Connect with us

Hi, what are you looking for?

Lifestyle

Geh‘n Sie mal wieder ins Theater

Unser Kolumnist Peter Jamin war im Schauspielhaus. Er hat das Stück „Unter Eis“ von Falk Richter gesehen. Darin geht es um das Wirtschaftsleben – also um bestes Düsseldorf.

Sebastian Hoppe / Schauspielhaus D�sseldorf

Wer ein Theater besucht, fragt sich selbstverständlich im nachhinein, wie er selbst, aber wie auch andere das Stück empfunden haben. Leute, die Zeitung lesen, haben es da einfach: Sie können sich an den Kritiken der Feuilletonisten orientieren und sich mit deren Hilfe eine Meinung bilden, selbst wenn sie verunsichert die Bühne hinter sich gelassen haben. Menschen, die selten Tageszeitung lesen oder sie gar nicht lesen, haben es da schwerer: Sie müssen mit ihrer Meinung allein klarkommen. 

Als ich nach der Aufführung „Unter Eis“ im kleinen Haus die Stufen zum Foyer hinunter schritt, hörte ich zu meiner Zufriedenheit einige leise Stimmen von anderen Besuchern. Das Stück war für sie „klasse“ oder „beeindruckend“. Ich selbst fand es „aufwühlend“ und meine Begleitung nannte es „super“.

Sie merken schon, wir Normalbürger sind mit unseren Meinungen viel einfacher gestrickt als professionelle Kritiker. Da liest sich das so – etwa auf „RP-online“: „‘Unter Eis‘ ist am Ende ein depressives Stück. Dass uns die im Kern sicher immer noch schwelende gesellschaftliche Problematik nicht nah kommt, liegt an der überzogenen Inszenierung. So bleibt bei ,Unter Eis‘ das intellektuelle Frösteln aus. Verhaltener Applaus.“

Auf WAZ.de hört sich das ganz anders an: „Zynisch, aber auch traurig wirken diese McKinsey-Figuren in ,Unter Eis‘, einem Stück über Kapitalismuskritik von Falk Richter, das jetzt am Düsseldorfer Schauspielhaus bejubelte Premiere feierte.“

Kritiker hören den Applaus ganz unterschiedlich

Zwei Kritiker haben da einen gänzlichen anderen Applaus gehört, was uns nur eins sagen sollte: Man kann auch den professionellen Kritiken nur bedingt vertrauen, denn manchmal spielt es sogar eine Rolle, ob ein Autor vielleicht sein Hörgerät zu leise eingestellt und darum den Applaus nur gedämpft vernommen hat.

Diesen Hinweisen auf „Unter Eis“ möchte ich gerne auch meine Meinung hinzufügen – sie sollten sich nur nicht danach richten, sondern in eine der nächsten Aufführungen gehen und sich eine eigene Meinung bilden.
Was macht gutes Theater aus? Grundlage ist ein gutes Stück, dann kommt es auf die Arbeit von Regisseur und Schauspielern an, aber auch darauf, dass beispielsweise das Bühnenbild und die Kostüme und die Beleuchtung stimmen.

Nicht zuletzt ist auch das Publikum wichtiger Bestandteil eines Theaterstücks, denn wenn das Stück vor dem falschen Publikum gespielt wird, nimmt das nicht teil und verweigert sich den Inhalten. Der Rest ist dann eisiges Schweigen – im besten Fall verhaltener Applaus.

Peter Jamin vergibt Bestnoten auf allen Ebenen

Bei Falk Richters Stück „Unter Eis“ im Düsseldorfer Schauspielhaus möchte ich auf allen Ebenen Bestnoten verteilen. Schnell wird das Eis zwischen Bühne und Publikum gebrochen, denn es gibt in der Landeshauptstadt ein Theaterpublikum, das mit einem Stück zur Wirtschaftswelt etwas anfangen kann – ist es doch selbst meist stark im Business verwurzelt.

In dem Theaterstück tauschen sich drei Unternehmensberater über ihren Job und die Folgen aus. Zum Einsteig bietet Paul Niemand, kraftvoll gespielt von Sven Walser, einen schier endlosen Monolog, der dem Zuschauer schon viel Geduld abverlangt, ihn aber einstimmt auf eine Wirtschaftswelt, in der sich Konferenzteilnehmer gerne reden hören auch zu Themen, die niemand gerne hören möchte.

Soziale Kälte strahlt – gemütlich wird es nicht

Monologe sind es auch, die dem Zuschauer auch im Verlauf des Stücks immer wieder die Chance nehmen, es sich gemütlich zu machen. Die fehlende Harmonie zwischen den Handelnden auf der Bühne, vom Autor so gewollt, verstärkt den Eindruck einer sozialen Kälte in diesem Beratungsunternehmen auf der Bühne. Immer wieder und lange Zeit arbeiten sich die Schauspieler einsam mit ihren Monologen auf der Bühne ab – wie im richtigen Arbeitsleben in den Chef- und Manager-Etagen. 

Aufrüttelend ist das mal schlichte und dann wieder provozierend schrille Bühnenbild von Sophie du Vinage. Es ist in etlichen Szenen so karg, wie die Umkleideräume in der Großindustrie ungemütlich sind. In anderen Szenen katapultieren uns Collagen und Multivisionen in eine hektische Betriebsamkeit, wie wir sie von den Hintergrundbildern zu Börsencrashs in den TV-Nachrichten kennen. Das sind Dimensionen, die uns kein Fernsehen und kein Kino so hautnah bieten kann.

