Wirtschaft·
business-on.de Redaktion
business-on.de Redaktion
·
30. April 2023

Der Kaffee-Revolutionär

Marcel Lorenz liebt Kaffee – und hat genau deshalb Großes vor. Der Gründer des Start-ups Coffee Annan mit Firmensitzen in Berlin und Zürich will die bestehenden Machtverhältnisse am weltweiten Kaffeemarkt nicht länger hinnehmen, oder, um im Bild zu bleiben, runterschlucken. Gründer Lorenz will aktiv die Verhältnisse zum Besseren wenden: „Das meiste Geld bleibt dort, wo wir Kaffee konsumieren und nicht dort, wo Kaffee produziert wird. Das ist nicht richtig.“ Die Weltbank hat herausgefunden, dass 90 Prozent der Kaffee produzierenden Länder nach wie vor auf finanzielle Hilfe angewiesen sind. 99 Prozent des Kaffees werden laut „Coffee Development Report 2019“ als Rohmaterial in die Verbraucherländer importiert, weil das Rösten der Bohnen und damit die letzten Schritte auf dem Weg zum genussfertigen Produkt die höchste Marge versprechen. Doch das Rösten nimmt nur 20 Minuten in Anspruch – im Gegensatz zu neun bis zehn Monaten, die für den Anbau und die Verarbeitung des Kaffees in den Produktionsstaaten aufgewendet werden müssen.

300 Prozent höhere Wertschöpfung für die Menschen in den Anbauländern

Marcel Lorenz und sein Team wollen die Wertschöpfung wieder stärker in die Produktionsländer bringen und damit im Ursprungsland für neue Arbeitsplätze und mehr Wirtschaftswachstum sorgen. Lorenz: „Deshalb wird unser Kaffee im Ursprungsland geröstet.“ Was, nebenbei bemerkt, neben einer um 300 Prozent höheren Wertschöpfung, den ökologischen Fußabdruck der Kaffeeproduktion deutlich senkt.

„Spitzenkaffee mit echtem Impact – sozial und ökologisch“, so lautet das Ziel von Coffee Annan. Gestartet ist das Unternehmen im B2C-Markt. Doch schnell stellte Lorenz fest, dass der Markt hier stark übersättigt, beziehungsweise umkämpft ist. Als Reaktion darauf drehte er das Unternehmen praktisch um 180 Grad und beschloss, sich fortan auf B2B-Crowdshipping zu konzentrieren. Coffee Annan beliefert nun nicht mehr die Endkund:innen, sondern mittelständische Unternehmen und Konzerne im B2B-Geschäft.

Große Konzerne und aufstrebende Start-ups zählen zu den Kund:innen

„Spitzenkaffee mit echtem Impact – sozial und ökologisch“, so lautet das Ziel von Coffee Annan.

Marcel Lorenz. „Spitzenkaffee mit echtem Impact – sozial und ökologisch“, so lautet das Ziel von Coffee Annan.

Nunmehr agiert Coffee Annan als nachhaltiger Vermittler zwischen Kaffeeproduzent:innen und Unternehmen, die in ihren Kantinen, Bistros und Cafés Kaffee an ihre Mitarbeiter:innen ausschenken. Der Impact in diesem Feld ist immens – denn nirgendwo trinken die Deutschen wohl so viel Cappuccino oder Espresso, wie bei der Arbeit. Auch Start-ups sind bereits Kunden. Verstärkt expandieren möchte das junge Kaffeeunternehmen künftig in Branchen mit vielen Filialunternehmen, wie etwa im Bankenbereich.

Das Marktpotenzial ist groß – ebenso wie der Kaffeedurst der Deutschen. Pro Kopf werden in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich 169 Liter Kaffee konsumiert, meldet der Deutsche Kaffeeverband. Damit ist es eines der meistgetrunkenen Getränke in Deutschland – weit vor Bier.

Marcel Lorenz appelliert auf der Homepage seiner Firma direkt ans Gewissen der Kaffeetrinker:innen: „Wird an deinem Arbeitsplatz immer noch kolonialer Kaffee konsumiert?“ Seine alternative Lösung zu den klassischen Bezugsquellen: „In Zusammenarbeit mit Landwirt:innen, Genossenschaften und Röster:innen haben wir eine Plattform entwickelt, die Produzent:innen und Verbraucher:innen miteinander verbindet. Dazu gehören direkter Handel, transparente Preise und maximale Wertschöpfung in den Herkunftsländern.“

Das deutsch-schweizerische Kaffee-Start-up Coffee Annan etabliert sich bisweilen erfolgreich am Markt und Marcel Lorenz und sein Team sind auf dieser Reise ein gutes Stück vorangekommen. Doch auf dem Weg dahin haben Lorenz und sein Team auch Fehler gemacht und manches Lehrgeld bezahlt. Der Unternehmer: „Wir haben anfangs teilweise blauäugig große Firmen gepitched, mit viel Enthusiasmus, aber ohne schriftliche Corporate Governance, Konzepten gegen Lebensmittelbetrug oder einer umfassenden Gefahrenanalyse.“

Trotz der anfänglichen Fehler konnten sie ihre Corporate Governance verbessern, Konzepte gegen Lebensmittelbetrug entwickeln und umfassende Risikoanalysen durchführen. Lorenz ist sich der Herausforderungen bewusst, die die Kommunikation von Auswirkungen in der Anfangsphase mit sich bringt, und ist bereit, langfristig zu investieren: „Die größte Herausforderung sehe ich darin, den Impact in der Startphase zu kommunizieren. Impact kommt nicht über Nacht und braucht ein langfristiges Engagement. Gerade zu Beginn eines neuen Projekts hat ein Start-up noch keinen Impact, sondern nur Ideen zur Lösung globaler gesellschaftlicher Probleme.“ Glücklicherweise hat er nicht nur ein Händchen für Kaffee, sondern auch einen langen Atem, um sein Ziel zu erreichen.

