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27. Oktober 2026

Nachfolgekrise im Mittelstand: Warum immer mehr Betriebe vor dem Aus stehen

Ein älterer Geschäftsmann, der an seinem Schreibtisch in einer modernen Büroumgebung telefoniert

Viele Verantwortliche in mittelständischen Unternehmen stehen vor einer Entscheidung, die sich nicht aufschieben lässt: Wer führt den Betrieb weiter, wenn der Inhaber ausscheidet? Laut KfW streben Eigentümer bis Ende 2029 im Jahresdurchschnitt rund 109.000 Unternehmensnachfolgen an. Zugleich planen oder erwägen Inhaber jährlich etwa 114.000 Geschäftsaufgaben. Beides sind hochgerechnete Absichten, keine bereits vollzogenen Übergaben oder Schließungen.

Dass immer mehr Unternehmer in den Ruhestand gehen, erklärt allerdings nur einen Teil des Problems. Ein Betrieb kann seit Jahrzehnten am Markt etabliert sein und dennoch schwer einen Käufer finden – etwa weil Erträge, Kaufpreisvorstellungen und Investitionsbedarf nicht zusammenpassen. Damit stellt sich auch die Frage, welche Folgen ausbleibende Übergaben für Beschäftigte, Regionen und den Wirtschaftsstandort Deutschland haben.

Mehr Stilllegungspläne als Nachfolgewünsche: Wie groß ist das Problem?

Wie stark der Handlungsdruck wächst, zeigt die Altersstruktur. Nach dem KfW-Nachfolge-Monitoring 2025 waren bereits 57 Prozent der mittelständischen Unternehmensinhaber mindestens 55 Jahre alt. Gut zwei Jahrzehnte zuvor lag der Anteil bei 20 Prozent. Damit stehen zahlreiche Betriebe vor einem Generationswechsel.

Die Lücke zwischen abgabewilligen Inhabern und potenziellen Übernehmern wird in der IHK-Beratung sichtbar. 2024 ließen sich dort 9.636 abgabewillige Unternehmen beraten, denen 4.016 Übernahmeinteressenten gegenüberstanden. Mehr als ein Viertel der beratenen Unternehmen erwog laut DIHK-Report 2025 eine Schließung. Diese Zahlen bilden allerdings nur einen Ausschnitt des Nachfolgemarktes ab; sie belegen nicht, wie viele Übergaben tatsächlich scheitern.

Es gibt auch Fortschritte: Bei 30 Prozent der laut KfW bis Ende 2026 geplanten Nachfolgen war die Übergabe zum Befragungszeitpunkt 2025 bereits abschließend ausgehandelt. Bei weiteren 34 Prozent liefen konkrete Gespräche. Der Handlungsbedarf ist groß, doch viele Inhaber haben die Nachfolge bereits aktiv vorbereitet.

Schwache Erträge und hohe Kaufpreise erschweren die Nachfolge

Für viele Inhaber ist der Betrieb ein Lebenswerk, für Kaufinteressenten zunächst eine wirtschaftliche Entscheidung. Sie müssen prüfen, ob sich Kaufpreis und notwendige Investitionen aus den künftigen Erträgen finanzieren lassen. Das Institut für Mittelstandsforschung Bonn schätzt für 2026 bis 2030 rund 186.000 anstehende Nachfolgen.

Das IfM berücksichtigt dabei Familienunternehmen, die bestimmte Ertragsanforderungen erfüllen und deren Führung voraussichtlich aus persönlichen Gründen ausscheidet. Die Schätzung ist daher nicht direkt mit den breiter angelegten KfW-Zahlen vergleichbar. Gegenüber der vorherigen Prognose fällt sie etwas niedriger aus, auch weil sich die Ertragslage eines Teils der Betriebe verschlechtert hat.

Hinzu kommen unterschiedliche Wertvorstellungen. Nach KfW-Angaben sind die angestrebten Verkaufspreise seit 2019 nominal um durchschnittlich 34 Prozent gestiegen. Das sind Preisvorstellungen, keine tatsächlich erzielten Erlöse. Nach Einschätzung der IHKs verlangten 36 Prozent der beratenen Altinhaber überhöhte Preise. Auch mögliche Ausgaben für die Modernisierung des Betriebs müssen Kaufinteressenten einkalkulieren.

