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2. September 2026

Die Mordaualm im Berchtesgadener Land: Wie eine Bergbauernfamilie aus der Almwirtschaft ein zweites Standbein macht

Für viele Bergbauernhöfe in den Alpen stellt sich dieselbe unternehmerische Frage: Wie lässt sich neben der klassischen Landwirtschaft ein zweites, tragfähiges Standbein aufbauen? Im Berchtesgadener Land lautet eine der Antworten: Almwirtschaft mit eigener Verarbeitung und Direktvermarktung. Die Mordaualm im Lattengebirge zeigt, wie aus traditioneller Sommerbewirtschaftung, Bio-Zertifizierung und hofeigener Küche ein eigenständiges Angebot für Ausflügler entstehen kann. Für Regionen, in denen Tourismus und Landwirtschaft seit jeher nebeneinander existieren, ist das ein naheliegender Weg aber keiner, der sich von selbst ergibt.

Für Unternehmer und Selbstständige ist der Betrieb damit mehr als ein Wanderziel: Er ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein kleiner Familienbetrieb über eine klar definierte Nische wirtschaftlich besteht.

Bergbauernhöfe und die Suche nach einem zweiten Standbein

Die Berglandwirtschaft gilt als eine der arbeitsintensivsten Formen der Landwirtschaft: Steile Hänge, kleine Flächen und kurze Vegetationszeiten begrenzen die Erträge, während die Anforderungen an Tierschutz, Dokumentation und Vermarktung steigen. Viele Höfe in Regionen wie dem Berchtesgadener Land setzen deshalb traditionell auf Almwirtschaft: Das Vieh verbringt den Sommer auf der Alm, die Milch wird vor Ort verarbeitet, und die Bewirtung von Wanderern bringt in der Saison zusätzliche Einnahmen. Das Berchtesgadener Land mit seinen bekannten Gipfeln zieht Jahr für Jahr zahlreiche Wanderer an für bewirtschaftete Almen ein struktureller Vorteil, den wenige Regionen in dieser Dichte bieten.

Was früher vor allem der Selbstversorgung diente und das Grünland im Tal schonte, ist heute ein eigenes kleines Geschäftsmodell. Die Logik dahinter ist betriebswirtschaftlich einfach: Wer Milch, Fleisch und Eier nicht als Rohstoffe verkauft, sondern zu Käse, Wurst oder Kuchen weiterverarbeitet und direkt an Gäste abgibt, hält einen deutlich größeren Teil der Wertschöpfung am eigenen Betrieb. Aus der Alm wird so ein Ertragsfaktor vorausgesetzt, die Produkte finden Abnehmer, und der Weg hinauf ist für Gäste attraktiv genug. Die Frage nach dem zweiten Standbein ist dabei keine neue entscheidend ist, wie konsequent sie beantwortet wird.

Ein Beispiel dafür ist die Mordaualm Gschoßkaser. Bewirtschaftet wird sie seit Generationen von der Familie des Bergbauernhofs Gschosslehen in Ramsau Bernhard Maltan und Anja Beilhack. Hof im Tal und Alm am Berg bilden dabei eine wirtschaftliche Einheit: Was oben erzeugt und verarbeitet wird, wird oben auch an die Gäste gegeben.

Die Mordaualm am Gschoßkaser Lage, Erreichbarkeit, Betrieb

Die Alm liegt auf rund 1.200 Metern im Lattengebirge, einem Gebirgsstock der Berchtesgadener Alpen, und wird ausschließlich in der Sommersaison bewirtschaftet. Ausgangspunkt für den Aufstieg ist der Parkplatz Taubensee. Von dort erreichen Gäste die Alm zu Fuß oder mit dem Mountainbike beziehungsweise E-Bike eine Strecke, die Wanderer wie Radfahrer anspricht und sich gut in eine Tages- oder Halbtagestour einplanen lässt.

Oben angekommen, eröffnet sich ein Panoramablick auf drei der bekanntesten Formationen der Region: den Hochkalter, den Blaueisgletscher und das Watzmann-Massiv. Diese Kombination aus erreichbarer Lage und Aussicht erklärt, warum das Bewirtungsmodell überhaupt funktionieren kann. Almgastronomie lebt vom Zulauf: Ohne Wanderer und Biker, die den Weg auf sich nehmen, bliebe die Verarbeitung vor Ort ein Zuschussgeschäft. Mit ihnen wird sie zur Einnahmequelle, die den Hof im Tal spürbar entlastet. Für die Planung heißt das: Die Alm eignet sich als eigenständiges Tagesziel ebenso wie als Zwischenstopp auf längeren Touren durch das Lattengebirge.

