Wirtschaft·
business-on.de Redaktion
business-on.de Redaktion
·
7. Juli 2022

Die Zukunft der Apotheken

business-on.de: Der Apothekenwirtschaftsbericht für 2021 wies ein sattes Umsatzplus von 2,5 Milliarden Euro aus, das durch pandemiebedingte Sonderausgaben erzielt wurde. Was spielte sich in den Apotheken in dem zweiten Pandemiejahr ab?

Nadine Freialdenhoven: Viele Bürger haben sich mit Arzneimitteln eingedeckt. Das führte zu Lieferengpässen, z. B. bei dem Schmerzmittel Paracetamol, das als Saft oder Zäpfchen Kindern gegen Fieber gegeben wird. Viele Apotheken hatten plötzlich Schwierigkeiten, Kinder zu versorgen. Parallel mussten wir alle Kräfte bündeln, um dem Ansturm auf Hilfsmittel wie Masken und Handschuhe Herr zu werden. Wir haben innerhalb kürzester Zeit Tonnen an Desinfektionsmitteln hergestellt, weil alle Hersteller nicht mehr lieferbar waren. Wir befinden uns immer noch ein einem Ausnahmezustand, weil viele Arzneimittel, z. B. gegen hohen Blutdruck, noch immer nicht lieferbar sind. Wir betreiben einen hohen Aufwand, suchen nach Alternativen, Rezepte müssen in den Praxen umgeändert werden.

business-on.de: Leistungen, die die Apotheken für die Allgemeinheit erbracht haben, wurden mit dem Bundesamt für Soziale Sicherung (BAS) abgerechnet. Was waren das für Leistungen?

Nadine Freialdenhoven: Die Apotheken haben im Zeitraum von Dezember 2020 bis April 2021 etwa 440 Millionen Schutzmasken abgegeben. Ab April 2021 kamen etwa 100 Millionen COVID-19-Impfdosen hinzu, die wir an Arztpraxen, Impfteams und an den öffentlichen Gesundheitsdienst geliefert haben. Ab Juni 2021 haben die Apotheken etwa 97 Millionen Impf- und Genesenenzertifikate ausgestellt. Seit Februar 2022 haben Apotheken auch mit den COVID-19-Impfungen begonnen. Auch ich habe in allen meinen Apotheken geimpft und werde in diesem Herbst meinen Kunden auch Grippeschutzimpfungen anbieten.

business-on.de: Der stationäre Handel musste den Lieferdienst in der Pandemie erst noch erfinden, die Apotheken nicht …

Nadine Freialdenhoven: Botendienste waren schon immer unser Dienst am Kunden. In 2021 haben 42,5 Prozent der Apotheken sogar mehrmals täglich Medikamente frei Haus geliefert. Insgesamt werden täglich 300.000 Botendienste in unserer Branche ausgeführt.

business-on.de: Kann man in 2022 mit einem weiteren Aufschwung für das Apothekenwesen rechnen?

Nadine Freialdenhoven: Kurzum: ja. Der Umsatz wird steigen, weil auch die Preise der Arzneimittelhersteller steigen. Verschreibungspflichtige Arzneimittel unterliegen einer Preisbindung. Allerdings spiegelt ein sattes Umsatzplus nicht den Aufwand wider, den wir in der Apotheke betreiben müssen.
Für das Jahr 2023 wird es schwieriger, weil Gesundheitsminister Karl Lauterbach den Kassenabschlag, also den Rabatt, den wir den Krankenkassen pro verschreibungspflichtigem Arzneimittel geben müssen, von 1,77 Euro auf sehr wahrscheinlich 2,00 Euro angehoben wird. Ein Aufschwung? Eher nicht – Stromkosten erhöhen sich, Benzinpreise auch. Das hat zur Folge, dass die Großhändler uns weitere Kosten in Rechnung stellen. Gleichzeitig unterhalten wir einen Botendienst, sodass die Kosten auch höher im Vergleich zu 2021 sind.

business-on.de: Sie haben vier Apotheken im Rhein-Erft-Kreis und gehören damit zu den 43,9 Prozent der Apotheken in Filialstrukturen. Ist das die Zukunft?

Nadine Freialdenhoven: Natürlich ergeben sich ganz andere Synergieeffekte, wenn ich für vier Apotheken Waren einkaufe oder die Digitalisierung weiter vorantreibe. Ich habe in allen vier Apotheken einen Arzneimittelautomaten, einen Rezeptscanner und ein Warenwirtschaftssystem, das es mir ermöglicht, die Medikamente vorrätig zu haben, die meine Kunden immer wieder verschrieben bekommen.

business-on.de: Laut einer Bitkom-Umfrage liegt der Anteil der Bevölkerung in Deutschland, der regelmäßig Medikamente online kauft, bei 62 Prozent. Bereitet Ihnen das Kopfzerbrechen?

Nadine Freialdenhoven: Meiner Meinung nach werden die Zukunftsperspektiven für Berufe in meiner Branche schwarzgemalt. Dabei sind es die Online-Apotheken, die rote Zahlen schreiben. Eine stationäre Apotheke bietet ihren Kunden einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert, nämlich menschliche Zuwendung und fachliche Beratung. Wir raten nicht nur zu, sondern auch bei bestimmten Medikamentencocktails eindringlich ab.

business-on.de: Suchen Sie Fachkräfte? Auch in Ihrer Branche soll Personalnot herrschen …

Nadine Freialdenhoven: Aktuell ist es so, dass nur noch ein Viertel der zukünftigen Apothekerinnen und Apotheker in einer öffentlichen Apotheke arbeiten möchte. Über ein Drittel des Apothekennachwuchses plant in die Pharmaindustrie abzuwandern. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Berufe Pharmazeutisch-Technische-Assistentinnen (PTA) und Pharmazeutisch-Kaufmännische-Angestellte (PKA).

business-on.de: Wie gehen Sie beim Mitarbeiterrecruiting vor?

