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Real Madrid auf dem Parkplatz vor Jacques` Wein-Depot

Dichter und Denker sind gern gesehene Redner in der Geschäftswelt. Unser Autor machte sich in diesem Jahr nicht auf zum Tanz in den Mai, sondern Gedanken darüber, warum Kaufleute so gerne mit Künstlern zusammen sind – während einer Lesung.

privat

Jens Prüss, und das ist diesmal ein echter Name und kein Zauberwort, ist der Meinung, dass man im E-Mail-Rhythmus einen Roman erzählen kann. Über einen Bruder, der den anderen Sohn des Vaters vermisst. Während Prüss also liest und in eine bizarre, intellektuelle Gedankenwelt einfährt, überlege ich, welches berühmte Vorbild eines E-Mail-Romans ich doch schon kenne.

War der Titel des Buches nun „Westwind“?

Oder „Nordwind“?

Es war eine gute Gelegenheit zum Denken. Prüss liest im Jacques` Wein-Depot auf der Schwerinstraße im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort. Es gibt also reichlich Wein und die 50 Leute auf ihren Klappstühlen zwischen den Weinbergen im Ladenlokal sind mucksmäuschenstill im Schwall der Dichterworte. Da ist gut Denken.

Während mein Blick also durch den Wein- und Knabbereien-Laden im Nordstraße-Viertel schweift, fällt mir dann der richtige Titel ein: „Gut gegen Nordwind“. Der Autor Daniel Glattauer hat diesen bezaubernden Liebesroman geschrieben. Die Geschichte: Wegen eines Tippfehlers landet die E-Mail von Emmi Rothner im Postfach von Leo Leike und ein Liebesrausch per E-Mail beginnt.

Da ich das Problem des fehlenden Buchtitels gelöst habe, kann ich mich nun einem anderen Thema widmen: dem des Dichters in der Geschäftswelt.

Des Dichters Erfolg in der Schaufensterauslage

Man hat ja immer schon gerne Dichter und Denker aus dem Dunkel ihrer Künstlerklausen in das Licht der Auslagen der Geschäftswelt geholt. Gerade erst habe ich selbst in dem Kneipenrestaurant „Ohme Jupp“ in der Altstadt gelesen; der Eintritt kostete so viel wie ein Wiener Schnitzel mit Bratkartoffeln. Und die von mir und Jens Prüss gegründete M8Worte-Literatengruppe liest regelmäßig auf der Bühne des Trödel- und Antikmarktes in Bilk – da ist der Eintritt frei. 

Jeder der sich auch nur einigermaßen erfolgreich durch sein Leben schreibt, ist gern gesehen in der Geschäftswelt. Versicherungen und Immobilienmakler, Banken und Sparkassen, Buchhandlungen und Büchereien, Feinkost- und Weingeschäfte, Miederwaren- und Modegeschäfte, Galerien und Erotikgewerbehandlungen schätzen des Dichters Wort nach Feierabend.

Gedichtetes und Geldwertes passen in der Geschäftswelt so gut zusammen wie rosa Geranien und lila Gardinen in der Gartenlaube. Also perfekt. Jens Prüss launig-literarische Kostproben über die Akademikerschwemme oder einem chinesischen Reich mitten in der Düsseldorfer Altstadt schmücken die Tausenden von Weinflaschen von Depotchefin Ilona van Kampen, die zielgerichtet versichert: „Wer probiert, hat mehr vom Leben! Und zum Leben gehört nun mal ein guter Wein.“

Nachts Dichter und Weintrauben lesen lassen

Das erinnert mich daran, dass ich wenigstens mitteilen sollte, welchen Wein ich denn an diesem tollen Abend getrunken habe. Es ist ein französischer Landwein, ein leichter, wenig säurehaltiger „Bésinet Le Volcanic Blanc“ aus den Rebsorten Chardonnay, Sauvignon Blanc, Viognier, Roussanne, Grenache blanc. „Wir lesen jede Sorte getrennt“, erläutert mir Weingutbesitzer Pierre Bésinet, nachdem ich ihn im Internet ergoogelt habe, „und machen Nachtlesen, die zwischen Mitternacht und 1 Uhr morgens beginnen und gegen 6 oder 7 Uhr enden. Wir profitieren von der nächtlichen Kühle, um zu lesen. Tagsüber sind die Trauben auf einer Temperatur zwischen 25 und 30°C, nachts zwischen 15 und 20°C.“

Viele Weingüter in heißen Regionen der Welt lesen heute die Trauben nachts, um Oxydation oder eine wilde Gärung zu verhindern. So kann auf eine sonst unumgängliche Schwefelung der Trauben verzichtet werden.

