Sanieren statt abreißen: Malermeister Michael Röling über das Potenzial des Bestandsbaus

Unsere Städte sind voll von ihnen: Gebäude aus den 50er, 60er und 70er Jahren. Oft als in die Jahre gekommene Problemfälle abgetan, lautet der erste Impuls häufig: abreißen und neu bauen. Doch ist das wirklich die klügste Lösung? Immer mehr Experten warnen vor den ökologischen und wirtschaftlichen Folgen der Abrisskultur. Wir haben mit Malermeister Michael Röling gesprochen, einem Handwerker, der mit seinem Traunsteiner Malerunternehmen seit über 30 Jahren Bestandsbauten saniert. Für ihn sind diese Häuser keine Last, sondern wahre Schatzkisten, deren Potenzial wir nur heben müssen.
Redaktion: Herr Röling, die Debatte „Sanieren statt abreißen“ wird immer lauter. Sie arbeiten seit Jahrzehnten an Bestandsbauten. Ist der Abrissbagger wirklich so oft die falsche Antwort?
Michael Röling: Er ist nicht nur oft die falsche, sondern meist die faulste Antwort. Ein Abriss ist vermeintlich einfach: Man macht alles platt und fängt auf einer sauberen Wiese neu an. Was dabei aber ignoriert wird, ist die immense Menge an „Grauer Energie“, die in jedem bestehenden Gebäude steckt. Das ist all die Energie, die bereits für die Herstellung der Ziegel, des Betons, des Holzes und für den damaligen Bau aufgewendet wurde. Diese Energie werfen wir bei einem Abriss einfach weg und verbrauchen für den Neubau noch einmal Unmengen an Ressourcen und erzeugen Tonnen an CO2. Sanieren bedeutet, diese bereits investierte Energie zu respektieren und intelligent weiterzunutzen. Das ist nicht nur Nostalgie, das ist knallharte ökologische und wirtschaftliche Vernunft.
Redaktion: Das Stichwort „Graue Energie“ ist zentral. Können Sie das für einen Laien greifbar machen?
Michael Röling: Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ein Auto. Das Auto wurde in einem Werk gebaut, die Teile wurden von Zulieferern hergestellt, die Rohstoffe dafür wurden abgebaut und transportiert. All diese Energie steckt im fertigen Auto. Wenn Sie dieses Auto nach fünf Jahren mit einem kleinen Motorschaden verschrotten, anstatt es zu reparieren, und sich ein komplett neues kaufen, haben Sie all diese Herstellungsenergie vernichtet. Genau dasselbe tun wir mit Häusern. Das Fundament, die tragenden Wände, der Dachstuhl – das alles ist ein riesiger Energiespeicher. Eine Sanierung ist die Reparatur. Ein Abriss ist das Verschrotten. Wir können es uns schlicht nicht mehr leisten, diese „Grauen Schätze“ zu vernichten.
Redaktion: Welche Rolle spielt Ihr Handwerk, das des Malers, bei der Hebung dieser Schätze? Viele denken bei einer Sanierung zuerst an Heizung oder Fenster.
Michael Röling: Das ist richtig, aber die Gebäudehülle – also die Fassade und das Dach – ist der Mantel des Hauses. Wenn der Mantel löchrig ist, können Sie heizen, so viel Sie wollen, die Wärme entweicht trotzdem. Hier kommen wir Maler und Stuckateure ins Spiel. Eine professionelle Fassadensanierung mit einem modernen Wärmedämmverbundsystem, kurz WDVS, ist eine der effektivsten Maßnahmen überhaupt. Wir packen das Haus in einen neuen, hochisolierten Mantel. Das senkt nicht nur die Heizkosten drastisch, sondern schützt auch die Bausubstanz für weitere Jahrzehnte vor Witterungseinflüssen. Zudem geht es um die Gestaltung. Eine neu gestaltete Fassade kann aus einem unscheinbaren 70er-Jahre-Bau ein modernes und attraktives Gebäude machen. Wir geben dem Haus sein Gesicht zurück.
Redaktion: Viele fürchten bei einer Sanierung die Kosten und unvorhersehbare Probleme. Ist ein Neubau nicht oft berechenbarer und am Ende sogar günstiger?
Michael Röling: Das ist der größte Mythos. Erstens sind die Baukosten für Neubauten in den letzten Jahren explodiert. Zweitens gibt es für die energetische Sanierung von Bestandsbauten massive staatliche Förderprogramme, zum Beispiel von der KfW. Diese Zuschüsse und günstigen Kredite bekommen Sie für einen Standard-Neubau oft gar nicht in dem Umfang. Ja, eine Sanierung birgt Überraschungen. Manchmal findet man Feuchtigkeit oder alte Schadstoffe. Aber ein erfahrener Handwerker und ein guter Planer können diese Risiken durch eine gründliche Bestandsaufnahme minimieren. Wenn man die Gesamtkosten inklusive Abriss, Entsorgung und der oft längeren Bauzeit eines Neubaus betrachtet, ist die Sanierung in sehr vielen Fällen die deutlich wirtschaftlichere Option.
Redaktion: Neben Geld und Ökologie geht es auch um Charakter. Wie schafft man es, ein altes Haus zu modernisieren, ohne seine Seele zu zerstören?
Michael Röling: Indem man mit Respekt vor dem arbeitet, was da ist. Das ist die hohe Kunst. Man muss genau hinsehen: Welche Elemente sind erhaltenswert? Ein schönes Treppengeländer, alter Dielenboden, eine besondere Raumaufteilung. Unsere Aufgabe ist es, diese charakteristischen Merkmale freizulegen und mit modernen Techniken zu kombinieren. Wir können alte Holzfenster aufarbeiten, statt sie durch Kunststoff zu ersetzen. Wir verwenden diffusionsoffene, also atmungsaktive Farben wie Silikat- oder Kalkfarben, die das gesunde Raumklima eines Altbaus erhalten. Es geht darum, eine Brücke zwischen der Geschichte des Hauses und den heutigen Wohnbedürfnissen zu schlagen. Das Ergebnis ist dann kein Haus von der Stange, sondern ein echtes Unikat mit Lebensqualität.
Redaktion: Welchen abschließenden Rat geben Sie jemandem, der vor der Entscheidung „Sanieren oder abreißen“ steht?
Michael Röling: Ziehen Sie einen unabhängigen Energieberater und erfahrene Handwerker hinzu, bevor Sie auch nur einen Gedanken an den Abriss verschwenden. Lassen Sie das wahre Potenzial Ihres Hauses bewerten. Schauen Sie nicht nur auf die vermeintlichen Mängel, sondern auf die solide Substanz, die oft vorhanden ist. In den meisten Mauern steckt mehr Gold, als man auf den ersten Blick sieht. Man muss es nur erkennen und mit Respekt und Können veredeln.
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