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Interviews

Interview mit Tremonia-Geschäftsführer, Sascha Lange: „Wir leisten immer noch Missionarsarbeit!“

Zeitarbeit: Obwohl die Beschäftigungsform Unternehmen Flexibilität garantiert und hunderttausenden Menschen zu einem schnellen Einstieg in die Arbeitswelt verhilft, hat die Branche mit starken Vorurteilen zu kämpfen. Business-on.de sprach mit Sascha Lange, Geschäftsführer der Dienstleistungsgesellschaft Tremonia über wirtschaftliche Herausforderungen und politische Einschränkungen.

Tremonia

Auch wenn die Geschichte der Zeitarbeit weiter zurückgeht, so wurden im Jahre 1972 durch die Einführung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) die gesetzlichen Grundlagen für die Zeitarbeit in Deutschland geschaffen. Heute arbeiten rund 852.000 Menschen –drei Prozent der Sozialversicherungsbeschäftigten – in Deutschland in der Personalbranche auf Zeit. Davon sind 1.700 Menschen bei der Tremonia Dienstleistungsgesellschaft mbH unter Vertrag – die meisten von ihnen unbefristet. Das Unternehmen mit Sitz in Köln sowie zahlreichen Niederlassungen in Deutschland zählt zu den größten Betrieben der Zeitarbeitsbranche. 

Die meisten Menschen finden in Folge der Arbeitslosigkeit zur Zeitarbeit, der Großteil aller Beschäftigten bleibt oder wechselt gar zum Auftraggeber-Unternehmen in ein Arbeitsverhältnis. Die Branche der Zeitarbeit boomt – trotz oder gerade wegen politischer Regulierungen wie aktuell der Mindestlohn oder die geplante Höchstüberlassungsdauer. „Arbeitskräfte werden immer gesucht“, ist sich Sascha Lange, Geschäftsführer von Tremonia sicher. Zeitarbeit hilft Unternehmen, flexibel zu bleiben und durch die Inanspruchnahme von Personaldienstleistern schnell auf verschiedene wirtschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Mit Business-on.de sprach Lange über die Herausforderungen der Personaldienstleistungsbranche sowie die Vorurteile der Zeitarbeit.

Business-on.de: Das Unternehmen Tremonia besteht seit 1981 erfolgreich auf dem Markt, und zählt derzeit 18 Niederlassungen in Deutschland; pro Jahr sind drei bis vier Neueröffnungen geplant – was für ein kontinuierliches Wachstum des Unternehmens spricht. Herr Lange, welche Faktoren sind Ihrer Meinung nach ausschlaggebend für die wirtschaftlich gute Aufstellung?

Sascha Lange: Der Erfolg setzt sich zusammen aus der Sicherheit, die wir zum einen unseren Mitarbeiten bieten, zum anderen aus der Flexibilität von Arbeit, die unseren Kunden gewährleistet wird. Unsere Mitarbeiter erhalten bei Tremonia auf Wunsch einen unbefristeten Arbeitsplatz mit den Sozialleistungen eines großen Unternehmens, finden schnell und unkompliziert den Einstieg in die Arbeitswelt, wo wir ihnen mittels vieler Einsätze ihrer Qualifikation entsprechend wertvolle Erfahrungen zusichern können. So werden berufliche Chancen verbessert. Unsere Mitarbeiter schätzen zudem die Möglichkeit zwischen Teilzeitbeschäftigung, befristeten und unbefristeten Arbeitsverträgen. Zum Beispiel Studenten und Schüler oder Hausfrauen können bei uns bis zu drei Monate lang sozialversicherungsfrei arbeiten. Unternehmen helfen wir flexibel zu bleiben. Indem Mitarbeiter nach Bedarf eingesetzt werden, bleibt mehr Spielraum, um auf verschiedene wirtschaftliche Herausforderungen zu reagieren. Zusätzlich werden nur die effektiv geleisteten Arbeitsstunden der Mitarbeiter gezahlt. Urlaubsgeld, Entgeltzahlungen im Krankheitsfall und Sozialabgaben übernimmt Tremonia. Ein wirtschaftliches Risiko besteht demnach für unsere Kunden nicht.