Bildquellen:
Teilen:
Weitere Artikel
Interview mit REFINUM: Worauf es bei Stein-, Terrassen- und Parkettpflege ankommt
Expertentalk
Interview mit REFINUM: Worauf es bei Stein-, Terrassen- und Parkettpflege ankommt

Ob Terrasse, Eingangsbereich oder Parkett im Büro: Oberflächen prägen den ersten Eindruck eines Hauses oder Unternehmens und werden im Alltag stärker beansprucht, als viele Eigentümer annehmen. Verschmutzungen, Bewuchs oder Kratzer lassen sich dabei nicht mit ein und derselben Methode behandeln was im schlechtesten Fall mehr schadet als nützt. Im Interview ordnet REFINUM, ein Betrieb für Oberflächenaufbereitung aus der Region München, ein, welche Fragen vor einer professionellen Aufbereitung geklärt werden sollten, worin sich Innen- und Außenflächen unterscheiden und wo die Grenzen pauschaler Reinigungsversprechen liegen. Material und Verschmutzung zusammen denken business-on.de: Warum lassen sich Naturstein, Terrazzo, fugenlose Flächen und Holz nicht mit derselben Methode reinigen?

6 Min. LesezeitLesen
Hausmeisterdienst aus Passau: Wie zwei Ingenieure mit der PA Grundstein GmbH den Sprung in die Selbstständigkeit wagten
Arbeitsleben
Hausmeisterdienst aus Passau: Wie zwei Ingenieure mit der PA Grundstein GmbH den Sprung in die Selbstständigkeit wagten

Der klassische Bürojob bietet Sicherheit doch nicht jeder findet darin auf Dauer Erfüllung. Zwei Ingenieure aus Passau haben genau diese Erfahrung gemacht und Konsequenzen gezogen: Statt monotoner Abläufe am Schreibtisch wollten sie etwas mit eigenen Händen gestalten und ein eigenes Unternehmen aufbauen. Herausgekommen ist die PA Grundstein GmbH, ein Hausmeisterdienst aus Passau, der Wohnanlagen, Mehrfamilienhäuser und Gewerbeobjekte betreut. Im Gespräch erzählen die Geschäftsführer Anton Ponigl und Julian Tuma, warum sie ihre ursprüngliche Immobilienidee verwarfen, wie sie innerhalb von nur zwei Monaten gründeten und welche Rolle das technische Studium heute im Betrieb spielt. Wer selbst über eine Gründung nachdenkt, findet darin viele vertraute Fragen wieder von der Finanzierung bis zur Frage, ab wann ein Gewerbe angemeldet werden muss. business-on.de: Sie beide haben studiert und standen mitten im Berufsleben. Wie sah Ihre Ausgangslage aus – und was hat Sie schließlich in die Selbstständigkeit getrieben? Anton Ponigl und Julian Tuma: Uns verbindet eine langjährige Freundschaft und schon früh der gemeinsame Wunsch, ein eigenes Projekt zu realisieren. In unseren bisherigen Tätigkeiten waren wir allerdings zunehmend unzufrieden: Der Anteil kreativer, gestaltender Aufgaben war gering, die Arbeitsprozesse überwiegend monoton und wiederkehrend. Möglichkeiten, sich persönlich und fachlich wirklich zu verwirklichen, fehlten. Gleichzeitig hatten wir beide schon lange eine starke Affinität zu eigenen handwerklichen Projekten, etwa in der Schreinerei. Der Wunsch nach unternehmerischer Selbstständigkeit war also schon eine Weile da. Natürlich verlässt man eine feste Anstellung nicht nebenbei wir haben Chancen und Risiken lange abgewogen. Aber irgendwann war klar, dass wir den Schritt wagen wollen.

6 Min. LesezeitLesen
Messestand planen: Welche Entscheidungen vor dem Messeauftritt wirklich zählen
Business
Messestand planen: Welche Entscheidungen vor dem Messeauftritt wirklich zählen

Eine gebuchte Messefläche ist noch kein fertiges Konzept. Bevor Besucher einen Stand betreten, müssen Unternehmen entscheiden, wen sie erreichen wollen, welche Gespräche dort stattfinden sollen und was dafür räumlich und technisch nötig ist. Wer diese Fragen zuerst beantwortet, kann Gestaltung, Budget und Ablauf aufeinander abstimmen. Das erleichtert auch die Wahl zwischen einem Systemstand, einer individuellen Fertigung und einer Kombination aus beidem. Erst das Ziel klären, dann den Stand gestalten

7 Min. LesezeitLesen
Zur Startseite