Digitalisierung in der Medizin: Expertentalk mit Nicolas Sander von Freiraum Psychotherapie, die auch online Psychotherapie anbietet

Die Digitalisierung in der Medizin hat in den letzten Jahren einen tiefgreifenden Wandel herbeigeführt. Technologische Innovationen wie Big Data und die digitale Patientenakte ermöglichen eine effizientere Datenerfassung und -nutzung, während Fitness- und Gesundheits-Apps die Selbstverantwortung der Patienten fördern. Online-Sprechstunden bieten zudem einen schnellen und flexiblen Zugang zu ärztlichen Konsultationen. In diesem Kontext gewinnt auch die Online-Psychotherapie zunehmend an Bedeutung. Sie vereint die Vorteile der Digitalisierung und ermöglicht ortsunabhängige, professionelle Unterstützung, um den Patienten in einer digitalen Welt optimal zu begleiten.
Obwohl die Digitalisierung in der Medizin zahlreiche Vorteile und Potentiale bietet, gibt es auch kritische Stimmen, denn insbesondere in der Medizin sind der Schutz sensibler Patientendaten und die Qualitätssicherung essentielle Anforderungen. Die Nutzung von Big Data birgt zudem weitere Risiken wie Fehldiagnosen, unreflektierte Vorurteile, die sich auch in den Daten niederschlagen können und kann möglicherweise auch stigmatisierend wirken. Fitness- und Gesundheits-Apps sowie Online-Sprechstunden verbessern zwar den Zugang und oft auch die Qualität der medizinischen Versorgung, doch fehlt es an persönlicher Nähe und direktem Austausch, der besonders in der Psychotherapie wichtig sein kann. Wir sprachen über dieses hochaktuelle Thema mit Nicolas Sander, Psychologischer Psychotherapeut der Freiraum Psychotherapie Praxis in Berlin, die als eine der ersten bundesweit eine Online-Psychotherapie anbietet.
Business-On: Willkommen Herr Sander. Seit wann bieten Sie bei Freiraum diese neue Form der Psychotherapie an und wie kamen Sie dazu?
Nicolas Sander: Wir bieten Online-Psychotherapie bei Freiraum seit etwa drei Jahren an. Die zunehmende Digitalisierung und die Nachfrage nach ortsunabhängigen Therapieangeboten haben uns gezeigt, dass viele Menschen nach Alternativen zur klassischen Praxis suchen. Wir wollen die Online-Psychotherapie nutzen, um Barrieren wie Anfahrtswege oder Zeitmangel zu überwinden und so den Zugang zur psychischen Gesundheitsversorgung für alle zu erleichtern.
Besonders in ländlichen Umgebungen ist der Therapeutenmangel deutlich spürbar. Viele Menschen müssen lange Wartezeiten in Kauf nehmen, bis sie einen Therapieplatz finden. Mit Online-Therapie können wir diese Engpässe ein wenig abfedern und Menschen stundenlange Anfahrtswege ersparen.
Darüber hinaus ist die Online Psychotherapie ideal für Menschen, die aufgrund ihrer Arbeits- oder Lebenssituation Schwierigkeiten haben, regelmäßig wöchentlich in eine Praxis zu kommen. Die Möglichkeit, sich bequem von zu Hause, dem Büro oder während der Dienstreise in eine Sitzung einzuwählen, macht psychotherapeutische Unterstützung für viele Menschen überhaupt erst möglich. Und die Studienlage zeigt, eine Online Psychotherapie zu nutzen kann genauso effektiv sein wie ein klassische Therapie!
Business-On: Sie wollen damit also auch dem Therapeutenmangel in Deutschland begegnen. Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit Ihrer Online-Therapie gemacht und wie nehmen die Patienten das Angebot an?