Bleibt die Frage, warum Ilona von Kampen nachts Dichter lesen lässt?

Wilde Gärungen sind von denen ja nicht zu erwarten und die Zeiten als Dichter wegen ihrer Worte geteert und geschwefelt wurden, sind – zumindest in unseren Breitengraden – vorbei. Die Wein-Frau: „Viele unserer Kunden lieben kulturelle Veranstaltungen wie Lesungen oder Konzerte. Sie ergänzen unsere Themenabende von Tapas-Reisen bis zum Austern-Schlemmen.“

Ich habe mich des Öfteren schon mit Kaufleuten darüber unterhalten, warum sie Lesungen veranstalten. Sie könnten doch viel mehr Publikum erreichen, wenn sie ein Großbildflachfernsehgerät in ihrem Laden aufstellen und sich über Sky die Champions League ins Haus holen würden. Da wäre der Laden zum Platzen voll wie Millionen Knipen in aller Welt am Abend des Tanz in den Mai und am Abend des Tages der Arbeit vor wenigen Tagen.

Sehnsucht nach der Business-Gemütlichkeit

Die meisten Kaufleute, die ich fragte, möchten ganz einfach ihr großes Wohnzimmerregal in ihr Geschäftslokal verlängern. Es ist die Sehnsucht, es sich im Geschäftsleben so gemütlich einzurichten wie in den eigenen vier Wänden. Dichterworte sind da repräsentativer als Rosenrabatten und Gartenzwerge.

Andere wären selbst gerne Künstler geworden und fühlen sich durch die Veranstaltung von Lesungen dichter dran an der Künstlerwelt. Manche versprechen sich schlicht Werbung für ihr Unternehmen.

Aus Wein und Wort gärt selten Kaufrausch

Wenige erhoffen sich eine direkte Umsatzsteigerung ihrer Waren durch den Dichter-Einsatz. Solch‘ eine Rechnung geht selten auf. Meist sind das Publikum und ihr Autor trunken von Wein und Worten – aber daraus entsteht selten ein Kaufrausch.

Woraus auch immer sich die Motive der edlen Kaufmannsleute zusammensetzen, der Dichter ist dankbar über Honorar und die Gelegenheit, sich in Pose zu setzen. Auch Dichter und ihre Bücher brauchen Werbung. Und so schickt der bei Lesungen stets gut gelaunte, eloquente Jens Prüss nicht nur seine E-Mails, sondern mit großen Gesten und viel Herzblut auch einige humorvolle Betrachtungen aus seinem Buch „Düsseldorf vs. Köln / Köln vs. Düsseldorf“ in die Welt. Feingeistige Geschichten über den nicht ernst zu nehmende Zwist zwischen den Kölnern und den Düsseldorfern.

Nur Hintergrund: Das Champions-League-Finale

Er las mit so viel Geist, Humor und Schwung, dass es für das Publikum sogar unwichtig wurde, ob es die parallel zur Lesung spielende Dortmunder BVB-Mannschaft gegen die Real-Madrider in den Endkampf der Champions League schaffte.

Was lernen wir daraus? Fußballspiele und Dichterlesungen begeistern gleichermaßen ihr Publikum. Und hätten die Dichter und Denker es nicht vor langer Zeit verpasst, sich große Stadien zu bauen, in denen man leicht fünfzig- oder auch hunderttausend Fans zum Toben bringen kann, würden sie heute vor einem Millionenpublikum in aller Welt ihre Geschichten erzählen – und der BVB gegen Real Madrid auf dem Parkplatz eines Jacques‘ Wein-Depot ein Match austragen.

Es sind die verpassten Gelegenheiten, die uns gelegentlich nachdenklich stimmen sollten.

Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…

                                                                 Ihr Peter Jamin

 

Peter Jamin

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