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Jamin-Kolumne: Das laute Schweigen der Intellektuellen zum Schicksal Israels und der Juden

Auf einen Cappuccino: Die Jamin-Kolumne

Jüdische Allgemeine ©Jamin / Screenshot aus Jüdische Allgemeine

Das Schweigen der deutschen Intellektuellen zum Massaker der Hamas-Terroristen in Israel am 7. Oktober und den Folgen in Nahost ist verdammt laut. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, fragte schon vor einer Woche in einer Kolumne der „Jüdischen Allgemeinen“, wo denn der Aufschrei des Kulturbetriebs bleibe: „Wo ist die Solidarität mit Israel?“

Es ist irritierend, wie schweigsam Deutschlands Geisteselite ist. All jene von Alice Schwarzer bis Juli Zeh, die sonst schnell bei Solidaritätsbekundungen und Protesten in vorderster Linie stehen, scheinen sich wegzuducken. Ist das ein Mangel an historischem Bewusstsein oder die Oberflächlichkeit von Engagement für besonders schwierige und unangenehme Themen der Zeit? Wenn mehr Tiefe für ein Thema gefragt ist, versagt offensichtlich der schnelle Finger, mit dem Offene Briefe und Petitionen im Social Media angeklickt werden.

Viele kleine Duckmäuse

„Das Schweigen“ war ein aufsehenerregender, lauter Kinofilm in den Nachkriegsjahren. Eine teilweise entblößte Hildegard Knef erregte und bewegte die neue Republik. Von solchen Diskussionen sind Deutschlands Intellektuelle in der Israel- und Juden-Frage in diesen Tagen Raketenmeilenweit entfernt.

Sie trauen sich offensichtlich nicht, Position zum aktuellen Nahost-Konflikt zu beziehen. Obwohl sich unsere Intellektuellen landauf, landab gerne allwissend geben wie der Fernsehphilosoph Richard David Precht, so ähneln sie in der Mehrzahl bei dem schwierigen Thema Israel und die Juden den berühmten Duckmäusen.

Lesung zur falschen Zeit

Auf einer vom PEN-Berlin auf der Frankfurter Buchmesse organisierten Lesung von fünf Autor*innen mit dem Roman „Eine Nebensache“ von Adania Shibli hat das Schweigen sogar eine ganz besondere Qualität.

In dem Buch beschreibt die palästinensische Autorin die Umstände rund um die Vergewaltigung eines palästinensischen Beduinenmädchens durch israelische Soldaten im Jahre 1949. Eine Lesung zur falschen Zeit.

Aktueller Zeitbezug fehlt

Ich selbst war bei der Lesung nicht dabei. Aber ich habe in keinem der Berichte der Medien über dieses Ereignis gelesen, dass sich die Vortragenden solidarisch mit Israel erklärt oder zumindest den Hamas-Terror verurteilt noch über aktuelle und zeitgeschichtliche Zusammenhänge diskutiert hätten.

Mich irritiert, dass eine Lesung über ein Jahrzehnte zurückliegendes, sicherlich diskussionswürdiges und ohne Frage abscheuliches Ereignis ohne intellektuelle, die aktuellen Zeitbezüge beachtende Begleitung einer aufgeregten und angespannten Öffentlichkeit an den Kopf geworfen wird.

Unsensibles Vorgehen

Wie unsensibel. Anlass für die Lesung war die Verschiebung des LiBeraturpreis an die Autorin. „Aufgrund des durch die Hamas begonnenen Kriegs, unter dem Millionen Menschen in Israel und Palästina leiden“, hatte sich der Organisator Litprom e.V. entschlossen, die geplante Preisverleihung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Eine Entscheidung, die ich – vor dem Hintergrund der PEN-Lesung noch besser – gut nachvollziehen kann.

Über 1.200 Autoren haben jedoch gegen die Terminverschiebung einen Offenen Brief unterzeichnet. Das reizt mich ganz besonders zu der Frage: Wo ist der Offene Brief zu Hamas-Terror und Israel? Der PEN Berlin etikettierte die Lesung als einen Protest gegen die Verlegung der Preisverleihung – na ja.