„Zeitarbeit macht nur einen kleinen Anteil des Wirtschaftsgefüges aus und wird doch mit am stärksten gehemmt“

Business-on.de: Gleichzeitig hat die Zeitarbeitsbranche jedoch mit hartnäckigen negativen Vorurteilen zu kämpfen…

Sascha Lange: Richtig. Sowohl von der Gesellschaft als auch seitens der Politik wird die Branche seit jeher mit Argusaugen beobachtet. Die Vermittlung billiger, unqualifizierter Arbeitskräfte wie auch eine Verdrängung von Festarbeitsplätzen wird der Branche vorgeworfen. Hinzu kommen etliche politische Regulierungen, die die Personaldienstleistungsbranche einschränken. Dabei macht die Zeitarbeit nur einen sehr kleinen Anteil der Sozialversicherungsbeschäftigten aus und wird doch mit am stärksten gehemmt. Gerade einmal zwei bis drei Prozent der Gesamtbeschäftigten in Deutschland sind Zeitarbeiter. Man müsste meinen, es gäbe größere Fische, um die sich Wirtschaft und Politik kümmern sollte.

Business-on.de: Welche gesellschaftlichen Veränderungen, beziehungsweise politischen Entscheidungen hat die Branche in den vergangenen Jahrzehnten am stärksten ge-/betroffen?

Sascha Lange: Im Prinzip reicht es, ein Jahrzehnt zurückzugehen: 2004 wurde das Synchronisationsverbot aufgehoben und eine unbefristete Arbeitnehmerüberlassungsdauer verfügt. Hierfür wurde der Branche über die Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) „equal payment“, also die gleiche Entlohnung der Zeitarbeiter wie die Stammmitarbeiter des Kundenbetriebes vorgegeben. Davon konnte nur im Falle eines Tarifvertrages abgewichen werden (die sogenannte Tariföffnungsklausel). Dies führte dazu, dass Arbeitgeberverbände der Zeitarbeit entstanden und die Branche mehr und mehr „organisiert“ wurde. Arbeitnehmer der Branche konnten davon ausgehen, gemäß eines Tarifvertrages ihrer Branche entlohn zu werden. Die Einführung von Branchentarifverträgen führte dazu, dass die Vorurteile gegenüber den Personaldienstleistern abnahmen und die Branche nicht zuletzt durch die Arbeitgeberverbände positiv in der Politik und der Gesellschaft wahrgenommen wurde.

Business-on.de: Beurteilen Sie politische Regulierungen generell als hinderlich für die wirtschaftliche Entwicklung der Personaldienstleistungsbranche?

Sascha Lange: Sie schaffen auf jeden Fall ein hohes Maß an Verunsicherung. In punkto Tariföffnungsklausel und die begrenzte Überlassungsdauer von nunmehr 18 Monaten wird der Branche und letztendlich den Beschäftigten mehr geschadet als genützt.
Grundsätzlich gilt in der Zeitarbeit „equal payment“, spätestens nach neun Monaten in einem Betrieb sollte das Lohnniveau eines Zeitarbeiters mit denen der Festangestellten gleichgesetzt sein. Das ist richtig so. Aber der Leitspruch „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ ist schlicht eine falsche Kommunikation.
Ebenso die gezwungene Übernahme eines Zeitarbeitnehmers nach einem 18monatigen Einsatz sorgt für wirtschaftliche Unsicherheit und hat zur Folge, dass Verträge nach Ablauf der Frist abgebrochen werden, obwohl man mit dem Personal zufrieden war. Das gefährdet auch die Integration des Zeitarbeitpersonals ins Team der Festangestellten. Letztendlich erschwert die Höchstüberlassungsdauer Vertretungen bei Familienpflegezeit, Elternzeit oder längeren Erkrankungen erheblich. Somit werden die Wiedereinstiegschancen am Arbeitsmarkt weiter verringert.

