In den aktuellen Krisen machen viele politische Entscheidungen einen eher willkürlichen Eindruck. Den Zustand der Bundeswehr müsse man erst „analysieren“, die Zahlen im Impfdashboard des RKI sind wohl fünf Prozent niedriger als die Realität, vermutet man zumindest. Genau wissen kann man es nicht. Dabei gibt es in Deutschland wohl keinen Mangel an Bürokratie und Verwaltung. Bürger und Unternehmen können ein Lied davon singen. Ob Staatshilfe, Antrag auf Sozialleistungen, Teilnahme an einer Ausschreibung, die Verlängerung des Personalausweises oder der Umtausch der Führerscheine – alles sehr aufwendig, langwierig und mitunter anstrengend. Der Grund für all das ist eine mangelnde Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung. Deutschland hängt hinterher und ist für die Zukunft nicht gewappnet.
„Wo die Datenbasis fehlt, kann nicht sinnvoll entschieden werden“, macht Sven Jung deutlich. Jung ist Experte für die Digitalisierung von Verwaltungen und öffentlichen Unternehmen. Er arbeitet als Manager Public Sector Deutschland bei ReqPOOL, der führenden Managementberatung für Software im deutschsprachigen Raum. Das Unternehmen beschäftigt sich mit Fragen der Software-Strategie, Software-Beschaffung und Software-Innovation sowie mit der technologischen Transformation. „Im OZG, dem Online-Zugangs-Gesetz, ist häufig vom ‚digitalen Amt‘ die Rede. Kommunen, Landkreise und staatliche Verwaltungen arbeiten daran, viele Prozesse digital zu ermöglichen. Leider ist das wenig konzertiert und viel Stückwerk“, so Jung. Man sei hierzulande gut darin, Prozesse administrativ zu entwickeln, nutze aber nicht die eigentlichen Chancen der Digitalisierung. Statt komplexe Verwaltungsabläufe jeweils einzeln und ebenso komplex online zu gestalten, müsste vielmehr ganzheitlich gedacht werden. Digitalisieren bedeute nicht, das, was man bislang offline mit viel Personal und Papier erledigt habe, nun online abzubilden. Die Kultur der Verwaltung setzt sich im Netz fort. Gefragt sei aber eine Kultur der Dienstleistung und der strategischen Vernetzung von Daten, Informationen und Zielvorgaben.“
Entscheidungen müssten zukünftig schneller getroffen werden. Das habe man in den aktuellen Krisen gesehen. Auch die Wirtschaft drehe sich immer schneller. Zu lang dauernde Ausschreibungsverfahren, monatelange Prüfungen und ausbleibende Genehmigungen bremsen Staat und Wirtschaft aus. Wer einen Antrag auf Corona-Hilfen gestellt oder den Bau eines Windrates beantragt hat, hat entsprechende Erfahrungen gemacht. „Da nutzt es nichts, wenn der Antrag digital eingereicht wird. Es müsste auch unmittelbar digital entschieden werden – in Kenntnis aller Faktoren und Rahmenbedingungen“, verdeutlicht Jung. Das „digitale Amt“ bleibe ein Amt, de facto und in der Wahrnehmung der Bürger und Unternehmen. Das „digitale Amt“ wird der notwendigen Handlungsgeschwindigkeit jedoch nicht gerecht. „Dabei wäre man froh, das ‚digitale Amt‘ wäre bereits Realität.“ Selbst davon sei man aber in der Regel noch weit entfernt.
Notwendig sei vielmehr „die selbstfahrende Organisation“, so der Software-Experte. Das Nutzen moderner, KI-basierter Software und intelligenter Algorithmen, die autonom und unmittelbar entscheiden, müsse das eigentliche Ziel sein. „Die digitalen Technologien entwickeln sich exponentiell. Spätestens in den 30er Jahren werden KI-basierte, selbstlernende und weitgehend selbstentscheidende Systeme Alltag und gelebte Praxis sein. Wenn sich öffentliche Verwaltungen weiterhin derart langsam entwickeln, wird die Diskrepanz zwischen der Wirtschaft und dem Staat nicht mehr einzuholen sein. Deutschland wird gegenüber anderen Staaten weiter an Substanz verlieren und dann auch nicht mehr aufholen können“, prophezeit der Digitalexperte. Verwaltungen und öffentliche Unternehmen müssten jetzt anfangen, sich zu modernisieren und nicht beim „digitalen Amt“ stehen bleiben. Es brauche dringend technologische Lösungen, die zukunftsfest seien. Ganzheitlich gedachte, intelligente Software-Systeme und -architekturen böten die einmalige Chance, die Verwaltung bürgernäher, nachhaltiger effizienter, transparenter und entscheidungsvalider werden zu lassen. Die Beamtenmentalität müsse ins digitale Zeitalter transformiert werden. Noch sei Zeit, aber die Zeit dränge. Die „selbstfahrende Organisation“ brauche eine strategische Perspektive und einen raschen Modernisierungsprozess in der IT-Landschaft, der sofort beginnen müsse. In Sachen Digitalisierung der Verwaltung sei es drei vor zwölf. Das erführen die Bürger nahezu jeden Tag.
AktuellFür einen neuen Gründungsrekord brauchte Deutschland 2026 gerade einmal sechs Monate. Zwischen Januar und Juni entstanden 3.053 Start-ups – mehr als im gesamten Jahr 2024. Damit erreicht die Gründungsaktivität ausgerechnet in einer Phase einen historischen Höchststand, in der zahlreiche etablierte Industrieunternehmen unter wirtschaftlichem Druck stehen. Hinter der Entwicklung steckt vor allem der technologische Wandel: Künstliche Intelligenz erleichtert den Aufbau neuer Geschäftsmodelle und verkürzt Entwicklungsprozesse. Zugleich zieht die deutsche Verteidigungsindustrie erhebliche Summen an Wagniskapital an. Die wachsende Zahl junger Unternehmen gilt als ermutigendes Signal für den Wirtschaftsstandort. Allerdings entscheidet sich ihr langfristiger Beitrag zur Wirtschaft erst dann, wenn aus den Gründungen tragfähige Unternehmen mit dauerhaftem Wachstum entstehen.
BusinessSchöne Haut galt lange Zeit vor allem als kleiner Luxus oder als gelegentliche Auszeit vom Alltag. Ein entspannender Besuch im Kosmetikstudio, eine Gesichtsmaske und ein wenig Erholung so sah das klassische Bild der Branche aus. In den vergangenen Jahren hat sich dieser Markt jedoch spürbar gewandelt. Die Pflege des eigenen Erscheinungsbildes ist für viele Menschen zu einem festen Bestandteil der persönlichen Gesundheitsvorsorge geworden. Wer heute Geld für Behandlungen ausgibt, wünscht sich fundiertes Fachwissen, messbare Resultate und eine Betreuung, die weit über das traditionelle Wohlfühlprogramm hinausgeht. Aus wirtschaftlicher Sicht macht diese Entwicklung das Segment greifbar und attraktiv. Wo früher einfache Dienstleistungen dominierten, entstehen heute klar strukturierte Unternehmen mit verlässlichen Einnahmen. Die Nachfrage nach professioneller Ästhetik erweist sich als bemerkenswert krisenfest, da persönliche Pflege und das eigene Wohlbefinden auch in wirtschaftlich unruhigen Zeiten einen hohen Stellenwert behalten.
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