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Nichtsehende: Ein Leben in Dunkelheit

Wir treffen uns im Badezimmer von Frau Ursula Planck. Sie hatte vor kurzem ihr Badezimmer renovieren lassen und hat uns nun eingeladen, es zusammen mit ihr anzuschauen. Das Besondere: Frau Planck ist nahezu blind! Sie leidet an einer fortschreitenden Erkrankung, die auch die Augen betrifft und die nach und nach das Licht nimmt.

Mark Hindley / fine images

Ein Leben in Dunkelheit

„Das Licht kommt nicht von außen; es ist in uns, selbst wenn wir keine Augen haben“ (Jacques Lusseyran)

Wir treffen uns im Badezimmer von Frau Ursula Planck. Sie hatte vor kurzem ihr Badezimmer renovieren lassen und hat uns nun eingeladen, es zusammen mit ihr anzuschauen. Wir – das sind Frau Planck, der Sanitär- und Heizungsbaumeister Christoph Unger, der Malermeister Michael Zaminer sowie der Fotograf Mark Hindley und ich. Das Besondere: Frau Planck ist nahezu blind! Sie leidet an einer fortschreitenden Erkrankung, die auch die Augen betrifft und die nach und nach das Licht nimmt. Wer wie sie früher noch sehen konnte, der kann sich erinnern: grün wie ein Rasenplatz oder rot wie ein Sonnenuntergang… Das Gehirn hat die mit Farben verbundenen Assoziationen abgespeichert – das ist das sogenannte „innere Auge“. 

Das wissen auch die beiden Handwerker, die immer wieder für Behinderte arbeiten, und belegen die Bezeichnung von Farben immer mit typischen Assoziationen: feuerrot, grasgrün, himmelblau und zitronengelb. Noch besser ist es, wenn Farben in kleinen Geschichten erzählt werden. Beispiel „eisblau“? Sie erzählen von Schnee und Eis, von einem Gletscher, in dem sich das Licht des Himmels widerspiegelt… dieses Erlebnis beschreibt fortan die Farbe „eisblau“. 

Damit sich Frau Planck die Farbe ihres neuen Bades richtig vorstellen konnte, half ihr der Hinweis, dass es farblich und stilmäßig mediterran gestaltet sei. Sie wollte keine zu hellen, klaren Farben: „Heikle Farben sind kritisch für mich, weil ich Fingerabdrücke oder Stellen, an denen Wasser heruntergelaufen ist, nicht sehe oder fühle. Deshalb brauche ich für den sauberen Eindruck von Griffen, Wänden und Regalen geeignete Farben und Materialien, über die ich drüber wischen kann, ohne dass ein schmuddeliger optischer Eindruck bleibt.“

Nichts steht „in der Gegend“ herum…

Mein Blick wandert im Bad umher: Nichts steht „in der Gegend“ herum, alles ist an der Wand abgestellt bzw. dort angebracht (Ursula Planck: „es darf keine „Fallen“ geben, wo ich mir den Kopf anstoßen kann“). Eine solche Falle ist zum Beispiel eine Tür. Doch sie ist ganz weg, als Schiebetür in der Wand „versenkt“. Das Innere des Bades gleicht einer Zelle aus einem „Guss“, denn es gibt keine Fliesen, sondern nur glatte Flächen! Dieses „fugenlose Bad“ kennt keine Ritzen und Fugen und ist eine echte Spezialität, wie Herr Zaminer erklärt: „Die Wandflächen sind speziell behandelt, sodass keine Kalk- oder Seifenablagerungen zurückbleiben. Das ist sehr hygienisch.“ Aber das ist längst nicht alles, denn die Farben bestehen aus einem atmungsaktiven Material, das die Luftfeuchtigkeit senkt, für ein besseres Raumklima sorgt und auch die Rutschgefahr im Bad vermindert.

Im Bad gibt es weder Stufen noch Absätze. Dusch-, Wasch- und WC-Zone sind ebenerdig gehalten. Hebel, Schalter und Knöpfe sind allesamt wohlgeordnet angebracht und die Wasch- und Nutztische müssen begrenzte Oberflächen haben, damit „über deren Kanten nicht so leicht etwas herunterfallen könnte“. Das Wandregal hat schachbrettförmig angeordnete Regalflächen: „Die aneinandergereihten Kästchen kann ich exakt sortieren, so dass ich selbst weiß, dass ich im Fach „B1“ beispielsweise meine Cremes habe, oder in „E3“ meine Pflaster und die Schere“, erklärt Frau Planck.

