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Vom Maßband bis zur Drohne: die Arbeit der Vermessungstechniker

Ausbildung beim Ennepe-Ruhr-Kreis

UvK / Ennepe-Ruhr-Kreis

Da die Corona-Pandemie die sonst üblichen Veranstaltungen und Ausbildungsmessen unmöglich macht, stellt die Kreisverwaltung ihre Angebote für Berufseinsteiger in den nächsten Wochen in einer Serie .

(pen) Auf dem Bildschirm sind die Ausläufer Hattingens zu sehen, eine Straße, ein Haus, drumherum Felder. Doch etwas stimmt nicht. Neben dem Haus liegt ein grauer Kasten, ein kleiner Ausschnitt aus der Liegenschaftskarte, der über das Luftbild gelegt wurde. Der Kasten zeigt ebenfalls das Haus, hat denselben Umriss, befindet sich aber an der falschen Stelle. Das bedeutet: Die Karte ist in diesem Bereich ungenau. Und damit ein Fall für die Vermessungstechniker des Ennepe-Ruhr-Kreises.

Nadine Alexander beugt sich zum Bildschirm vor. „Die Verschiebung liegt hier bei 2,5 bis 3 Metern“, schätzt sie. 1914 war das Gebäude erstmals eingemessen worden, dann noch einmal 2002. „Als Katasterbehörde sind wir verpflichtet, das Liegenschaftskataster aktuell zu halten. Hier müssen wir einen Fortführungsriss machen.“ So heißt die bildliche Darstellung der Ergebnisse einer Liegenschaftsvermessung, also eine Skizze mit Maßen und weiteren Daten.

Fälle wie diesen gibt es reichlich. „Historisch bedingt sind die Karten relativ schlecht, vor allem im ländlichen Bereich“, sagt Alexander. Sie werden nach und nach bearbeitet. „Im gesamten Kreis sind es so viele, dass wir damit noch einige Jahre zu tun haben.“

Eine Akte aus dem Stapel, die des Grundstücks in Hattingen, hat sich Alexander Jakobi vorgenommen. Er lernt den Beruf Vermessungstechniker, ist am Ende seines zweiten Ausbildungsjahres, Nadine Alexander ist seine Ausbilderin.

Die Häuserwände mit allen Vorsprüngen hat Jakobi bereits per Maßband vermessen. Jetzt steht er am Straßenrand, trägt Warnweste und hantiert mit einer GPS-Anlage. „Damit holen wir uns die Koordinaten vom Himmel, und zwar viel genauer, als ein Navigationssystem im Auto das kann“, erklärt Alexander. „So wissen wir exakt, wo wir uns am Boden befinden.“

Dann greift Jakobi zu orangefarbenen Plastikkegeln, die er an neun Standorten um das Gebäude herum im Boden verankert. Für jeden Kegel werden die Koordinaten festgehalten. Darüber wird jeweils ein Stativ ausgerichtet, mithilfe einer Libelle und einem optischen Lot. Auch dabei ist das gefragt, was für Vermessungstechniker die wichtigste Tugend ist: Genauigkeit. Erst wenn alles perfekt im Lot ist, kommt das Tachymeter zum Einsatz.

Mit ihm zielt Jakobi von jedem Messpunkt aus die Häuserecken an, beziehungsweise ein Plättchen, das sein Kollege Thomas Krawczyk als Hilfestellung an die Hausecke hält. Das Tachymeter sendet einen Laserstrahl bis zum Plättchen, dort wird er reflektiert. Aus der Zeit, die der Strahl braucht, um diesen Weg zurückzulegen, errechnet das Gerät die Distanz – und speichert die Daten automatisch. Um mögliche Fehler auszuschließen, wird jede Messung wiederholt.

Zurück im Büro, werden die gespeicherten Messdaten auf den Computer übertragen. Die Punkte werden miteinander verbunden, notwendige Angaben ergänzt, fertig ist der Fortführungsriss. Das Liegenschaftskataster kann in diesem Bereich korrigiert werden.

Ähnlich ist der Ablauf, wenn ein Gebäude in der Karte gänzlich fehlt. „Seit 1972 gibt es eine Einmessungspflicht für Eigentümer, die neu bauen oder bauliche Änderungen vornehmen“, erklärt Alexander. Aus der Zeit zuvor gibt es immer noch Lücken. Solche Gebäude müssen die Vermessungstechniker vollständig einmessen, damit sie in der Karte ergänzt werden können. 

Wenn Nikolas Kaszub und Thomas Kaltenbach zum Vermessen von Gebäuden ausrücken, sieht das seit rund einem Jahr etwas anders aus. Sie lassen die GPS-Anlage direkt über die Grundstücke fliegen, mithilfe einer Drohne. Diese bewegt sich innerhalb von zuvor ausgebrachten Zieltafeln hin und her und macht dabei fortlaufend Bilder. Aus mehreren Bildern werden am Computer die Punkte berechnet, die zur genauen Verortung des Gebäudes dienen.

„Das ist eine sehr neue Methode“, erklärt Kaszub. „Der Ennepe-Ruhr-Kreis ist meines Wissens das erste Katasteramt, das eine Drohne zur Vermessung von Liegenschaften einsetzt.“ Deshalb müssten sie selbst Erfahrungen sammeln, in welchen Fällen der Einsatz des Gerätes sich lohnt. Klar ist, je mehr Gebäude zu vermessen sind, desto zeitsparender ist die Arbeit mit dem Quadrocopter. Versperren aber Bäume die Sicht, regnet oder stürmt es, scheitert die Methode.

Maßband und Tachymeter hingegen funktionieren auch dann. „Als Vermessungstechniker ist man viel draußen, bei jedem Wetter“, sagt Alexander. „Im Sommer beneiden einen alle darum, im Winter sagt keiner was. Manchmal wird man klatschnass oder es ist richtig schlammig.“ Vor allem bei Grenzmessungen, wenn Grund- oder Flurstücke vermessen werden, müssen sie in teils unwegsames Gelände vordringen.

„Der Beruf ist abwechslungsreich, es gibt viele verschiedene Aufgaben“, sagt Alexander. „Und wenn man ins Gelände geht, weiß man nie, was einen erwartet. Oft kann man den Plan, den man sich zurechtgelegt hat, nicht umsetzen und muss sich einen anderen Ansatz überlegen.“

Außerdem bietet der Beruf Weiterbildungsmöglichkeiten: Nach der Ausbildung kann man ein Studium absolvieren oder, so wie Alexander, während der Ausbildung beim Ennepe-Ruhr-Kreis in Teilzeit Vermessungswesen studieren.

Wer sich dafür entscheidet, kann später zusätzlich bestimmte Ingenieurstätigkeiten übernehmen, beispielsweise Bauanträge oder Lagepläne für kreiseigene Liegenschaften erstellen – eine verantwortungsvolle Aufgabe, erklärt Alexander: „Sind zum Beispiel die Höhenangaben in Lageplänen fehlerhaft, kann das schon dazu führen, dass die Baugenehmigung nicht mehr gilt.“

 

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