Die jungen Consulter Karel Sonnenschein, beeindruckend lebensecht nüchtern gespielt von Daniel Fries, und Aurelius Glasenapp, jugendlich-frisch gespielt von Jonas Anders, sehen sich als die zukünftigen Stars in einer Firma, in der Menschen Verschiebemasse sind. Sie sind Karrieristen in der Berater-Szene, bestens eingenordet in der Welt von McKinsey, Roland Berger, BCG, Bain & Co oder Boston Consulting.

Schließlich erobert eine muntere Kinderschar die Bühne

Im Verlauf des Abends erobert schließlich noch eine muntere Kinderschar die Bühne, so dass aus dem beeindruckenden Multivisions- sogar noch ein spannend-verspieltes Multigenerationen-Theater wird. 

Niemand wünscht diesen Kindern auf der Bühne eine Zukunft, in der sie wie Paul Niemand leben müssen. Doch schon zeigt sich in ersten Spiel-Stärken der Kinder, wer in zehn, zwanzig, dreißig Jahren Karriere bis zum Absturz machen wird.

Für den Nachwuchs scheint Zukunft bereits programmiert zu sein in einer Arbeitswelt, die Falk Richter für die Figur des Paul Niemand so beschreibt: „Manchmal bin ich stundenlang weg, einfach weg, ich weiß nicht wo, in der Firma, beim Meeting, ich komme nachhause und verstecke mich hinter der Heizung oder lege mich neben das Bett auf den Boden, ich lese noch immer die Unterlagen, ich stehe meistens pünktlich auf, ich nehme die Bahn oder das Taxi, mein Auto kann ich nicht mehr finden, das steht da irgendwo, irgendwo ohne mich, ich weiß nicht, wo das ist, das fährt herum, ohne mich, sucht jetzt einen Parkplatz ohne mich, fährt und fährt und kommt nicht zur Ruhe, ich schaue niemanden mehr direkt an, ich schaue flüchtig an allem vorbei, ich sitze hier, arbeite und denke: Das ist nicht mein Leben hier, aber ich liebe es trotzdem, ich lebe das hier für euch, damit es euch allen besser geht…“.

Also, geh‘n Sie mal wieder ins Theater! Ach ja, die Kostüme: Sie werden von Szene zu Szene besser, phantasievoller. Gibt ja da vorne auch ein tolles Licht…


Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…
                                                                             Ihr Peter Jamin

Unser Autor ist Schriftsteller, Journalist und als Berater für Kommunikation seit Jahrzehnten immer wieder auch für ausgewählte Projekte von Unternehmen und Werbe- und PR-Agenturen tätig. Sein soziales Engagement gilt der Situation von Angehörigen vermisster Menschen, auf deren Situation der Publizist in Büchern, TV-Dokumentationen und Artikeln seit mehr 20 Jahren immer wieder aufmerksam macht.

 

Peter Jamin

Anzeige

Die letzten Beiträge

News

Berufsbegleitender Masterstudiengang vermittelt praktische Kompetenzen für Nicht-Informatiker*innen

Aktuell

Folgen der Corona-Pandemie in Südwestfalen divergieren. Betroffene Betriebe brauchen verlässliche Unlock-Perspektiven.

Aktuell

IHK Siegen startet neue Webinar-Reihe für Unternehmen

Aktuell

Siegen/Olpe. „Zuletzt fassten zahlreiche heimische Industrieunternehmen wieder etwas besser Tritt. Dies zeigen auch die erzielten Jahresumsätze des verarbeitenden Gewerbes, die nicht ganz so schlecht...

Aktuell

Siegen. Am 4. März findet ab 14:00 Uhr der erste digital durchgeführte Patentsprechtag der IHK Siegen statt. Hier haben Unternehmensvertreter, Gründer und Erfinder die...

Aktuell

Iserlohn. Die Stadt Iserlohn lässt ein kommunales Wirtschaftswegekonzept erstellen. Dafür werden im gesamten Stadtgebiet alle Straßen und Wege sowie Forst- und Feldwege (auch private...

Weitere Beiträge

Aktuell

Siegen/Olpe. „Gerade in Corona-Zeiten gehören die Unternehmen entlastet. Jeder noch so kleine Baustein hilft dabei. Wir setzen daher mit dem Wirtschaftsplan für das Jahr...

Aktuell

Soest/Südwestfalen. Eine smarte Lösung aus Südwestfalen soll Kommunen helfen, Straßen und Plätze in den Innenstädten der Region attraktiv, denkmalgerecht, barrierefrei und nachhaltig zu gestalten. Mit...

Aktuell

Siegen/Olpe. Die IHK-zugehörigen Unternehmen in Siegen-Wittgenstein und Olpe schlossen im Jahr 2020 insgesamt 1.821 Lehrverträge ab – 415 weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres....

News

Dumper, Bohrmaschinen, Handgeräte etc. - Das Industrieauktionshaus Surplex versteigert sämtliche Maschinen und Betriebseinrichtungen der Bobag Bauunternehmung AG (in Liquidation). Die Online-Auktion endet am 4....

Produktivität

Die Vergabe von eindeutigen Prioritäten gehört zu einer der größten Herausforderungen im Unternehmeralltag, aber auch im Alltag von Managern und anderen Entscheidern. Die Eisenhower-Matrix...

Aktuell

Dirk Lönnecke eröffnete Ausstellung der Malschule Warstein

Aktuell

Viele Unternehmen wollen auch 10 Jahre nach der Gründung von Facebook nicht wahrhaben, dass der digitale Dialog mit Kunden längst Wirklichkeit ist. Dabei wird...

Aktuell

Japaner leben außergewöhnlich lange und da lohnt es sich natürlich, einmal etwas genauer hinzusehen, um vielleicht hinter das Geheimnis langen Lebens zu kommen.

Send this to a friend