Wirtschaft·
business-on.de Redaktion
business-on.de Redaktion
·
24. März 2023

Neue Risiken für die Lieferketten und den Standort Deutschland

Zwar sind Rohstoffe und Bauteile wieder besser verfügbar als im vergangenen Jahr, doch die Lieferengpässe haben zu dauerhaft hohen Einkaufspreisen geführt. 77 Prozent der Firmen bekommen etwas oder gar deutlich steigende Einkaufspreise zu spüren, während der Umsatz für 61 Prozent konstant bleibt oder sinkt. Entsprechend geraten die Margen unter Druck: Lediglich 20 Prozent der Befragten erleben angesichts der nachwirkenden Belastungen ihrer Lieferketten etwas oder deutlich steigende Gewinne. Bei 80 Prozent bleiben die Gewinne konstant oder sinken, zum Teil deutlich. Und kurzfristig ist kaum Besserung zu erwarten.

Standort Deutschland hat bereits an Attraktivität verloren

Die anhaltende Belastung der Unternehmen insbesondere durch die hohen Preise, die Inflation und – vor allem in Deutschland – durch die hohen Energiepreise sind ein Risiko für den Standort“, sagt Florian Ploner, Partner bei Deloitte und verantwortlich für den Sektor Industrial Products & Construction. Die Unternehmen sind gut beraten, ihre Kosten effizient zu managen, Partnerschaften auszubauen und neue Technologien in einer nach geopolitischen Risiken ausgerichteten Lieferkette einzusetzen.

Tatsächlich hat der Wirtschaftsstandort Deutschland nach Ansicht von 52 Prozent der Befragten in den vergangenen Jahren bereits an Attraktivität verloren. Und auch in Zukunft sehen die Unternehmen wenig Grund für Optimismus: In den kommenden drei Jahren rechnen 58 Prozent damit, dass die Attraktivität Deutschlands im Vergleich zu führenden Industriestandorten weiter sinkt, bis hin zu einer möglichen Deindustrialisierung: Fast jeder zweite Befragte (45%) schätzt die Gefahr, dass sich Deutschland deindustrialisiert, als groß bis sehr groß ein.

Zahlreiche Unternehmen reagieren auf die aktuelle Situation mit der Verkürzung oder Verlagerung ihrer Lieferketten. 37 Prozent der Befragten haben mit so genanntem Nearshoring begonnen oder diese Maßnahme bereits umgesetzt; weitere 29 Prozent planen, sie zu ergreifen. Friendshoring, also die Verlagerung von Teilen der Lieferkette in befreundete Länder, haben 22 Prozent begonnen oder bereits umgesetzt (geplant: 33%).

Attraktiver als der Standort Deutschland erscheinen den meisten Befragten Nordamerika (56%), Osteuropa (46%) und Südostasien (29%). Die meistgenannten Länder sind dabei die USA, Polen, Vietnam, Indien und Brasilien. Als Grund für die Verlagerung des Standorts spielen geringere Regulierung und Energiesicherheit (in Nordamerika), niedrige Arbeitskosten und gute Anbindung (in Osteuropa) sowie Vorteile bei den Produktionskosten (in Südostasien) eine wesentliche Rolle.

Feuer löschen statt digitalisieren

„Die Situation an der Lieferkette ist nach wie vor angespannt, auch wenn das für die Verbraucher inzwischen nicht mehr so deutlich zu spüren ist wie in 2022“, sagt Dr. Jürgen Sandau, Partner bei Deloitte und verantwortlich für den Bereich Supply Chain & Network Operations. „Viele Firmen reagieren mit kurzfristigen Feuerlöschmaßnahmen, um die aktuelle Situation zu bewältigen.“ So haben 68 Prozent der Befragten die Ausweitung ihrer Lagerhaltung begonnen oder bereits abgeschlossen; 59 Prozent nutzen Sonderfahrten zur Beseitigung kurzfristiger Versorgungsstörungen. „Kostspielige Maßnahmen wie diese sind jedoch wenig zukunftsorientiert und kaum geeignet, die Lieferketten dauerhaft resilient zu machen für weitere Krisen sowie die großen Herausforderungen unserer Zeit wie die Dekarbonisierung“, so Sandau. Stattdessen belasten sie die Bilanzen der Unternehmen zusätzlich zu den ohnehin schon hohen Preisen.“

Kurzfristig könnten sie für viele Unternehmen jedoch das Mittel der Wahl bleiben. 75 Prozent der Befragten rechnen für die kommenden drei Monate nicht mit einer Veränderung der Situation beziehungsweise mit einer leichten bis starken Verschlechterung. Mittel- bis langfristig wird der Ausblick besser“, meint Sandau, „jedoch nur dann, wenn die Unternehmen die eigentlichen Ursachen angehen und sich strukturell fit machen, bevor die nächste Krise vor der Tür steht. Die Möglichkeiten der Digitalisierung zur nachhaltigen Stabilisierung von Lieferketten werden hierbei leider immer noch zu wenig genutzt.

