„Dreigroschenoper“ am Münchner Volkstheater mit minutenlangem Applaus gefeiert
Es ist ein Grusel- und Kuriositätenkabinett wie in einer Geisterbahn oder im Traditionsvarieté Schichtl auf dem Oktoberfest: Fünf schaurige Kreaturen bevölkern als „Grundtypen des Elends“ die Welt des Bettlerkönigs Peachum und geistern stumm durch den Theaterabend.
In Christian Stückls Inszenierung von Brechts „Dreigroschenoper“ am Münchner Volkstheater treiben Peachum und Gangsterboss Mackie Messer in einem Schaustellerkosmos ihr Unwesen.
Die Premiere der packenden und ideenreichen Inszenierung wurde vom Publikum am Samstagabend minutenlang stürmisch gefeiert. Intendant Stückl hat für seine einzige Neuinszenierung am Volkstheater in der laufenden Spielzeit Stefan Hageneier vom Bayerischen Staatsschauspiel für die Bühne und Kostüme geholt, mit dem er bereits bei den Passionsspielen in Oberammergau zusammengearbeitet hat. Zusammen schufen sie einen zeitlosen, farbenfrohen und sehr sinnlichen Kosmos für Brechts Geschichte. Die Inspiration dazu kam Stückl in Indien: auf einem Rummeplatz vor einer Geisterbahn mit echten Menschen als Gespenstern.
Große Brüste und Zirkuskostüme
Peachum (Stefan Ruppe) stolziert wie ein Zirkusdirektor oder Kapellmeister durchs Leben und versucht sich zwischendrin auch mal als Messerwerfer. Die Polizisten wurden mit Bobby-Uniformen ausgestattet, die goldgewandeten Huren mit großen Kunstbrüsten. Mackies Gangsterbande besteht aus fünf Männern mit Schnauzern und nach hinten gegelten Haaren. Polly wandelt sich während des Stücks vom Mauerblümchen in bis obenhin zugeknöpfter Bluse zur selbstbewussten Verbrecherchefin im rosa Tutu. Selbst die Musikband „Alien Combo“ um Micha Acher von der Indi-Gruppe The Notwist marschiert in orangefarbenen Zirkuskostümen auf und wird immer wieder mit in das Geschehen einbezogen.
Stückl musste sich nach eigenen Angaben bei den Proben erst gar nicht gegen Bilder aus anderen Inszenierungen der „Dreigroschenoper“ wehren: „Ich selber habe sie persönlich noch niemals gesehen“, verriet der Intendant vor der Premiere. Wenn man alle deutschen Theater im Blick habe, werde das Stück zwar oft gespielt. In München aber sei die „Dreigroschenoper“ schon seit vielen Jahren nicht mehr zu sehen gewesen: „Da gehört sie mal wieder her.“
Gags und Überraschungen
Die mehr als dreistündige Inszenierung sprüht vor Ideen, Gags und kleinen Überraschungen. Insbesondere die erste Hälfte der Inszenierung kommt außerordentlich temporeich und kurzweilig daher. Es wird geraucht und gesoffen, gesungen und getanzt, geschossen und geliebt. Behutsam lässt der Regisseur auch Sprachwitz und Situationskomik einfließen.
Die überwiegend jungen Schauspieler überzeugen über weite Strecken, allen voran Sybille Lambrich als Polly Peachum, die insbesondere mit ihrem Gesang aus dem insgesamt nicht besonders stimmkräftigen Ensemble heraussticht. Tobias van Dieken unterhält als korrupter Polizeichef Brown im Gentleman-Outfit, Pascal Fligg gibt einen unberechenbaren Mackie Messer, in den Nebenrollen begeistert unter anderen Thomas Kylau als durchgeknallter Pfarrer und als bestechlicher Konstabler.
Für das Volkstheater zeichnet sich jetzt schon ab, dass die aufwendige Inszenierung zur Erfolgsgeschichte werden dürfte: Bislang verzeichnet das Haus eine Rekordnachfrage nach Karten, alle bisher angesetzten zwölf Vorstellungen sind bereits ausverkauft.
dapd-bay/ Petr Jerabek
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