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Von Leitwölfen, Rudeln und Ameisenstaaten – So ist Führung in der Natur organisiert

So ist ein Ameisenstaat ein gutes Beispiel dafür, wie eine große Menge an Information an eine große Gruppe Mitglieder verteilt wird und liefert tragfähige Prinzipien für das Kommunikationsmanagement in großen Gemeinschaften. Die Übertragung auf Managementsysteme aber ist schwierig, weil Mitarbeiter und Teammitglieder einen eigenen Willen und den Ehrgeiz haben, sich zu entwickeln.

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Führung und die Organisation von Hierarchien sind Top-Themen innerhalb der Wirtschaft, vor allem für Leistungsträger. An Theorien und Reflexionen zum Thema herrscht kein Mangel, aber viele wünschen sich ein konkretes erfolgreiches Beispiel, an dem man sich orientieren kann. Als relativ junges Feld bietet die Wirtschaftsbionik hier die Möglichkeit, von einem der erfolgreichsten Unternehmen überhaupt zu lernen: der Natur.

Allerdings ist es kaum möglich, die Natur eins zu eins in die Unternehmenswelt zu kopieren und ihre Beispiele unreflektiert zu nutzen, weil jedes komplexe System einer eigenen, nicht übertragbaren Logik folgt. Und nicht jedes Beispiel der Natur lässt sich für jedes Problem beliebig nutzen. 

So ist ein Ameisenstaat ein gutes Beispiel dafür, wie eine große Menge an Information an eine große Gruppe Mitglieder verteilt wird und liefert tragfähige Prinzipien für das Kommunikationsmanagement in großen Gemeinschaften. Die Übertragung auf Managementsysteme aber ist schwierig, weil Mitarbeiter und Teammitglieder einen eigenen Willen und den Ehrgeiz haben, sich zu entwickeln. 

Jede einzelne Ameise ist aber auf sich gestellt völlig hilflos. Ohne die Gemeinschaft und ihre Lebensaufgabe – für das Volk zu arbeiten – kann sie nicht lange überleben. Insekten besinnen sich nicht auf das, was sie eigentlich können und erheben somit keinen Machtanspruch. Ameisen folgen auch keiner komplexen Strategie, sondern einfach Maximen, die sie fortwährend mit der Umwelt abgleichen. Alle Ameisen sind gleich und verhalten sich gleich, zum Beispiel bleibt die Geschwindigkeit konstant, es gibt keinen „Raser“, der alle links überholen und als Erster am Ziel sein will. Im Zentrum steht das Wohl der Gemeinschaft.

Deswegen sind die Ameisen ein Paradebeispiel für Heterarchie: Hier geht es um das Management von großen Gruppen bei einem hohen Maß an Selbstorganisation aller Einzelelemente und bei gleichzeitig hoher Komplexität des Gesamtsystems. Dadurch entsteht eine hohe Systemstabilität, auch bei sich schnell und stark ändernden Außenfaktoren.

Ein Beispiel für ein anderes, für die Wirtschaft aber zunehmend „überholtes“ hierarchisches System findet sich in der Vogelwelt: Bei Pfauen, Kanarienvögeln und Zebrafinken setzt sich die genetische Fitness des Männchens durch die Zurschaustellung seiner physischen Leistungsfähigkeit im Konkurrenzkampf durch. Es gibt dabei übrigens viele Täuschungsmanöver, so dass „Blender“ eine im Verhältnis zu ihrer eigentlichen Leistungsfähigkeit nach oben verzerrte Erfolgsquote haben. Genau dieser Zusammenhang war in der jüngeren Vergangenheit zu beobachten: Die „Pfauen“ (Karrieristen, die Lauten etc.) gelangten an die Spitze – nicht zum Vorteil aller, sondern eher zu ihrem eigenen Nutzen. Die Finanzkrise kann man als eine Folge davon betrachten. Deswegen sollten wir uns auf andere Strategien fokussieren. Statt Macht im dominanten Sinne auszuüben, können wir uns auf die Fähigkeit, Orientierung zu geben und damit Verantwortung und Selbststeuerung zu ermöglichen, konzentrieren.

