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„Aus dem Nähkästchen geplaudert“: Unternehmensnachfolge praktisch gesehen

„Man muss miteinander reden, auch wenn es manchmal und manch einem sehr schwer fällt“, das ist die Quintessenz der Veranstaltung „Nachfolge zielgerichtet planen“, die jetzt in der Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) stattfand.

StartupStockPhotos / pixabay.com (Symbolbild)

Siegen „Man muss miteinander reden, auch wenn es manchmal und manch einem sehr schwer fällt“, das ist die Quintessenz der Veranstaltung „Nachfolge zielgerichtet planen“, die jetzt in der Industrie- und Handelskammer Siegen (IHK) stattfand. Drei Unternehmer und eine Unternehmerin plauderten aus dem Nähkästchen und zeigten auf, dass die Planung der Unternehmensnachfolge ein Prozess ist, der immer Konflikte oder Stolpersteine enthält. Wenn er jedoch gut klappt – und das beruht nach einhelliger Meinung der Praktiker auch und vor allem auf gelungener Kommunikation – dann ist das gut für das Unternehmen und die Mitarbeiter. Ganz unterschiedliche Situationen kamen bei dem zweistündigen Erfahrungsaustausch zur Sprache. 

Markus Weber, dokuworks GmbH Siegen, etablierte sich schon früh bei seinem Arbeitgeber als potenzieller Nachfolger. „Den Kollegen wurde das allerdings erst eröffnet, als die Entscheidung endgültig gefallen war“, schildert der Kaufmann seine damalige Ausgangsbasis. Dies bot ihm die Chance, sich sehr gezielt auf die neue Tätigkeit vorzubereiten. „Der Übergang Ende 2015 war dann kein Problem mehr, weil die Mitarbeiter mich schon als Führungsperson akzeptiert hatten, obwohl ich noch relativ jung bin.“ Geholfen habe ihm, dass er in vielfältiger Weise in regionalen Netzwerken unterwegs gewesen sei. Gerade bei den heimischen Wirtschaftsjunioren habe er zahlreiche vertrauliche Gespräche mit Nachwuchsunternehmern führen können, die in vergleichbaren Situationen gesteckt hätten. 

Maik Rosenberg, der vor sieben Jahren mit seinen Brüdern ins Familienunternehmen aquatherm GmbH einstieg, hat sich diese Akzeptanz ebenfalls erarbeitet. „Mit einer guten Qualifikation und der entsprechenden Erfahrung geht das. Allerdings haben meine Brüder und ich uns die Kompetenzen im Unternehmen aufgeteilt. Jeder verantwortet seinen Bereich. Es ist klar, dass es an den Schnittstellen gelegentlich zu Reibungen kommt. Da muss man sich austauschen und immer wieder die organisatorischen Gegebenheiten anpassen.“ Rosenberg ist sicher, dass das Attendorner Unternehmen mit seinen 600 Beschäftigten gut gerüstet ist. „Uns ist wichtig, dass unsere Mitarbeiter unsere familienorientierten Werte teilen, ohne statisch beim Althergebrachten zu verharren.“ Die junge Generation ist also längst im Unternehmen angekommen und drückt ihm den eigenen Stempel auf. Die Expertise des mittlerweile 77jährigen Vaters Gerhard Rosenberg, der auch nach wie vor Anteile am Unternehmen hält, wird dennoch immer wieder in Anspruch genommen, denn: „Warum sollten wir darauf verzichten?“ 

Malin Weber, Inhaberin zweier Salzgrotten in Freudenberg und Nümbrecht, und Christoph Buhl, Geschäftsführer bei der buhl paperform GmbH in Burbach, gaben ebenso Einblicke in ihre Entscheidungsprozesse bei der Übernahme der selbständigen Tätigkeit. So trennte sich Weber schneller als geplant von ihren Vorgängern im übernommenen „Salz-Kraft-Werk“, weil einfach „die Chemie nicht mehr stimmte“. Damit konnte – und musste – sie schnell allein bestimmen, wie es weitergeht: „Ich habe mich ins kalte Wasser geworfen.“ Und Christoph Buhl machte deutlich, dass es bei unterschiedlichen Temperamenten von Geschwistern auch eine gute Strategie sein kann, Unternehmen aufzuspalten, um die beiderseitigen Entwicklungschancen zu optimieren. So konnten er und sein Bruder entspannt getrennte Wege gehen. 

Abgerundet wurde das Programm durch zwei Vorträge, die die Bedeutung der Unternehmensnachfolge regionalwirtschaftlich beleuchteten. Harald Peter, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Siegen, machte deutlich, dass eine gut durchdachte Nachfolgeregelung gerade in betriebswirtschaftlicher Sicht unabdingbar ist: „Bei älteren Geschäftsführern und Unternehmern wirkt sich eine nicht geregelte Nachfolge auf das Rating aus.“ Harald Peter hob hervor, dass bei einer erheblichen Anzahl von Unternehmen im Einzugsgebiet der Sparkasse Siegen die Nachfolge zu einem zentralen Thema wird oder es bereits ist. „Seit 2014 sinkt die Anzahl der Unternehmen in Siegen-Wittgenstein – das ist noch nie vorgekommen, solange die Statistik geführt wird!“ Zugleich rief er dazu auf, sich frühzeitig zu kümmern, um handlungsfähig zu bleiben. 

Sabine Bechheim, Leiterin des Referats Gründung, Sicherung und Nachfolge bei der IHK Siegen riet ebenso zur Vorsorge: „Fast jedes vierte Unternehmen im Kammerbezirk braucht in den nächsten 10 bis 15 Jahren einen Nachfolger, aber davon erwirtschaftet wiederum nur jedes Vierte die Erträge, die für einen Verkauf oder eine Übernahme in der Familie wirklich notwendig wären.“ Erschreckend sei zudem, dass vielfach die Unternehmer über keine ausreichende Altersversorgung verfügten. Viele erhofften sich einen guten Verkaufspreis für ihr Unternehmen, der dann aber nicht zu erzielen sei. Die Unternehmensbewertung bewege sich im Spannungsfeld zwischen Immobilien, Anlagen, Erträgen und dem emotionalen Wert auf der einen Seite und dem erzielbaren Kaufpreis auf der anderen. Das führe manchmal zu unrealistischen Erwartungen und vielfach auch zum Abwarten. Sabine Bechheim: „Aber wer zu lange wartet, den bestraft dann vielfach die eigene Unschlüssigkeit.“ Um den Prozess in vielen Unternehmen zu unterstützen, wird die IHK sich des Themas auch weiter annehmen. Schon im Herbst wird im Bernard-Weiss-Saal der IHK wieder „aus dem Nähkästchen geplaudert“.

 

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