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Quergedacht: Die Tuchel Kolumne. Wenn einer eine Reise tut …

Kein Fall für Corona

In den Medien wird zurzeit die Volljährigkeit von Greta Thunberg gefeiert. Wir verdanken der von ihr initiierten Klimabewegung Fridays for Future u. a. die Flugscham. Von einer Flugreise zu erzählen ist seitdem nicht mehr unbeschwert. Jetzt im Lockdown heißt es für alle zu Hause bleiben, eine Reise- und Mobilitätsscham breitet sich aus. Denn – so die Logik – wer sich unerlaubt von Heim und Herd entfernt, geht automatisch das Risiko ein, das Gesundheitssystem zu überlasten. Damit wir das nicht vergessen, gibt es weiterhin tägliche Live-Schaltungen auf die Intensivstationen der Bundesrepublik, wo Schläuche und Lungenmaschinen die Vorstellung eines diesseitigen Fegefeuers nahelegen. Und im Gegensatz zu den Strafen im Jenseits, die nach mittelalterlichen Vorstellungen recht drastisch ausfielen – so dringen z. B.  in der Visio Tnugdali des irischen Mönchs Markus bei den Ehebrechern Würmer aus der verfaulten Scham und wilde Tiere dringen in die Geschlechtsteile ein – kann eine COVID-19-Infektion jeden treffen – ungeachtet seines Alters und Lebenswandels. Das macht alle Menschen gleich, aber irgendwie auch nicht. Am besten hält die Drohkulisse diejenigen auf Kurs, die die wenigsten finanziellen Einbußen haben und sich über die eine oder andere Annehmlichkeit im Homeoffice oder über weniger Feinstaub in der Silvesternacht und über saubere Straßen an Neujahr freuen können. Wessen Geschäft hingegen trotz staatlicher Unterstützung gerade in die Insolvenz schlittert, wer in beengten Wohnungen lebt und mit Kurzarbeitergeld klarkommen muss, im Krankenhaus oder in Heimen arbeitet, der steht auf der anderen Seite des Geschehens.

Und dann gibt es noch die ganz Abgehobenen, die auf die Doktrin der stabilitas loci pfeifen, in Luxusferien auf die Malediven fahren oder auf eine Privatinsel jetten. Das stößt selbst den eingefleischten Fans von Paul McCartney, Dieter Bohlen und Kim Kardashian übel auf. In der Facebook-Filterblase, in der ich mich zeitweise aufhalte, werden nun ebenfalls Beschwerden darüber laut, dass User ihre aktuellen Urlaubsfotos posten. Das hebt die Laune der Zurückgebliebenen offensichtlich nicht.

Ich für meinen Teil bin gerne da, wo das Virus nicht ist. Das war Anfang Dezember der Fall für einige der früher Glücksinseln genannten Kanaren. Zu diesem Zeitpunkt gab es auf La Palma fünf COVID-19-Infizierte. Auf der kleinen Nachbarinsel El Hierro gab es keinen einzigen.

Ist Reisen schon Fahnenflucht?

Die niedrige Inzidenz auf der herzförmigen Kanareninsel half ihr nicht. Sie kam wegen der Inzidenzzahlen von Teneriffa und Gran Canaria mit in Sippenhaft, ein weiterer Tiefschlag für die Tourismusbranche. Und auch mir verging am Ende des Jahres das Lachen. Ich wurde am 30. Dezember krank, nein, kein Corona. Als ich mich mit meiner pinkfarbenen Wärmflasche aus den 90-ern auf das heimische Sofa zurückzog, fiel mein Blick auf die Aufschrift „Coronation“. Wie gut, dass ich nicht abergläubisch bin. Oder muss ich mir jetzt vielleicht doch Sorgen wegen der Menschen machen, die der offiziellen Warnung zum Trotz Neujahr in den Schnee nach Winterberg oder in den Harz gefahren sind? Von Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach ihrem Beweggrund gefragt, antworteten sie: Sie wollten mit ihren Kindern einfach nur an die frische Luft.

Was ich mir für 2021 wünsche? Dass wir keine Corona-Nation werden, Covid-19 und sämtliche Mutationen die Kurve kratzen, Karl Lauterbach nirgendwo mehr öffentlich auftritt und wenn doch, dann mit der deutschen Synchronstimme von Robert Redford.

Bildquellen

  • Kein Fall für Corona, Copyright Textpublik: Susan Tuchel, Textpublik
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