„Automatisierung ist kein IT-Projekt, sondern eine Führungsaufgabe" – Interview mit einem HERMOS-Experten über Digitalisierung im Mittelstand

Automatisierung im Mittelstand gelingt dann, wenn sie zur Chefsache wird. So lautet die Kernaussage unseres Gesprächspartners. Viele Mittelständler stehen vor derselben Frage: Wo anfangen, wenn Produktion, Gebäude und IT eigentlich gleichzeitig modernisiert werden müssten? Wir haben mit einem Experten der HERMOS Group gesprochen, die als Anbieter von Automatisierungstechnik für Unternehmen Industrie- und Gebäudeprojekte von der Planung bis zum After-Sales aus einer Hand umsetzt. Im Gespräch geht es um typische Fehler, realistische Zeitachsen und die Rolle der Geschäftsführung.
„Der Reifegrad ist oft niedriger, als das Management denkt"
business-on.de: Wenn Sie heute in einen mittelständischen Produktionsbetrieb kommen, wo stehen die Unternehmen wirklich beim Thema Automatisierung?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Die Spannweite ist enorm. Wir sehen Betriebe, die auf einzelnen Linien schon eng vernetzt sind, während parallel dazu ältere Schaltanlagen laufen und Energiedaten per Excel gepflegt werden. Der Reifegrad ist oft niedriger, als das Management denkt. Das ist keine Kritik, sondern eine Realität, die man ehrlich anerkennen muss, bevor man über Roadmaps spricht.
business-on.de: Was ist der häufigste Fehler zu Projektbeginn?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Automatisierung wird als reines IT- oder Elektroprojekt an eine Abteilung delegiert. Damit fehlt vom ersten Tag an die Verbindung zur Geschäftsstrategie. Wir sagen unseren Kunden deshalb sehr klar, dass Automatisierung eine Führungsaufgabe ist. Wer entscheidet, welche Prozesse standardisiert werden, und wer bestimmt, welche Daten in Zukunft wirklich als Steuerungsgröße gelten das gehört auf den Tisch der Geschäftsleitung.
„Alles aus einer Hand" – Anspruch oder Marketingversprechen?
business-on.de: HERMOS wirbt mit einer hohen Eigenleistungsquote. Was heißt das konkret für Ihre Kunden?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Für unsere Kunden heißt es vor allem eines: weniger Schnittstellen, weniger Zuständigkeitsdiskussionen. Engineering, Schaltanlagenbau, Softwareentwicklung und Service sitzen bei uns unter einem Dach. Wenn in der Inbetriebnahme etwas hakt, muss niemand zwischen mehreren Dienstleistern vermitteln. Das ist gerade für Mittelständler entscheidend, die keine großen internen Projektstäbe haben.
business-on.de: Wo sind die Grenzen dieses Modells?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Wir arbeiten herstellerneutral, sind aber keine Allzweckwerkstatt. Wenn ein Kunde eine sehr spezifische Nischentechnologie einsetzt, holen wir bewusst Partner dazu. Ehrlichkeit über den eigenen Leistungsumfang gehört für uns zum professionellen Auftritt. Kunden merken sehr schnell, ob ein Anbieter überverspricht.
Energie, ESG und der Druck auf die Betriebe
business-on.de: Das Thema Energie- und CO₂-Management ist für viele Unternehmen zur Pflicht geworden. Was beobachten Sie?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Der Druck kommt heute aus zwei Richtungen: von der Regulatorik und von den eigenen Kunden entlang der Lieferkette. Reine Excel-Auswertungen reichen nicht mehr aus, wenn belastbare, auditierbare Energiedaten verlangt werden. Genau da setzen wir mit Lösungen wie unserem Energiedatenmanagement an nicht als Selbstzweck, sondern damit ein Werksleiter am Montagmorgen sehen kann, wo sein Verbrauch tatsächlich entsteht und welche Maßnahmen sich rechnen.
business-on.de: Wie groß ist der typische Hebel?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Das hängt stark vom Ausgangszustand ab. In Bestandsgebäuden mit veralteter Gebäudeautomation lassen sich häufig spürbare Einsparungen erzielen, allein durch bessere Regelstrategien und Transparenz. Wir sind aber vorsichtig mit pauschalen Prozentzahlen. Seriöse Aussagen sind erst nach einer echten Analyse möglich.
Praxisrat für Entscheider
business-on.de: Was raten Sie einer Geschäftsführung, die morgen ein Automatisierungsprojekt startet?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Drei Dinge. Erstens: Definieren Sie den Business-Case, bevor Sie die Technologie wählen. Zweitens: Klären Sie intern, wer Prozessverantwortung übernimmt. Technik allein löst keine Organisationsprobleme. Drittens: Achten Sie auf After-Sales. Ein Automatisierungssystem ist typischerweise über viele Jahre im Einsatz. Wer nur den Projektpreis vergleicht, zahlt später über den Lebenszyklus häufig drauf.
business-on.de: Und was sollten Unternehmen nicht tun?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Nicht warten, bis der Wettbewerbsdruck oder ein Audit die Entscheidung erzwingt. Wer heute mit einem klaren, kleinen Baustein anfängt etwa Energiedatenmanagement oder eine modernisierte Schaltanlage mit sauberer Datenschnittstelle schafft sich Schritt für Schritt eine belastbare Basis. Wer wartet, steht später häufig vor denselben Aufgaben, nur unter größerem Zeit- und Kostendruck.
business-on.de: Ein Satz zum Abschluss. Was macht ein gutes Automatisierungsprojekt aus?
Geschäftsführung der HERMOS AG: Ein gutes Projekt wird nach der Inbetriebnahme leise. Die Anlage läuft, die Daten fließen, der Betrieb kann sich wieder auf sein Geschäft konzentrieren. Genau das ist unser Anspruch, und daran lassen wir uns messen.
- Titelbild: Pexels
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