Business-on.de: Umstritten war in punkto politischer Einschränkungen insbesondere der Mindestlohn, der seit diesem Jahr gesetzlich vorgeschrieben ist.

Sascha Lange: Sicherlich. Jedoch sehe ich die Zukunft der Zeitarbeit nicht vom Mindestlohn tangiert. Vor allem da wir bereits zum 1. Januar 2014, also ein ganzes Jahr vor einer bundesweiten Richtlinie, den Mindestlohn branchenintern durchgesetzt haben. Dies bezüglich gab es seitens der Kunden keine Kritik. Im Gegenteil, was die Wertschätzung der Arbeitnehmer sowie der geleisteten Arbeit angeht, hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Früher war es der Anspruch der Unternehmen schnell an günstige Arbeit zu kommen. Heute hingegen steht die Auftragserfüllung im Fokus. Unternehmen müssen ihr Auftragsvolumen zuverlässig abarbeiten können. Dafür wird Personal gebraucht, das flexibel einsetzbar ist und qualitativ hochwertige Arbeit leistet. Alleine schon deswegen muss die Zeitarbeit mehr zahlen, als es in anderen Branchen üblich oder notwendig ist.
Zudem hilft der Mindestlohn enorm, die bereits angesprochenen Vorurteile abzubauen.

„Zeitarbeit ist ein wichtiges Instrument der Flexibilität und spricht nicht gegen Langfristigkeit“

Business-on.de: Stichwort „Flexibilität“: Wie lässt sich dieser Anspruch mit der gewünschten langfristigen Planung der Unternehmen vereinbaren?

Sascha Lange: Ich sehe dies bezüglich keinen Widerspruch. Die Wirtschaft braucht Flexibilität. Eben auch um langfristig planen und wachsen zu können. Und Zeitarbeit ist ein wichtiges Instrument der Flexibilität.
In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass es bei den über Tremonia gebuchten Aufträgen meistens nicht um temporäre Anfragen geht. Früher konnte es vorkommen, dass ein Mitarbeiter auf fünf verschiedene Einsätze im Monat kam. Heute setzen Unternehmen Mitarbeiter langfristig ein. Jahresverträge sind mittlerweile der Standard. Gerade auch deswegen sehe ich die Pläne der Bundesregierung, die Zeitarbeit stärker gesetzlich zu regulieren, als einen großen Nachteil für Unternehmen und Beschäftigte an. Ins Team integrierte Mitarbeiter sind nicht so einfach zu ersetzen und sollten es auch nicht sein.

Business-on.de: Welche Bedeutung hat die digitale Revolution für die Personaldienstleistungsbranche?

Sascha Lange: Grundsätzlich sehe ich den Veränderungen positiv entgegen, wobei ich mich mit dem Begriff „Revolution“ schwer tue. Sicherlich hat die mit dem Internet einhergehende Mobilität viel verändert – vor allem im Bereich der Kommunikation. Allerdings ging es auch ohne Email oder Smartphone. In der Zeit konnten Unternehmen sicherlich ebenso wirtschaftlich erfolgreich agieren wie unter den heutigen Voraussetzungen, auch wenn die neuen Möglichkeiten vieles einfacher und auf Geschäftsebene ehrlicher sowie transparenter machen.
Auf der anderen Seite wurde früher mehr miteinander gesprochen. Emails und soziale Netzwerke haben ein großes Stück der verbalen Kommunikation ersetzt. Zudem habe ich eine Abneigung gegen die mit der Mobilität einhergehend ständige Erreichbarkeit. Der Druck, zu jeder Zeit auf Abruf reagieren zu können oder gar zu müssen, ist auf Dauer ein Problem. Dem sollen sich meine Mitarbeiter beispielsweise nicht stellen müssen. Nach erledigter Arbeit muss es eine Zeit für die Familie, beziehungsweise den privaten Ausgleich geben, die nicht von einer Geschäftsanfrage unterbrochen werden kann.

 

Katharina Loof

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