Interview mit Mateusz Witjes, Deutschlandchef von Ankorstore

Eine Digitalisierung des Geschäftsmodells kleiner und mittlerer Händler scheitert bisweilen an Expertise, Liquidität, Angebot und konkurrenzfähigen Preisen. Beim Thema Expertise bringt sich jetzt ausgerechnet Amazon medienwirksam als uneigennütziger Retter des Einzelhandels ins Spiel. Doch gibt es nicht noch andere Möglichkeiten für den Handel? Kann der totgeglaubte stationäre Einzelhandel womöglich wie der Phönix aus der Asche steigen? Zu diesem Thema haben wir mit Mateusz Witjes, Deutschlandchef vom französischen B2B Startup Ankorstore gesprochen.
business-on.de: Herr Witjes, Sie sind Deutschlandchef des französischen Startups Ankorstore, das kurz gesagt Händler und Marken zusammenbringt. Erklären Sie uns das Business Model bitte etwas genauer.
Mateusz Witjes: Ankorstore ist als Plattform ziemlich leicht erklärt. Wir forcieren die Revolution des B2B Marktes, der sich die letzten Jahrzehnte etwas störrisch und stockend verhielt. Hier sind wir Schritte gegangen, die ich aus meiner persönlichen Erfahrung als wichtig betrachte und deren Lorbeeren wir heute wahrnehmen dürfen.
1. Wir ermöglichen geringere Mindestbestellmengen
Händler sind es gewohnt über diverse Plattformen beim Produktkauf hohe Mindestbestellmengen erwerben zu müssen. Wir machen das anders. Der Mindestbetrag ist bei uns mit 100 € definiert; bei einem markenübergreifenden Einkauf von über 300 € belohnen wir den Händler mit kostenlosem Versand.
2. Wir vereinfachen Kaufprozesse
Ein Kauf kommt einem Vertragsgespräch zwischen Händler und Hersteller gleich. Während man früher noch – beim Kauf von mehreren Marken – mit jedem einzelnen Hersteller einen Vertrag abschließen musste, gibt es bei uns über den Multishop-Checkout die Möglichkeit aus mehreren Marken gleichzeitig zu bestellen und damit mit einem Klick bspw. 20 Bestellungen abzuschließen.
3. Wir garantieren Zahlungen
Die Handelsmarke wird von uns persönlich bei Warenerhalt bezahlt und die Händler bekommen einen 60tägigen Zahlungsaufschub. Somit profitieren hier alle Parteien und wir eliminieren ausnahmslos das Konfliktpotenzial. Außerdem bieten wir die Bezahlung per Skonto, das sich gerade in Deutschland als sehr beliebtes Zahlungsmittel bei uns herausstellt.
business-on.de: Aktuell sitzen Sie in Paris. Wie managen Sie unter den erschwerten Corona-Bedingungen den Deutschland Launch des Unternehmens? Ist ein Umzug nach Deutschland geplant?
Mateusz Witjes: Als wir im Februar diesen Jahres Ankorstore in Deutschland gelauncht haben, konnten wir nicht von den massiven Einschränkungen durch Covid 19 rechnen. Die Karten wurden neu gemischt. Um näher an unseren Deutschen Marken und Einzelhändler zu sein, planen wir noch in diesem Jahr ein Büro in Deutschland zu eröffnen, um noch näher am Ball zu sein. Wir suchen immer den direkten Austausch mit den Einzelhändlern und entwickeln unsere Productfeatures auf deren Probleme hin, sodass sie sich z.B. mehr auf die Einrichtung des Ladens fokussieren können. Auch der direkte Draht zu unseren Marken ist für uns noch wichtiger geworden. Sicherlich kann man sich auch über Zoom unterhalten. Ein persönlicher Austausch, sowie die Mimik und Gestik, kann jedoch so nicht ersetzt werden. Innerhalb unseres Unternehmens erhalten wir den Informationsfluss durch Slack, Videocalls (wir kennen uns bereits gut) oder auch persönliche Besuche in Paris aufrecht.
business-on.de: Der Einzelhandel ist von der Krise besonders getroffen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?
Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?

Mateusz Witjes: Grundsätzlich sehen wir die heutige Krise als Herausforderung und nicht als Bürde an. Wir betrachten sie im Grunde sogar als enorme Chance, da laut Capgemini und IFH Köln immer mehr Kunden Wert auf nachhaltige und regionale Produkte legen: Die Frage, die sich langfristig jeder Verbraucher stellen muss, ist: Wollen Sie jegliche Waren nur noch über Amazon bestellen oder auf Made in China setzen? Wir wollen den lokalen Handel stärken! Felsenfest bin ich davon überzeugt, dass ein Großteil der Verbraucher das auch will. Durch Corona ist dem Einzelhandel bewusst geworden, dass er sich verändern muss. Wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen. So knallhart ist dies aktuell leider auch im Einzelhandel. Unsere Online Lösung verhilft dem Einzelhändler zu verbessertem Cashflow und Flexibilität. Wodurch? Durch die erwähnten geringeren Mindestbestellwerte und das verlängerte Zahlungsziel von 60 Tagen. In diesen 2. Monaten kann der Einzelhändler seine Waren bereits verkaufen, bevor er sie überhaupt bezahlt hat! Daher beobachten wir die Lage weiterhin gespannt. Ich habe jedoch schon mal für mich entschieden, dieses Jahr meine Weihnachtsgeschenke beim Concept Store meiner Wahl zu kaufen.
business-on.de: Traditionell sind für den Handel Messen von hoher Bedeutung. In diesem Jahr finden sie jedoch aufgrund der Pandemie größtenteils nicht statt. Wie hart trifft das den Einzelhandel? Bietet sich in der Krise vielleicht auch eine Chance, das Konzept der immer größer und teurer werdenden Messen zu überdenken und zukunftsgewandte Alternativen zu entwickeln? Wie sehen Sie diesbezüglich die Zukunft?
Mateusz Witjes: Als Fußballfan ist diese Frage für mich wie ein Elfmeter. Ich finde traditionelle Messen absolut nicht mehr zeitgemäß und schlichtweg zu teuer! Man investiert viel Zeit und Geld in die Messevorbereitung, die Opportunitätskosten sind immens (die Mitarbeiter könnten in der Zeit produktiver sein als sich die Beine in den Bauch zu stehen) und der Return on Invest ist bei Berücksichtigung einer Vollkostenrechnung oft negativ. Außerdem ist es auch fragwürdig, ob man sich wegen einer Messe der Gefahr der Ansteckung mit Covid 19 aussetzen möchte. Die Zukunft sehen wir hier in Onlinemessen. Stellen Sie sich doch eine Messe ohne Fixkosten vor? Vom 3. bis zum 6. September veranstaltet Ankorstore so eine Messe, genauer gesagt eine europaweite Digitalmesse, komplett ohne Investitionskosten! Diese Veranstaltung wird Tausenden von Einzelhändlern und Marken, für die Messen traditionell ein wichtiges vertriebliches Element darstellen, eine digitale Lösung bieten. „Persönliche“ oder „direkte“ Beziehungen sollen durch diverse Funktionen ebenfalls abgebildet werden. Außerdem sind sie nur mit der Messe beschäftigt, wenn ein Einzelhändler auch tatsächlich ein Meeting bucht. Sollte man also nicht gerade in einem Videocall oder Chat stecken, kann man ohne Probleme andere Dinge und Projekte weiter vorantreiben.
- Titelbild: Bild von StockSnap auf Pixabay
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