Ein gelungenes Beispiel dafür ist das Hierarchie -System der Wölfe. Hierarchie bedeutet häufig Herrschaft und Autorität und wird der Einfachheit halber oft mit der Hackordnung um die Alpha-Position gleichgesetzt. Bei Wölfen zeigt sich jedoch ein sehr viel vielfältigeres soziales Gefüge, in dem die Leittiere zwar die primäre Führungsaufgabe erfüllen, aber nur situationsbezogen autoritär auftreten. Alpha-Wölfe führen ihr Rudel mithilfe ihrer sozialen Kompetenzen. Sie pflegen Beziehungen und beweisen soziale Intelligenz. Wenn zwei sich streiten und ineinander verbeißen, lenkt der Alpha-Wolf einen der beiden ab, fordert ihn zum Spiel auf und stellt den Frieden wieder her. Diplomatische Fähigkeiten sind hier also Teil der Führungskompetenz.

In der Regel kommen im Rudel nur qualifizierte Führungskräfte nach oben, dafür sorgt ein Rangausleseverfahren. Im Wolfsrudel übernimmt ein Leitwolf das Zepter, aber keines der Tiere wird zum bloßen Handlanger. Es gibt eine Handvoll Regeln, an die sich alle halten müssen: Z.B. alle widmen sich der Jagd und die Welpen werden gemeinsam aufgezogen. Davon abgesehen hat jeder Wolf viele Freiheiten. Entsprechend besonderer Eigenschaften und Fähigkeiten werden die einzelnen Wölfe für bestimmte Aufgaben eingesetzt, z.B. werden körperlich starke Tiere evtl. zum Ordnungshüter, ohne gleich dem Leitwolf Konkurrenz zu machen. Es handelt sich also um ein dynamisches Gefüge. Wölfe bleiben ständig in Kontakt. Sie heulen ihre Botschaft in den Himmel, um sich über weite Strecken unterhalten zu können und sie geben Duftmarken ab, die mehrere Wochen zu riechen sind. Nur alle paar Tage treffen sich die Tiere nach ihren Alleingängen im Rudel. Obwohl der Wolf sein eigenes Überleben sichern will, gibt es ein Ziel: Das Rudel möchte gemeinsam stärker sein als jeder einzelne. 

Insgesamt lässt sich allerdings nicht hundertprozentig festlegen, welches dieser beiden Systeme, Heterarchie oder Hierarchie, effektiver bzw. das bessere Vorbild ist. Das nämlich hängt vom jeweiligen Unternehmen und dessen innerer Aufstellung und  Fokussierung ab. Im Grunde sind fast alle Gruppen – vom Bienenstock bis zum Wolfsrudel – hierarchisch organisiert, sofern sie in größeren Gemeinschaften leben und über die Fähigkeit individueller Erkennung verfügen. Die Parallelen zu wirtschaftlichen Kooperationen und Konkurrenzsituationen liegen auf der Hand. Die „Führung“ bzw. das dynamische Gefüge bei den Wölfen könnte ein intelligenter Ansatz und – im Gegensatz zum Ameisenstaat – evtl. ein besserer Ansatz für Firmennetzwerke sein, weil sich dadurch die Innovationskraft jedes einzelnen Unternehmens richtig entfalten kann und die Erfahrung zeigt, dass Firmennetzwerke ohne „Chef“ nie besonders effizient sind.

Gudrun Happich ist Executive Coach und Gründerin und Inhaberin des „Galileo. Institut für Human Excellence“ in Köln. Als Diplom-Biologin war sie zunächst selbst 12 Jahre Führungskraft in drei Wirtschaftsunternehmen, u.a. Mitglied der Geschäftsleitung. Anschließend absolvierte sie drei systemische Ausbildungen. Sie ist seit 1994 als Coach tätig, schöpft aus den Erfahrungen von ca. 15.000 Coaching -Stunden und hat weit mehr als 800 Leistungsträger geschult. Als eine der ersten Beraterinnen wurde Sie nach dem weltweit höchsten Qualitätsstandard für Coaches von der International Coach Federation (ICF) zum „Master Certified Coach“ (MCC) zertifiziert. Seit mehr als 15 Jahren macht sie Erfolgsprinzipien aus der Natur für Unternehmen nutzbar und bietet Beratung auf der Grundlage von biosystemik® an. Das von ihr entwickelte Konzept integriert systemisches, naturwissenschaftliches und unternehmerisches Know-how. 

Im Frühjahr 2011 wird ihr Buch „Ärmel hoch! – Die 20 schwierigsten Führungsthemen und wie Top-Führungskräfte sie anpacken“ (Orell füssli Verlag AG) erscheinen. 

 

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