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9. April 2020

Wie viel Bildschirmzeit ist noch gesund?

Iserlohn. Viele Berufstätige organisieren ihren Job derzeit im Homeoffice und müssen gleichzeitig ihre Kinder sinnvoll beschäftigen. Zwar legt der „Hausunterricht“ gerade eine ferienbedingte Pause ein, das macht es für Eltern aber nicht leichter. Zum jetzigen Zeitpunkt weiß auch noch niemand, wie es nach den Osterferien weitergeht. Bei vielen Kindern wächst der Wunsch nach mehr Bildschirmzeit, um sich die schulfreie und kontaktarme Zeit zu vertreiben. Sind digitale Lernangebote, Rätsel und Videos mit pädagogisch wertvollem Inhalt okay? Oder darf es zur Belohnung auch mal etwas mehr Unterhaltung sein? Eva Briedigkeit ist Professorin im Studiengang Frühpädagogik der Fachhochschule Südwestfalen und beschäftigt sich u.a. intensiv mit dem Thema „kreative Medienarbeit“.

Wie lange und wie oft sollten Kinder digitale Medien nutzen? Das ist eine der am häufigsten gestellten Fragen von Eltern, wenn es um die Medienerziehung ihrer Kinder geht, weiß Prof. Eva Briedigkeit. Laut Medienratgeber für Familien „SCHAU HIN“ sollen Kinder unter drei Jahren beispielsweise so wenig Bildschirmzeit wie möglich nutzen und Kinder zwischen sechs und neun Jahren höchstens bis zu einer Stunde täglich. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, die EU-Initiative „klicksafe“ oder die WHO sehen das ähnlich. Augenärzte raten dazu, nicht nur den Medienkonsum zu beschränken, sondern gleichzeitig den Aufenthalt im Freien auf zwei Stunden täglich zu erhöhen, um u.a. einer Kurzsichtigkeit vorzubeugen.

Nur die Medienzeiten und ihre Regulierung zu betrachten, ist zu einseitig, meint auch Prof. Briedigkeit. Im Tagesablauf sollten genügend Abwechslung und insbesondere Bewegungsmöglichkeiten m Freien enthalten sein, außerdem ausreichende Zeiten für aktives Spiel und guten Schlaf. Die übrige Zeit kann als Bildschirmzeit, aber auch für entspannende Aktivitäten frei zur Verfügung stehen. Mediennutzung nach einem starren Zeitplan hält sie aber für nicht sinnvoll: „Sind die Regeln zu strikt an Minutenvorgaben gebunden, sind diese häufig für Kinder nicht nachvollziehbar. Warum sollte ich ein Spiel unterbrechen, das noch gar nicht zu Ende ist? Sinnvoller ist es also, die Aktivitäten des Kindes zu kennen, um einschätzen zu können, zu welchem Zeitpunkt es beispielsweise möglich ist, einen Spielstand abzuspeichern oder welche Zeitfenster realistisch für einen gesamten Spieldurchlauf sind“.

Berufstätigkeit, Kinderbetreuung, Freizeit und Haushalt – viel bricht da zurzeit auf Erziehungsberechtigte herein. Nicht stressen lassen, rät die Pädagogin: „Zunächst einmal gilt es, nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst und die Kinder zu stellen. Es ist zwar wichtig, Routinen und Alltagsabläufe so weit wie möglich aufrechtzuerhalten; dennoch befinden wir uns in einer Ausnahmesituation.“ Gerade mit Blick auf das „Homeschooling“ sind Fernbedienungen, Tablet und Smartphone ständig schnell zur Hand. Verständlich einerseits, meint die Professorin, jedoch: „Grundsätzlich sollten bisher vereinbarte Regeln und Nutzungszeiten nicht völlig über Bord geworfen werden. Gemeinsam mit den Kindern ist zu prüfen, welche Regel unter den aktuellen Bedingungen noch gut funktioniert, welche Regel abgeändert oder sogar ganz ausgesetzt werden sollte. Verstehen ist besser als verbieten.“ So muss beispielsweise das Smartphone auch in Corona-Zeiten bei den Mahlzeiten nicht verfügbar sein. Dies gilt für Kinder wie für Erwachsene. Wenn die Video-Telefonie aber der Weg ist, um mit Großeltern oder Freundinnen und Freunden Kontakt zu halten, müssen diese Mediennutzungszeiten zu den üblichen Zeiten der Bildschirmnutzung hinzugerechnet werden. Das gleiche gilt für den digitalen Unterricht. Prof. Briedigkeit wirbt für Verständnis: „Es ist auch so schon schwer genug für die Kinder auszuhalten, dass ihre Eltern zwar zu Hause sind, aber dennoch arbeiten müssen.“

Was die Inhalte angeht, so empfiehlt Prof. Briedigkeit, altersgerechte Nachrichten eher dosiert und aus seriösen Quellen gemeinsam mit den Eltern anzusehen, um emotionale Unruhe zu vermeiden. Kinder sollten Angebote nicht nur konsumieren, sondern idealerweise selbst aktiv und kreativ werden. Dazu gibt es im Netz eine Vielzahl an Gesellschaftsspielen, Knobelaufgaben oder Anregungen zum Bauen, Konstruieren oder Experimentieren und Programmieren. Generell gilt: „Aus pädagogischer Sicht sollten Mediennutzungszeiten weder als Belohnung, noch als Strafe eingesetzt werden. Das Medium erhält sonst eine viel zu große Bedeutung. Allerdings kann die Regel aufgestellt werden: erst die Hausaufgaben, dann die Bildschirmzeit. Dies ist für Kinder durchaus nachvollziehbar“, stellt die Professorin klar. Sie kann der aktuellen Situation durchaus positive Seiten abgewinnen. Gerade zu Beginn der Umstellung auf den „häuslichen Unterricht“ wurde mit den Familien mehr kommuniziert, als dies im Regelschulbetrieb der Fall ist. Die Schubkraft für die Nutzung von Lernplattformen ist derzeit auf allen Seiten groß wie nie zuvor. „Die Chance sehr ich in der aktuellen Öffnung des Unterrichts nach außen. Eltern bekommen einen Einblick in die Geschehnisse, die sonst hinter der verschlossenen Klassenzimmertür stattfinden.“ Als besonders wertvoll für Lehrkräfte erachtet sie die individuellen Rückmeldungen zu Aufgabenumfang und –komplexität. Individuelle Lernzeiten sind intensiver als im Klassenverband, für die Kinder ist dies die Chance, selbstbestimmtes Lernen zu erleben. Sie fragt sich allerdings mit Sorge, wie die Kinder aus „benachteiligten“ Familien mit den Aufgaben und der häuslichen Situation klarkommen.

Alltagstaugliche Tipps zum Thema gibt es hier:
Deutscher Kinderschutzbund: www.dksb.de
Klicksafe: https://www.klicksafe.de/www.mediennutzungsvertrag.deBundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: https://www.bzga.de/

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