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Quergedacht: Die Tuchel-Kolumne: Im Lockdown über die Stränge schlagen?

Eine Acht-Menschen-Feier in einer Düsseldorfer Apotheke, eine Büroparty in Dortmund und ein Friseursalon in einem Keller in Neuwied – es entsteht offensichtlich so etwas wie eine Untergrundbewegung sowie ein coronabedingter „Schwarzmarkt“. Als Drehbuchautor würde ich mir jetzt eine Filmhandlung überlegen, die an die amerikanischen Gangsterfilme zur Zeit der Prohibition in den 1920er und 1930er Jahren erinnert. Damals ging es allerdings um ein staatlich verordnetes Alkoholverbot. Hier und heute geht es um Vorschriften, die Regeln heißen. Per definitionem werden Regeln aufgrund von Erfahrungen und Erkenntnissen in Übereinkunft festgelegt. Das erklärt, warum es immer neue Regeln gibt. Eben weil sich die Erfahrungen und Erkenntnisse mit dem SARS-CoV-2-Virus und seinen Mutationen täglich ändern und der Lernprozess der Virologen und Epidemiologen weitergeht. Die Regeln für die Bevölkerung werden dann in enger Abstimmung der Experten mit den Politikern in der Regel ohne parlamentarische Beratung aufgestellt. Das ist gut so, denn vermutlich hätte der eine oder andere die Sinnhaftigkeit eines Verbots von Reitunterricht in riesigen Hallen oder die Schließung von Tennishallen hinterfragt. Ich kann die meisten Vorschriften nachvollziehen, bin mir aber nicht sicher, ob durch die 2:1-Regel befreundete Ehepaare oder Lebenspartnerschaften nicht benachteiligt werden.

Vier sind einer zu viel

Wer nun beim Dreierspaziergang nicht dabei sein darf, kann auch etwas Schönes machen. Er kann zu Hause mit sich selber spielen. Die Spielebranche hat entdeckt, dass man nicht nur allein puzzeln kann, sondern sich auch ganz allein mit dem einen oder anderen Spiel vergnügen kann. Es bleibt jedoch bei der Bezeichnung Gesellschaftsspiel, weil man diese Spiele auch noch mit anderen, sogar fremden Menschen spielen könnte. Am homo ludens verdienen die Spieleverlage gut. 25 Millionen Brettspiele wurden im letzten Jahr verkauft und bescherten der Branche in diesem Sektor ein Umsatzplus von 22 Prozent.

Nun will nicht jeder spielen, um sich die Zeit zu vertreiben. Dem einen oder anderen fällt bei Stressabbau und Entspannung auch die Alternative Sex ein. Den kann man auch mit sich allein ausmachen, wird aber kulturell bedingt hierzulande in weiten Kreisen in Zweierkonstellationen ausgeführt. Auch hier fordert Corona den Menschen einiges ab. Eltern oder Leute mit Kindern können die Sprösslinge nicht mal eben vor die Tür oder ins Kino schicken. Und wer zur Seelen- oder Ehehygiene (welch ein Wort in diesen Zeiten!) hin und wieder ein entsprechendes Etablissement aufgesucht hat, steht jetzt vor verschlossenen Türen. Und womöglich bleiben die Bordelle auch weiterhin unfrequentiert, wenn das Nordische Modell sich bei uns durchsetzt.

Mit und in Zeiten von Corona lassen sich Dinge vor- und durchdenken, an die sich sonst niemand gewagt hätte. Mir fällt da auch die Flugbranche ein, die jetzt ohnehin am Boden liegt. Der geeignete Zeitpunkt, um wegen des Klimawandels über limitierte Flugkontingente pro Bürger nachzudenken, wäre genau jetzt. In Deutschland hat der innerdeutsche Luftverkehr einen Anteil von 0,3 Prozent an den CO2-Emissionen (Zahlen der Internationalen Energieagentur 2019).

Aber Bauernopfer müssen sein, denn an den Straßenverkehr, der mit 21,3 Prozent an den CO2-Emissionen hierzulande beteiligt ist, möchte man nun wirklich nicht ran. Denn wo bin ich sicherer als allein mit meiner Maske im Auto?

Susan Tuchel

 

 

Susan Tuchel, Journalistin, Autorin und PR-Beraterin in Düsseldorf, nimmt gesellschaftliche Trends, politische und wirtschaftliche Entwicklungen ins Visier. Ihre Kolumne, mal sachlich und nüchtern, mal emotional oder scharfzüngig, erscheint exklusiv jeden ersten Montag im Monat bei business-on.

 

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