Rechtssicher wachsen: Rechtsanwalt Emanuel Kauf über die häufigsten juristischen Stolperfallen für den Mittelstand

Wachstum ist das Ziel der meisten mittelständischen Unternehmen. Doch mit steigenden Umsätzen, neuen Mitarbeitern und größeren Aufträgen wachsen auch die juristischen Risiken. Was gestern noch unproblematisch war, kann morgen zu einer teuren Haftungsfalle werden. Wie können sich Unternehmerinnen und Unternehmer wappnen, ohne von Paragrafen gelähmt zu werden? Wir von business-on.de sprachen mit Rechtsanwalt Emanuel Kauf, Partner der Rechtsanwaltskanzlei in Ingolstadt Rechtsanwälte Kauf Neureither Keller PartGmbB, über die typischen Stolperfallen und wie eine proaktive Rechtsberatung den Weg für nachhaltiges Wachstum ebnet.
business-on.de: Herr Kauf, viele Mittelständler konzentrieren sich voll auf ihr operatives Geschäft. Rechtliche Themen werden oft erst dann angegangen, wenn es ein konkretes Problem gibt. Warum ist diese reaktive Haltung gerade in Wachstumsphasen so gefährlich?
Emanuel Kauf: Diese Haltung ist menschlich verständlich, aber betriebswirtschaftlich riskant. Ein Unternehmen ist wie ein Gebäude: Solange es klein ist, mag ein einfaches Fundament genügen. Wenn Sie aber aufstocken wollen – also wachsen –, müssen Sie zuerst das Fundament verstärken. Andernfalls droht das ganze Gebilde instabil zu werden. In der Unternehmenswelt ist dieses Fundament die rechtliche Struktur. In der Gründungsphase werden oft formlose Verträge geschlossen und Haftungsfragen ignoriert. Sobald aber mehr Mitarbeiter, größere Kunden und höhere Summen ins Spiel kommen, potenzieren sich die Risiken. Ein nicht sauber formulierter Arbeitsvertrag, eine unklare Klausel im Liefervertrag oder eine Lücke im Datenschutz können dann von einem kleinen Ärgernis zu einer existenzbedrohenden Forderung werden. Proaktive Rechtsberatung ist daher keine Ausgabe, sondern eine Investition in die Stabilität und den Wert des Unternehmens.
business-on.de: Aus Ihrer Praxiserfahrung: Was sind die Top 3 der häufigsten juristischen Fehler, die wachsenden Mittelständlern unterlaufen?
Emanuel Kauf: An erster Stelle steht ganz klar das Arbeitsrecht. Die Einstellung neuer Mitarbeiter geschieht oft unter Zeitdruck. Dabei werden veraltete Musterverträge verwendet oder mündliche Zusagen gemacht, die später rechtlich nicht haltbar sind. Themen wie Befristungen, Überstundenregelungen oder die Abgrenzung zur Scheinselbstständigkeit bei Freelancern sind klassische Stolperfallen. An zweiter Stelle sehe ich das Vertragsrecht, insbesondere lückenhafte oder fehlende Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB). Viele Unternehmen kopieren AGB von Wettbewerbern, ohne zu verstehen, dass diese individuell auf das eigene Geschäftsmodell zugeschnitten sein müssen. Das führt zu unwirksamen Klauseln, die im Streitfall keinen Schutz bieten. Der dritte große Bereich ist die Unternehmens-Compliance, allen voran die DSGVO. Viele Mittelständler haben zwar eine Datenschutzerklärung auf ihrer Website, aber die internen Prozesse zur Datenverarbeitung, wie das Führen von Mitarbeiterakten oder das Management von Kundendaten, sind oft nicht konform. Die Bußgelder sind hier bekanntlich empfindlich hoch.
business-on.de: Sie nannten das Arbeitsrecht an erster Stelle. Angenommen, ein Unternehmen mit 10 Mitarbeitern plant, auf 30 aufzustocken. Was sind die dringendsten arbeitsrechtlichen Hausaufgaben?