Nicolas Sander: Unser Ziel ist es, den Therapeutenmangel zumindest teilweise auszugleichen, indem wir durch Online Therapie flexibler und zugänglicher Termine anbieten können. Die Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, sind durchweg positiv. Viele Patienten schätzen die Flexibilität, die diese Form der Therapie bietet, vor allem, weil sie Sitzungen besser in ihren Alltag integrieren können. Die Hemmschwelle, eine Therapie in Anspruch zu nehmen, scheint durch das Online-Format auch niedriger zu sein, da der Weg in die Praxis entfällt und sich Patienten in ihrer gewohnten Umgebung sicher fühlen.
Die Akzeptanz des Angebots ist überraschend hoch. Natürlich gibt es anfangs oft Vorbehalte, insbesondere bei älteren Patienten oder Menschen, die mit digitalen Medien weniger vertraut sind. Doch in der Praxis zeigt sich schnell, dass Online-Sitzungen genauso intensiv und wirksam sein können wie persönliche Treffen. Durch die Videoanrufe bleibt der direkte Kontakt zum Therapeuten bestehen, und die therapeutische Beziehung leidet nicht darunter. Im Gegenteil – einige Patienten berichten, dass sie sich in ihrem häuslichen Umfeld sogar schneller öffnen können, weil sie sich dort wohler fühlen. Manche Menschenentscheiden sich auch für ein Mischmodel und nutzen Online-Sitzungen nach Bedarf, oder erst nach einigen Sitzungen vor Ort.
Business-On: Ist diese Therapieform für alle Patienten geeignet, oder sollten bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Online-Therapie in Frage kommt?
Nicolas Sander: Online Psychotherapie ist nicht immer für alle Therapieanliegen und Therapiesituationen geeignet. Inwiefern eine Therapie vor Ort von unseren Psychologischen PsychotherapeutInnen empfohlen wird, hängt von vielen verschiedenen Faktoren zusammen und wird vor oder zu Beginn der Therapie mit den PatientInnen besprochen. Bei bestimmten psychischen Erkrankungen, bestimmten Therapiephasen,akuten Krisensituationen oder Suizidgefahr kann eine Online-Therapie nicht das passende Format bieten.
Generell legen wir sehr viel Wert auf eine genaue individuelle Einschätzung und arbeiten eng mit unseren Patienten zusammen, um herauszufinden, welche Form der Unterstützung für sie am besten geeignet ist.
Business-On: Sehen Sie auch Risiken, wie beispielsweise den Verlust von Nähe und Vertrauen zwischen Therapeut und Patient?
Nicolas Sander:Ja, das Thema Nähe und Vertrauen ist bei der Psychotherapie natürlich zentral. Viele Menschen haben zunächst die Sorge, dass durch das Online-Format eine gewisse Distanz entstehen könnte, die es schwerer macht, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Das ist auch ein berechtigter Punkt, denn in der klassischen face-to-face Therapie spielen nonverbale Signale wie Körpersprache eine große Rolle.
In der Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass diese Bedenken häufig unbegründet sind. Über Videoanrufe können wir weiterhin direkten Augenkontakt halten und viele nonverbale Signale wahrnehmen, was für die therapeutische Beziehung wichtig ist. Der wichtigste Faktor bleibt nach wie vor die therapeutische Haltung – Empathie, aktives Zuhören und ein wertschätzender Umgang können auch über digitale Medien transportiert werden.
Dennoch gibt es natürlich Grenzen. Für PatientInnen, die großen Wert auf physische Nähe legen oder Schwierigkeiten haben, sich auf digitale Medien einzulassen, kann der persönliche Kontakt in der Praxis die bessere Wahl sein. Es geht letztlich immer darum, die Therapie individuell und gemeinsam auf die Situation von PatientInnen abzustimmen.
Business-On: Vielen Dank für diese Einblicke in die Digitalisierung einer Tätigkeit, die viele Leserinnen und Leser bis zu unserem Gespräch wahrscheinlich eher mit der sprichwörtlichen Couch als mit einem Laptop assoziierten, Nicolas Sander, praktizierender Psychotherapeut in Berlin und Pionier der Online-Therapie in Deutschland.
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- Titelbild: Bild von YakobchukOlena
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