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Finanzen

„Liquiditätsplanung ist ein Navigationssystem für Unternehmen“

Über Jahre haben sich besonders kleine Unternehmen oder Mittelständler nur bedingt um die Liquiditätsplanung gekümmert. In seiner langjährigen Erfahrung als Geschäftsführer von unterschiedlichgroßen Firmen hat Jürgen Faè dabei viele Eindrücke sammeln können, wie wichtig ein gutes Cashflow-Management ist. Im Interview spricht er über sein neues Unternehmen, den Cloud Dienstleister für Cashflow Management Commitly, wieso in Zukunft jede Firma digitale Tools dafür hat und warum Liquiditätsplanung das Navigationssystem für Unternehmen ist.

Jürgen Faè

Mit welchen Herausforderungen und Problemen sehen sich Unternehmen bei ihrer Liquiditätsplanung konfrontiert und welche Fallstricke können hier für Einsteiger lauern?

„Die größte Herausforderung der Liquiditätsplanung ist, dass Unternehmer zu sehr auf die Buchhaltung als Informationsquelle vertrauen und damit eine eigentlich einfache Aufgabe sehr kompliziert machen. Am Ende des Tages ist Liquiditätsplanung: wieviel Geld habe ich heute, was wird in nächster Zeit eingehen und was muß ich bezahlen. Das hat nichts mit Buchhaltung zu tun, die kann hierbei nicht unterstützen. Aus diesem Grund vertrauen viele Unternehmer auf Excel oder auf ihre langjährige Erfahrung. Der Fallstrick dabei ist, daß die Liquidität eine Zeitpunktgröße ist. Soll heißen, ich muß jeden Tag in der Lage sein, meinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen können, d.h. Rechnungen bezahlen zu können. Das bedeutet aber auch, daß die Liquditätsplanung regelmäßig aktualisiert werden muß. Das bedeutet natürlich, dass das so effizient wie möglich erfolgen muß. Wir sehen das Verhalten auch bei unseren Kunden. 80% unserer Nutzer verwenden COMMITLY zumindest wöchentlich, 60% täglich.“

Welche Vorteile bringt die Liquiditätsplanung eines Unternehmens, und wie wird sie richtig eingesetzt?

„Ein amerikanischer Investor hat einmal gesagt, daß es nichts besseres gibt, um eine Unternehmen zu verstehen, als der Blick auf die Ein- und Auszahlungen am Bankkonto. Der große Vorteil der Liquditätsplanung ist daher, daß die Entscheider immer einen strukturierten Überblick über die aktuelle und die zukünftige Cashflow-Situation haben. Es geht also um den Einblick, wie sich mein Unternehmen in den nächsten drei, sechs, zwölf Monaten entwickeln wird und wieviel Geld mir zur Verfügung steht oder wieviel Geld ich benötigen werde. Wir alle wissen, dass sich die Zukunft nicht voraussagen läßt. Das wurde uns besonders in den letzten 18 Monaten noch einmal vor Augen geführt. Insofern gehört zur Liquditätsplanung insbesondere viel Mut, Annahmen über diesen Zeitraum zu treffen und die eigenen unternehmerischen Entscheidungen grob zu planen. Durch die laufende Aktualisierung können diese Annahmen dann immer weiter verfeinert und korrigiert werden und die Auswirkung auf den Kontostand damit visualisiert werden.“

Mit welcher Vision haben Sie Commitly gegründet und welche Situation ist Ihnen seitdem besonders im Gedächtnis geblieben?

„Wir sehen Commitly als Navigationssystem für Unternehmen. Wo stehen wir heute, wohin soll die Reise gehen, gibt es Zwischenstops etc.. Vor 20 Jahren hatten Wenige ein Navigationssystem im Auto, heute Jeder, entweder fix verbaut oder am Handy. Und es wird fast immer verwendet, selbst wenn ich den Weg kenne, da mir dadurch auch z.B. Staumeldungen angezeigt werden können. Wir sind der Überzeugung, dass in 10 Jahren jedes Unternehmen immer ein Liquiditätsplanungssystem im Einsatz haben wird. Letztendlich geht es um die wichtigste Kennzahl besonders für KMUs: Cash. Kein Cash ist übrigens der Hauptgrund, warum Unternehmen scheitern. Kein Wunder also, dass viele Unternehmer deswegen auch schlecht schlafen.

