diesem Jahr ein Dingbats in A5-plus, liniert. Wichtig waren mir das Verschlussgummi und die Stiftschlaufe, damit ich „meinen Stift“ auch immer griffbereit habe und nicht lange danach suchen muss. Apropos Stift: Versuchen Sie für Ihr Journal doch ruhig einmal den guten, alten Füller. Das Schriftbild bekommt so eine ganz persönliche Note.

Neben den sicherlich vielen positiven Erfahrungen mit dem Journal werden Sie am Ende dieses Jahres ein Buch in der Hand halten, in dem Sie immer wieder gerne einmal blättern und auf die „Erfolge“ der vergangenen zwölf Monate zurückblicken. Das motiviert.

 

Jens Schlüter

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