Die Gründe für geplante Betriebsschließungen überschneiden sich häufig. Laut KfW nennen 52 Prozent der Unternehmen mit Stilllegungsplänen das erreichte Rentenalter, 47 Prozent fehlendes Interesse innerhalb der Familie und 21 Prozent eine erfolglose Nachfolgersuche. Mehrfachnennungen waren möglich. Während das Rentenalter den Rückzugswunsch erklärt, können fehlende familieninterne Nachfolger und eine erfolglose Suche nach Alternativen dazu führen, dass ein Betrieb nicht fortgeführt wird. Allerdings entscheiden sich manche Inhaber auch bewusst für eine Stilllegung, ohne zuvor eine Übergabe anzustreben.

Welche Branchen besonders unter Druck stehen

Die DIHK-Branchenauswertung 2025 zeigt deutliche Unterschiede zwischen den Wirtschaftszweigen. Im Bereich Verkehr und Logistik kamen 2024 in der IHK-Beratung rechnerisch 4,1 abgabewillige Unternehmen auf einen Übernahmeinteressenten. In der Hotellerie und Gastronomie betrug das Verhältnis 3,4, im Handel 3,3 und in der Industrie lediglich 1,3. Die Zahlen geben allerdings nur die Situation innerhalb der IHK-Beratung wieder, nicht die des gesamten deutschen Nachfolgemarktes.

Auch die wirtschaftlichen Hürden unterscheiden sich. Im Gastgewerbe können Personalbedarf und Modernisierungskosten die Kalkulation belasten, im Handel die Kaufzurückhaltung und der Online-Wettbewerb. Industriebetriebe bringen häufig hohe Anlagewerte mit, benötigen aber auch Kapital für Technik und Erneuerung. Das relativ ausgeglichene Verhältnis zwischen Interessenten und Abgebern garantiert dort deshalb noch keine unkomplizierte Übernahme.

Was ungeklärte Nachfolgen für Unternehmen und Regionen bedeuten

Die wirtschaftlichen Folgen können einsetzen, lange bevor ein Betrieb schließt. Nach Untersuchungen der KfW geht die Investitionstätigkeit zurück, wenn die Übergabe näher rückt. Bei Betrieben mit kurzfristigen Nachfolgeplänen fällt das jährliche Investitionsvolumen demnach um rund 32 Prozent. Wer vor dem Ausscheiden steht, muss abwägen, ob sich neue Anlagen oder größere Modernisierungen noch rechnen.

Wer notwendige Modernisierungen aufschiebt, riskiert Wettbewerbsnachteile und hinterlässt seinem Nachfolger einen höheren Investitionsbedarf. Eine geklärte Nachfolge schafft dagegen mehr Planungssicherheit. Die KfW beobachtet bei Unternehmen mit geregelter Übergabe eine höhere Investitionstätigkeit. Die Untersuchung zeigt damit einen Zusammenhang, ohne einen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Effekt nachzuweisen.

Bei einer endgültigen Stilllegung steht mehr auf dem Spiel als die Zukunft des einzelnen Unternehmens. Arbeitsplätze fallen weg, gewachsene Kundenbeziehungen brechen ab und betriebliches Fachwissen geht verloren. In kleineren Städten ist das besonders spürbar, wenn mit einem Betrieb zugleich ein wichtiger Teil des örtlichen Angebots verschwindet. Wie viele Arbeitsplätze in Deutschland tatsächlich durch gescheiterte Unternehmensnachfolgen verloren gehen, wird amtlich nicht erfasst.

Warum erfolgreiche Übernahmen auch neue Chancen eröffnen

Eine Unternehmensübernahme kann neue wirtschaftliche Chancen eröffnen, führt aber nicht automatisch zu höheren Gewinnen. Der Nachfolgemonitor 2026 untersucht die Entwicklung von 1.553 Unternehmen, die zwischen 2014 und 2022 übergeben wurden. Bei 52,9 Prozent war das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) zwei Jahre nach der Übernahme höher als zwei Jahre zuvor.