Blinde „sehen“ mit anderen Sinnen

Blinde „sehen“ zum Beispiel mit ihrem Tastsinn, was Frau Planck so erklärt: „Das Material muss sich gut anfühlen: warm und an den Wänden nicht ganz glatt, sondern eher mit fühlbarer Struktur. Als Fußboden nicht rutschig. Gelegentlich ist es auch nützlich, durch haptische Unterschiede in Wand oder Boden Orientierungshilfen einzubauen, damit ich weiß, wo etwas Bestimmtes anfängt. Beispielsweise: wo es geriffelt ist, kommt das Regal“. 

Weil nicht vollkommen blind, helfen Frau Planck auch starke Farbkontraste: „Starke Farbkontraste – beispielsweise zwischen Haken und Wand, Seifenhalter und Waschbeckenrand – helfen mir zu erkennen, ob da etwas und wo etwas ist.“

Es klingelt: zwei Freunde schauen vorbei – Petra Schneider und Siegfried Schäfer („Siggi“). Auch sie sind blind, Petra schon immer und Siggi erblindete erst später. Beide wussten von dem heutigen Termin und wollen die Gelegenheit nutzen, um sich Anregungen holen, wie man das eigene Bad vielleicht noch schöner und ergonomischer einrichten kann. Auf Wunsch von Siggi und Petra stellt Herr Zaminer die verschiedenen Oberflächenmaterialien vor erklärt ihre Beschaffenheit, ihre Haltbarkeit und ihre Pflegeeigenschaften. Da spielen Fragen eine Rolle wie „Gibt es eine Maserung im Material?“, „ist der Stoff schroff oder weich?“, „welche Fühltemperatur haben die Stoffe?“ und „wie sind sie zu pflegen?“, schließlich auch „welche Farbe hat das Material?“. Intensiv wird jede Materialprobe besprochen. Petra: „Für mich sind Farben Synonyme für das persönliche Wohlbefinden, Farben haben einen Wohlfühlfaktor.“ Sie bevorzugt warme Farben, da die Wärme Wohlbefinden und Nähe bedeutet. Siggi ergänzt: „Neben der Farbe ist auch die Haptik des entsprechenden Materials wichtig. Wie fühlt sich ein Stoff an, wie reagiere ich darauf: ist er warm oder kalt, weich oder hart, eben oder uneben?“.

Die beiden machen einen sehr lebensbejahenden, ja selbstbewussten Eindruck. Im Laufe des lebhaften Gesprächs traue ich mich zu fragen, wie sie mit ihrer Blindheit im täglichen Leben zurechtkommen. Petra antwortet: „Ich habe von Geburt an nicht gesehen, deshalb ist für mich die Welt nie anders gewesen.“ Trotzdem gebe es immer wieder Momente, in denen sie sich durch ihr Anderssein an der gleichberechtigten Teilhabe am täglichen Leben behindert fühle. Ich frage sie: „Hängt dies auch damit zusammen, ob man eine Aufgabe hat, ob man gebraucht wird?“. „Darüber denke ich nicht nach! Du musst Dein Leben einfach anders organisieren, Dich entsprechend einrichten!“, antwortet sie… Siggi ergänzt: „Es geht uns als Behinderte auch darum, mehr an der Gesellschaft teilhaben zu können. Wir wollen mit unserer Andersartigkeit akzeptiert werden!“

Einfühlsame und kompetente Beratung ist ein absolutes Muss

Übrigens: Der Sanitär- und Heizungsmeister Christoph Unger Geschäftsführer der Firma Pulvermüller, Rottenburg) und der Malermeister Michael Zaminer aus Horb sind schon öfter für Menschen mit Behinderung tätig gewesen. Gemeinsam haben sie ein Komplettprogramm für Bad und WC entwickelt. Der Kunde kann aus einem Rund-um-Renovierungspaket genau die Dienstleistungen und Produkte heraussuchen, die für seine Belange passen. Der Kunde wird fachlich kompetent beraten und auch über spezielle Fördermöglichkeiten informiert, die für Behinderter vorgesehen sind. Nicht zuletzt aber ist eine hohe soziale Kompetenz erforderlich: Die Fähigkeit, zumindest der ernsthafte Versuch, sich in das Leben eines Behinderten hineinzuversetzen, ist für eine umfassende Beratung, die im Sinne des Behinderten erfolgreich sein soll, unabdingbar.

 

Hasso Kraus

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