Im Gedächtnis wird mir vor allem die PSD2 Umstellung bleiben. Die Payment Service Directive 2 (PSD2) regelt gesetzlich den technischen Zugriff auf Bankkonten. So absurd es klingt, aber legal nutzbare Schnittstellen für Bankkonten gibt es erst seit Ende 2019 / Anfang 2020, das ist also brandneu. Das macht eine breite und einfache Liquiditätsplanung erst möglich. Die Umstellung bzw. Einführung war eine sehr große Herausforderung für uns und unsere Kunden. Trotz massiver technischer Probleme blieben uns unsere Kunden treu bzw. konnten wir selbst in dieser Zeit sogar wachsen.“

Die Covid-19-Pandemie hatte auf viele ansässige Branchen einen starken Einfluss. Welche Auswirkungen hat die Krise auf die Liquiditätssituation von kleinen und mittelständischen Unternehmen?

„Cash Reserven wurde aufgebraucht, viele Unternehmer haben aus dem privaten Bereich wieder Gelder in die Unternehmen zurückgeführt. Daran hat man auch gemerkt, dass Unternehmertum mehr ist als bloßen Streben nach Gewinn. Da steckt viel Herzblut mit drin. Zusätzlich wurde natürlich massiv mit Förderungen, Stundungen und Bankdarlehen gearbeitet. Die Rahmenbedingungen waren ja glücklicherweise so, dass es viel guten Willen von allen Parteien gegeben hat, gemeinsam diese Situation zu meistern. Unsere Kund*innen konnten hier mit Commitly schnell und einfach die erwartete Liquiditätsentwicklung darstellen und in Gesprächen nutzen.

Generell ist damit natürlich das Bewußtsein für das Thema Liquidität stark angestiegen. Die Liquiditätssituation würde ich dennoch weiterhin als angespannt beschreiben. Stundungen laufen aus und es liegt immer noch eine gewisse Unsicherheit im Markt.“

Die Planung der eigenen Liquidität über externe Softwarelösungen kann auf den ersten Blick nach einem teuren Schritt aussehen. Wie können bei einer digitalisierten Liquiditätsplanung nachhaltig die Kosten gesenkt werden?

„Das genau ist der Trugschluß. Die Liquiditätsplanung unterscheidet sich signifikant von Buchhaltungs-, Controlling- oder gar ERP-Systemen. Bei letzteren bestimmen gesetzliche Vorgaben und interne Prozessschritte den erforderlichen Umfang, das kann rasch zu mittelgroßen Implementierungsprojekten und hohen Lizenzkosten führen. Die Liquditätsplanung hat eine Sonderstellung, da sie eigentlich vollkommen losgelöst von den genannten Systemen erstellt werden kann. Alles was man benötigt, ist der Zugriff auf die Bankkonten und das entsprechende System. Wir haben mit einer der großen Wirtschaftsprüungs- und Steuerberatungsgesellschaften darüber diskutiert. Sie waren der Meinung, dass eine Liquiditätsplanung in 12 – 16 Wochen eingeführt werden kann, wir wissen dass es in 4 – 6 Stunden geht.“

Welche Vorteile bietet eine Tool-basierte Liquiditätsplanung gegenüber der Nutzung von MS Excel?

„Excel wird ja auch gerne als die gefährlichste Software der Welt bezeichnet. Nichts schützt uns vor Formelfehlern. In der Regel werden die Files von einem Mitarbeiter erstellt. Verläßt dieser das Unternehmen, wird es für den Nachfolger schwierig. Der wichtigste Aspekt ist aber, dass die Liquiditätsplanung, regelmäßig – im Extremfall täglich – aktualisiert werden muß. Das ist mit Excel einfach nicht mehr leistbar. Eine Lösung in der Cloud hat daher viele Vorteile. Sie ist immer aktuell durch die direkte Verbindung mit den Bankkonten und das Tool kann von Teams gemeinsam genutzt werden.“

Welche Veränderungen sind bei der Liquiditätsplanung in den kommenden Jahren zu erwarten? Wie entwickelt sich die Thematik vor dem Hintergrund der anhaltenden Automatisierung?

„Wir werden in den nächsten 5-10 Jahren einen gewaltigen Umbruch in der Finanzbranche in Deutschland erleben. Die starren Sturkturen der alten Anbieter werden aufgebrochen werden, internationale Player werden in den deutschen Markt eintreten. Ein erstes Anzeichen dafür ist die gerade erfolgte Übernahme von Fastbill durch Freshbooks. Für Unternehmerinnen bedeutet dies, dass sie sich für ihr Unternehmen die besten Tools im Baukastenverfahren zusammenstellen können. Alle werden miteinander kommunizieren und Daten austauschen. Player die hier nicht mistpielen, werden vom Markt verschwinden. Egal wie große sie jetzt noch sind.

Und in 5-10 Jahren wird jedes Unternehmen als einen Bestandteil im Finanz Werkzeugkasten ein Cashflow Tool dabei haben.“

Bildquellen

  • Jürgen Faè: Jürgen Faè
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