Beim Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT), das Abschreibungen berücksichtigt, zeigte sich dagegen bei 54,1 Prozent der Unternehmen ein Rückgang. Das ist kein unmittelbarer Widerspruch: Höhere Abschreibungen, etwa infolge neuer Investitionen, können das Ergebnis belasten, obwohl sich die operative Ertragslage verbessert. Ob dies die Entwicklung tatsächlich erklärt, lässt sich aus den Zahlen allein nicht ableiten. Die Ergebnisse sind zudem nicht auf sämtliche Unternehmensübernahmen in Deutschland übertragbar.

Vom Auszubildenden zum Firmeninhaber

Tim Vester kannte die MARO Manfred Rottenhofer GmbH bereits aus seiner Ausbildung, bevor er den Betrieb gemeinsam mit einem Partner übernahm. Doch auch diese Vertrautheit machte den Eigentümerwechsel nicht zum Selbstläufer. Im Interview mit der IHK Nordschwarzwald berichtet er von organisatorischen Schwierigkeiten während des ungefähr einjährigen Übernahmeprozesses.

Entscheidend waren die Zusammenarbeit der beiden Übernehmer und die frühzeitige Einbindung der Beschäftigten. Das Beispiel verdeutlicht, dass selbst gute Kenntnisse des Unternehmens eine sorgfältige Vorbereitung der Nachfolge nicht ersetzen.

Welche Lösungen den Generationswechsel erleichtern können

Eine rechtzeitig vorbereitete Nachfolge beginnt mit einer realistischen Bewertung: Welche Erträge sind zu erwarten, welche Investitionen stehen an, welcher Kaufpreis ist finanzierbar? Neben Angehörigen kommen Beschäftigte oder externe Interessenten als Nachfolger infrage. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen der Unternehmensnachfolge sollten frühzeitig geklärt werden.

Bei der Suche unterstützen Industrie- und Handelskammern sowie Plattformen wie die Unternehmensbörse nexxt-change. Förderkredite der KfW können die Finanzierung von Kaufpreis und Investitionen erleichtern. Sie ersetzen allerdings kein tragfähiges Geschäftsmodell.

Selbst wenn sich ein Interessent findet, bleibt die Übergabe schwierig, wenn Kaufpreis, Ertragsaussichten und Investitionsbedarf nicht zusammenpassen. Für den Mittelstand geht es deshalb um mehr als die Suche nach einer neuen Unternehmergeneration. Entscheidend ist auch, unter welchen wirtschaftlichen Bedingungen bestehende Betriebe weitergeführt werden können.

Quellen

  1. KfW Research: Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025: Pläne für Geschäftsaufgaben wachsen erneut – Kaufpreisvorstellungen deutlich gestiegen. 9. Januar 2026. PDF öffnen
  2. Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK): Report Unternehmensnachfolge 2025: Zahlen und Einschätzungen zum Generationswechsel in deutschen Unternehmen. Juli 2025. PDF öffnen
  3. Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM Bonn): Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2026 bis 2030. November 2025. Studie öffnen
  4. Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK): Report Unternehmensnachfolge 2025: Blick in die Branchen. 2025. PDF öffnen
  5. FOM Hochschule, KompetenzCentrum für Entrepreneurship & Mittelstand: Nachfolgemonitor 2026. Band 11, 2026. Downloads zum Nachfolgemonitor
  6. IHK Nordschwarzwald: Vom Ausbildungsbetrieb zum eigenen Unternehmen: Interview mit Tim Vester. 30. September 2026. Interview lesen
  7. Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK): Unternehmensnachfolge finden oder anbieten: Die Unternehmensbörse nexxt-change. Informationen zur Unternehmensbörse
  8. KfW: Förderkredite für Gründung und Unternehmensnachfolge. Förderprodukte im Überblick
  9. Deutscher Bundestag: Keine amtliche Statistik zu Unternehmensnachfolgen. 13. August 2026. Meldung lesen
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