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2. Oktober 2018

Profiler Suzanne Grieger-Langer: Konstruktive Kritik hat nichts mit Fingerpointing zu tun

Das Annehmen von Kritik fällt oft schwer: Man fühlt sich vielleicht in seinem Ego angekratzt oder in seinen Leistungen nicht anerkannt. Es ist also nachvollziehbar, dass das Internet voll ist mit unterschiedlichen Ratgebern dazu, wie sich Kritikfähigkeit üben und perfektionieren lässt – quasi als erstrebenswerte Tugend einer gereiften Persönlichkeit. Dabei kommt aber eine Frage völlig zu kurz: Die nach dem Kritiker und dem Wesen der Kritik selbst. Oft hat Kritik nämlich weniger mit dem zu tun, der sie sich anhören muss, als mit dem, der sie äußert.

Der erfolgreiche britisch-US-amerikanische Autor und Unternehmensberater Simon Sinek vertritt die Meinung, dass sich das Wesen jeder Handlung und Aussage entschlüsseln lässt, wenn man sie unter drei Gesichtspunkten betrachtet: Was, Wie und Warum. Dem Experten zufolge befasst sich Kommunikation viel zu oft zunächst mit dem Was, dann erst mit dem Wie und zuletzt schließlich mit dem Warum. Dabei sei das Warum der Kern der eigentlichen Aussage – quasi deren Motivation. Sinek stellt dies plakativ in dem von ihm entwickelten „Golden Circle“-Modell vor, bei dem drei Kreise ineinander liegen, die jeweils eine der drei goldenen Fragen symbolisieren.

Der äußere Kreis markiert das Was: die harten Fakten, Daten und Zahlen. Diese Stufe ist mit der Ratio des Menschen verbunden. Eine Stufe weiter innen befindet sich der Kreis des Wie: die Art und Weise, wie wir etwas tun oder sagen. Ganz innen schließlich liegt sich der Kreis des Warum: Warum tun oder sagen wir etwas? Dies ist die Stufe der menschlichen Überzeugungen, der Intuition, des menschlichen Verhaltens und Sinek zufolge der eigentliche Kern jeder Tat oder Aussage. Auch Kritik lässt sich mit dem „Golden Circle“ auf ihr Wesen herunterbrechen.

Um herauszufinden, ob Kritik angebracht ist, sollte man sich also detailliert fragen: Was wird kritisiert, wie wird kritisiert und vor allem: warum? Die Kritik selbst hat in vielen Fällen mehr mit dem Wertesystem des Kritikers zu tun, als mit demjenigen, der kritisiert wird. Naturgemäß stört einen nämlich immer nur das, was nicht zur eigenen Meinung passt. Typischerweise werfen Kritiker einem also genau das vor, was sie selbst tun. Wahrhaben wollen sie dies aber nicht. Das ist das Wesen der Kritik – also das Was.

Die Art, wie Kritik geäußert wird, hat ebenfalls unmittelbar mit dem Wertesystem des Kritikers zu tun. Manches Mal erkennt man, dass der Kritiker bloß darauf aus ist, sich selbst zu erhöhen und gut dazustehen, indem er andere abwertet. Daran, wie die Kritik ausgedrückt wird, lässt sich also die Entwicklungsreife des Kritikers selbst erkennen. Je wohlwollender die Kritik im Sinne eines Feedbacks ist, desto entwickelter ist die Persönlichkeit, die sie äußert selbst. Je kränkender oder sogar hassgetrieben die Kritik ist, desto unreifer ist die Person. Letzteres hat mehr mit dem Phänomen des „Fingerpointing“ zu tun, bei dem man mit dem Finger auf andere zeigt, um von sich selbst abzulenken. An dieser Stelle kommen wir bereits zum letzten, aber wichtigsten Punkt des Goldenen Kreises: Dem Warum. Warum also wird die Kritik geäußert? Wenn sie nur darauf zielt, das Ego des Kritikers zu bedienen, oder darauf, dem eigenen Ärger Luft zu machen, hat Kritik also weder Hand noch Fuß.

Suzanne Grieger-Langer

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