Emanuel Kauf: Der Sprung über die Schwelle von zehn Mitarbeitern ist entscheidend, denn ab dann gilt in der Regel der allgemeine Kündigungsschutz in vollem Umfang. Das bedeutet, eine Kündigung muss sozial gerechtfertigt sein. Das Management muss sich also intensiv mit den Anforderungen des Kündigungsschutzgesetzes auseinandersetzen. Zweitens müssen die Arbeitsverträge standardisiert und rechtssicher gemacht werden. Ein Vertrag für alle passt selten. Man braucht klare Regelungen für verschiedene Mitarbeitergruppen – etwa zwischen Vertriebsaußendienst, IT und Verwaltung. Drittens sollte ein einfaches, aber klares System für interne Richtlinien etabliert werden, beispielsweise zur Nutzung von Firmen-Laptops oder zum Umgang mit dem Internet am Arbeitsplatz. Dies schafft Klarheit und vermeidet spätere Konflikte. Und nicht zu vergessen: die mögliche Gründung eines Betriebsrats wird mit steigender Mitarbeiterzahl wahrscheinlicher und sollte vorausschauend bedacht werden.
business-on.de: Ein weiteres von Ihnen genanntes Stichwort ist die DSGVO. Ist das nach all den Jahren immer noch eine so große Hürde?
Emanuel Kauf: Absolut. Die DSGVO ist keine einmalige Aufgabe, die man abhakt, sondern ein dauerhafter Prozess. Mit dem Wachstum eines Unternehmens wächst auch die Menge der verarbeiteten Daten exponentiell. Es kommen neue Software-Tools hinzu, neue Marketing-Aktivitäten werden gestartet, mehr Mitarbeiterdaten müssen verwaltet werden. Jede dieser Erweiterungen muss datenschutzrechtlich bewertet werden. Die größten Fehler sehen wir bei der Implementierung neuer CRM-Systeme oder bei internationalen Datentransfers, etwa durch den Einsatz von US-Softwareanbietern. Hier fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass für jeden neuen Prozess eine Rechtsgrundlage und gegebenenfalls eine Datenschutz-Folgenabschätzung notwendig ist. Es ist ein lebendes Thema, das bei jeder strategischen Entscheidung mit am Tisch sitzen muss.
business-on.de: Wie kann ein Mittelständler, der sich keine eigene Rechtsabteilung leisten kann, diese wachsende Komplexität managen? Welchen Rat geben Sie Mandanten, um rechtssicher zu wachsen?
Emanuel Kauf: Der Schlüssel liegt darin, externe Berater nicht als Feuerwehr für Notfälle, sondern als strategische Partner zu sehen. Es geht nicht darum, für jede E-Mail einen Anwalt zu fragen. Es geht darum, gemeinsam ein rechtliches Grundgerüst zu schaffen. Das beginnt mit einem „Legal Health Check“, bei dem wir die bestehenden Strukturen analysieren: Sind die Gesellschaftsverträge noch passend für die aktuelle Größe? Sind die Arbeitsvertragsmuster aktuell? Sind die AGB wasserdicht? Basierend darauf entwickeln wir standardisierte Prozesse und Vorlagen, mit denen das Unternehmen im Alltag sicher arbeiten kann. Für strategische Weichenstellungen, wie einen großen Kooperationsvertrag oder die Planung einer neuen Produktlinie, wird der externe Partner dann gezielt hinzugezogen. Dieses Modell einer „externen Rechtsabteilung“ ist für den Mittelstand deutlich kosteneffizienter und bietet dennoch die nötige Sicherheit, um sich auf das Kerngeschäft konzentrieren zu können: das Wachstum.
business-on.de: Herr Kauf, wir danken Ihnen für diese klaren und praxisnahen Einblicke.
Emanuel Kauf: Sehr gerne. Wenn Unternehmer die rechtliche Absicherung als integralen Bestandteil ihrer Wachstumsstrategie begreifen, haben sie den wichtigsten Schritt bereits getan.
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