Für den Supply Chain Pulse Check hat Deloitte im Januar und Februar rund 120 Lieferketten-Verantwortliche von Unternehmen in Deutschland befragt, vorwiegend aus den Branchen Maschinenbau/Industriegüter, Automobil und Chemie. Eine deutliche Mehrheit der Befragten (79%) sind Vertreter von Großunternehmen mit 250 oder mehr Mitarbeitenden oder einem Jahresumsatz von mehr als 50 Millionen Euro.

Die Studie finden Sie hier: Supply Chain Pulse Check Frühjahr 2023 | Deloitte Deutschland

(ots)

Bildquellen:
    Teilen:
    Weitere Artikel
    Nachfolgekrise im Mittelstand: Warum immer mehr Betriebe vor dem Aus stehen
    Aktuell
    Nachfolgekrise im Mittelstand: Warum immer mehr Betriebe vor dem Aus stehen

    Viele Verantwortliche in mittelständischen Unternehmen stehen vor einer Entscheidung, die sich nicht aufschieben lässt: Wer führt den Betrieb weiter, wenn der Inhaber ausscheidet? Laut KfW streben Eigentümer bis Ende 2029 im Jahresdurchschnitt rund 109.000 Unternehmensnachfolgen an. Zugleich planen oder erwägen Inhaber jährlich etwa 114.000 Geschäftsaufgaben. Beides sind hochgerechnete Absichten, keine bereits vollzogenen Übergaben oder Schließungen. Dass immer mehr Unternehmer in den Ruhestand gehen, erklärt allerdings nur einen Teil des Problems. Ein Betrieb kann seit Jahrzehnten am Markt etabliert sein und dennoch schwer einen Käufer finden – etwa weil Erträge, Kaufpreisvorstellungen und Investitionsbedarf nicht zusammenpassen. Damit stellt sich auch die Frage, welche Folgen ausbleibende Übergaben für Beschäftigte, Regionen und den Wirtschaftsstandort Deutschland haben. Mehr Stilllegungspläne als Nachfolgewünsche: Wie groß ist das Problem?

    Lesen
    Empathie und Struktur: Die stille Professionalität im Bestattungswesen
    Ratgeber
    Empathie und Struktur: Die stille Professionalität im Bestattungswesen

    Wenn ein geliebter Mensch stirbt, gerät die gewohnte Welt aus den Fugen. Für die Angehörigen steht die Zeit für einen Moment still, während Schmerz, Leere und Ratlosigkeit den Alltag überlagern. Gleichzeitig verlangt genau dieser sensible Augenblick viele sachliche Entscheidungen. Formulare müssen ausgefüllt, Fristen beachtet und erste Schritte in die Wege geleitet werden. In diesem Spannungsfeld zwischen persönlicher Trauer und praktischen Notwendigkeiten übernimmt das Bestattungswesen eine zentrale Aufgabe. Mit Ruhe, Einfühlungsvermögen und einer verlässlichen Ordnung schaffen Bestatter in den ersten Stunden den nötigen Halt. Sie nehmen den Angehörigen die Last der Organisation von den Schultern, damit Raum bleibt für das, was jetzt wirklich zählt: ein würdevolles und persönliches Abschiednehmen.

    4 Min. LesezeitLesen
    Zwischen Anteilnahme und Arbeitsalltag: Ein Leitfaden für Trauerfälle im Team
    Arbeitsleben
    Zwischen Anteilnahme und Arbeitsalltag: Ein Leitfaden für Trauerfälle im Team

    Der Tod eines nahen Menschen reißt Betroffenen den Boden unter den Füßen weg. Erleidet ein Mitarbeiter einen solchen Schicksalsschlag, bleibt diese Erschütterung nicht an der Bürotür stehen. Tiefe persönliche Trauer und die Anforderungen des Berufslebens treffen unvermittelt aufeinander. In diesem Moment geraten gewohnte Abläufe ins Wanken. Für Vorgesetzte entsteht eine Situation, auf die herkömmliche Management-Leitfäden selten vorbereiten. Es geht darum, Raum für Schmerz und Rückzug zu schaffen, während der Betrieb geordnet weiterlaufen muss. Gelebte Unternehmenskultur zeigt sich nicht in Erfolgsphasen, sondern im Umgang mit menschlichen Krisen. Echtes Verständnis, Verlässlichkeit und der Verzicht auf leere Floskeln geben Halt und beweisen, dass die Menschen hinter den Arbeitsergebnissen an erster Stelle stehen.

    4 Min. LesezeitLesen
    Zur Startseite