Für die Familie bedeutet das ein saisonales Doppelleben zwischen Tal und Berg: Während der Sommermonate laufen Landwirtschaft, Verarbeitung und Bewirtung parallel. Es ist ein Arbeitsmodell, das auf kleinen Bergbauernhöfen verbreitet ist, hier aber konsequent auf Gäste ausgerichtet wurde mit eigener Küche und einem Angebot, das weit über die klassische Selbstversorgung auf der Alm hinausgeht.

Bio-Wirtschaft als Nische Käse, Speck und Wurst aus eigener Herstellung

Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal (USP) liegt in der Wirtschaftsweise: Die Mordaualm ist auf der Mordau der einzige Bio-Betrieb. Die Tiere behalten ihre Hörner ein sichtbares Zeichen für eine Haltungsform, die den natürlichen Bedürfnissen der Rinder entgegenkommt und zugleich den Anforderungen der Bio-Zertifizierung entspricht. Eine solche Zertifizierung bedeutet für einen Almbetrieb zusätzlichen Aufwand von der Fütterung bis zur lückenlosen Dokumentation. Zugleich schafft sie Vertrauen bei Gästen, die wissen wollen, woher die Produkte auf ihrem Teller stammen.

Verarbeitet wird fast alles direkt am Gschoßkaser. Aus der Bio-Milch der Almkühe entstehen hausgemachte Käsesorten und Almbutter. Die Speck- und Wurstwaren kommen aus eigenem Bio-Schweine- und Rindfleisch und werden frisch geräuchert. Selbst der Kuchen, der auf der Alm serviert wird, entsteht mit frischen Bio-Eiern. Die Wertschöpfungskette bleibt damit weitgehend in einer Hand: von der Haltung über die Verarbeitung bis zum Verkauf an den Gast.

Betriebswirtschaftlich ist das eine klassische Nischenstrategie. Statt über Menge oder Preis zu konkurrieren, setzt der Hof auf Differenzierung: Bio-Qualität, eigene Herstellung und eine Herkunft, die Gäste unmittelbar vor Ort erleben können. Für kleine landwirtschaftliche Betriebe ist dieser Weg oft eine tragfähige Antwort auf den Preisdruck des Lebensmittelhandels wer unverwechselbar ist, muss nicht der Günstigste sein. Die Direktvermarktung schafft zudem Unabhängigkeit von Zwischenhändlern und bindet die Einnahmen direkt an den Gästezulauf. Dass Regionalprodukte mit klarer Herkunft an Anerkennung gewinnen, zeigt sich auch überregional: In der Biosphärenregion Berchtesgadener Land wurden zuletzt gleich mehrere neue Biosphären-Produkte ausgezeichnet.

Die Nische funktioniert dabei auch als Marketing: Wer auf der Alm einkehrt, sieht die Kühe mit Hörnern auf der Weide und findet auf dem Teller genau das wieder, was um ihn herum erzeugt wird. Authentizität lässt sich auf rund 1.200 Metern Höhe kaum plakativer vermitteln.

Was ein Besuch auf der Mordaualm konkret bedeutet

Wer die Alm in der Sommersaison ansteuert, bekommt eine klassische Brotzeit in urigem Ambiente: Käse und Almbutter aus eigener Herstellung, dazu Speck- und Wurstwaren vom eigenen Tier, zum Abschluss Kuchen aus Bio-Eiern. Das Angebot ist bewusst einfach gehalten und genau darin liegt seine Stärke, weil die Produkte die Geschichte des Betriebs ohne große Worte erzählen.

Die Zielgruppen sind klar umrissen: Wanderer, die das Lattengebirge erwandern, Mountainbiker und E-Biker, die die Alm als Etappenziel anfahren, und Ausflügler, die vor allem den Blick auf Hochkalter, Blaueisgletscher und Watzmann genießen wollen. Für ambitionierte Bergsteiger dient die Alm außerdem als Ausgangspunkt für weiterführende Touren in der Umgebung.

Praktisch gilt: Die Mordaualm ist ein Sommerbetrieb. Wer einen Besuch plant, sollte die Saison berücksichtigen und den Aufstieg ab Parkplatz Taubensee fest einplanen – zu Fuß als Wanderung oder per Rad als Tour. Wer die Gegebenheiten der Höhenlage kennt, wird mit einer Einkehr belohnt, die Region und Wirtschaftsweise gleichermaßen erlebbar macht.

Die Mordaualm zeigt damit beispielhaft, wie sich aus einem traditionellen Nebenerwerb ein eigenständiges Geschäftsmodell entwickeln lässt: Bio-Zertifizierung als Differenzierung, eigene Verarbeitung als Wertschöpfungstreiber, die Alm selbst als Bühne für die eigenen Produkte. Für Gäste bleibt sie vor allem eines ein gut erreichbares Ausflugsziel im Berchtesgadener Land, an dem sich die Region auf dem Teller erleben lässt.


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