Nadine Freialdenhoven: Wir verteilen an PTA-Schulen und in unseren Apotheken Zettel, auf denen wir ermuntern, sich per WhatsApp bei uns zu bewerben. Ganz formlos mit: „Hallo, ich bin PTA, heiße … und würde euch gerne kennenlernen!“ Wir werben viel über Social Media. Außerdem leisten wir uns eine HR-Managerin in den Apotheken, die analog und digital sucht. Die Bewerbungsphase ist also ganz einfach. Dennoch nehmen wir nicht jeden Bewerber bzw. Bewerberin. Wir haben einen mehrstufigen Bewerbungsprozess. Denn die zukünftige Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter müssen zu uns passen. Kundenorientierung und Teamfähigkeit sind für uns mit die wichtigsten Kriterien.

Bildquellen:
    Teilen:
    Weitere Artikel
    mydealz-Alternativen: Welche Schnäppchen-Portale lohnen sich für Selbstständige und kleine Unternehmen?
    Business
    mydealz-Alternativen: Welche Schnäppchen-Portale lohnen sich für Selbstständige und kleine Unternehmen?

    Die beste mydealz-Alternative für Selbstständige ist ein Portal, das Zeit spart: Statt zahlreiche Community-Beiträge zu durchsuchen, finden sie auf kuratierten Schnäppchen-Portalen wie Preis-King eine redaktionelle Vorauswahl für Technik, Büroausstattung und Software. mydealz bleibt mit seiner großen Community stark, verlangt im Arbeitsalltag aber mehr eigene Suche. Welche Plattform zu welchem Bedarf passt und worauf Gewerbekunden achten müssen, zeigt der Vergleich. Für Unternehmer entscheidet sich der Wert eines Deals nicht allein am ausgewiesenen Rabatt. Wer Büro-Technik günstig kaufen möchte, braucht einen passenden Liefertermin, einen verlässlichen Verkäufer und eine Rechnung für die Buchhaltung. Gerade bei gewerblichen Käufen können andere Regeln gelten als beim privaten Einkauf. Ein Deal-Portal hilft bei der Suche; die Prüfung des konkreten Angebots bleibt Teil der Kaufentscheidung.

    13 Min. LesezeitLesen
    Wann lohnen sich GEO-Signale für lokale Lead-Streams?
    Marketing
    Wann lohnen sich GEO-Signale für lokale Lead-Streams?

    Ob ein Unternehmen im regionalen Umfeld wahrgenommen wird oder online unsichtbar bleibt, hängt zunehmend von seiner Präsenz bei lokalen Suchanfragen ab. Handwerksbetriebe, lokale Dienstleister und der stationäre Einzelhandel bemerken die Unterschiede oft unmittelbar an der Zahl eingehender Anfragen. Geografische Signale können darüber entscheiden, ob eine Website bei standortbezogenen Suchen erscheint oder in den Suchergebnissen kaum Beachtung findet. Die zentrale Frage ist allerdings nicht, ob diese Signale grundsätzlich wirken, sondern wann sich der damit verbundene Aufwand in messbaren Anfragen auszahlt. Schließlich profitiert nicht jedes Geschäftsmodell gleichermaßen davon. Welche Ergebnisse möglich sind, hängt von mehreren Faktoren ab. Wann standortbezogene Signale echte Anfragen erzeugen

    4 Min. LesezeitLesen
    Interview mit Regina Käser: Wie Beratung und Handwerk den Friseurbesuch prägen
    Expertentalk
    Interview mit Regina Käser: Wie Beratung und Handwerk den Friseurbesuch prägen

    Ein Friseurbesuch beginnt selten mit einer fertigen Lösung. Er beginnt mit Fragen: Welcher Schnitt trägt sich im Alltag gut? Welche Farbe passt zum Typ? Wie viel Pflegeaufwand ist realistisch? Gerade regionale Salons stehen für eine Verbindung aus Handwerk, Beratung und persönlicher Nähe, die über die reine Dienstleistung hinausgeht. Wie sich dieser Anspruch im Arbeitsalltag umsetzen lässt, erklärt Regina Käser im Gespräch. Die Friseurmeisterin betreibt den Salon Föhnlage in Tauting bei Murnau und verbindet dort klassisches Handwerk mit einer naturorientierten Arbeitsweise. Außerdem verrät sie, worauf Gäste vor einem Termin achten sollten. Zwischen Handwerk, Beratung und persönlichem Stil Regina Käser ist Friseurmeisterin. Ihr Salon liegt in Tauting, einer ruhigen Ortslage nahe dem Staffelsee mit Blick auf die Berge. Der Salon richtet sich an Kundinnen und Kunden aus Tauting, Murnau und der regionalen Umgebung. Wer beispielsweise einen professionellen Friseur in Murnau und Umgebung sucht, findet in Tauting einen persönlich geführten Betrieb mit festem Team.

    6 Min. LesezeitLesen
    Zur Startseite