Schweigen ist ein Dilemma

Ein solches Schweigen irritiert. Gerade bei Autor*innen in einer viel beachteten und umstrittenen Lesung. Das Mindeste wäre doch gewesen, dass man einen Teil der Veranstaltung aufgewandt hätte, um sich in aktuellen Zeitfragen auch in Bezug zum Inhalt des Buches zu positionieren.

Diese fünf Autor*innen der Lesung – Deborah Feldman, Julia Franck, Tomer Dotan- Dreyfus, Sasha Marianna Salzmann und Dana Vowinckel – sind meines Erachtens auch ein anschauliches Beispiel für das Schweigen der Intellektuellen zum Nahost-Dilemma in Deutschland.

Orientierung fällt schwer

Das Schweigen ist nicht nur beschämend. Es ist ein deutliches Zeichen dafür, wie unsensibel (oder gar zu feige zur Positionsbestimmung?) unsere deutsche Geisteselite ist. Gut, es ist schwierig, eine historisch klare Position zu finden.

In diesem mehr als 70 Jahre andauernden Konflikt zwischen Israel und Juden mit den Palästinensern in Gaza und Westjordanland, mit Terroristen von Hamas und PLO und mit einer Palästinensischen Autonomiebehörde und der Fatah fällt die geistige Orientierung schwer. Aber es gibt ja, wie HIER, unbegrenzte Recherchemöglichkeiten

Antworten zu Fragen der Zeit

Man muss bedenken: Insbesondere für schwierige Zeitfragen und -probleme haben wir ja unsere Intellektuellen. Also Schriftstellerinnen, Dichterinnen, Schauspielerinnen, Regisseurinnen, Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen, Kulturmanager*innen und all die vielen Kulturverbände, die diese mit anderen gegründet haben.

Der Vorstand des PEN Berlin, eine Organisation von Autor*innen und anderen Kultur-Intellektuellen, der ich angehöre und die sich auf die Fahne geschrieben hat, für Menschenrechte einzutreten, reagierte nicht auf meinen Brief, den ich auf Basis meines Blogs im Wirtschaftsmagazin Business-on und auf meiner Autoren-Website zum Thema Israel und die aktuellen Ereignisse geschrieben habe – eine Aufforderung zur Solidarität mit Israel und den Juden.

PEN-Berlin für Mäßigung

In der Begrüßungsrede zur Lesung des Romans „Eine Nebensache“ auf der Frankfurter Buchmesse merkte der PEN-Berlin-Vorsitzende Deniz Yücel an, dass „palästinische Stimmen – Intellektuelle, Künstler, Aktivisten – die auf die Ereignisse in Israel und Palästina natürlich einen anderen Blick haben als, sagen wir, das Feuilleton der taz oder die Meinungsseite der FAZ, die aber ihre Stimme erheben. Für eine friedliche Koexistenz von Israelis und Palästinensern, für Mäßigung und Austausch, gegen Hass und Gewalt“.

Worüber er nicht sprach, war das vielfältige Schweigen der deutschen Stimmen – Intellektuelle, Künstler, Aktivisten -, die auf die Ereignisse in Israel und Palästina natürlich einen anderen Blick hätten haben können als, sagen wir, die vielstimmig krakeelenden Palästinenser und ihre Freunde auf Deutschlands Straßen. Im Redemanuskript des normalerweise sehr engagierten Deniz Yücel fand ich leider kein Wort der Solidarität mit Israel und den Juden in Deutschland, obwohl Solidarität ein Thema seiner Rede war. Immerhin gab es ein Podiumsgespräch von PEN-Berlin und Messechef Juergen Boos auf der Buchmesse „In Sorge um Israel“.

Solidarität von Verdi/VS

Vom Verband deutscher Schriftsteller*innen VS., dem ich seit 1968 angehöre, erhielt ich – dankenswerterweise – auf meine Anregung zur Solidarität mit Israel und den Juden in Deutschland folgende Antwort der NRW-Landesvorsitzenden Jana Engels: „Vielen Dank für deine Nachricht und dein engagiertes Statement. Ich habe mein Zusammentreffen mit Teilen unseres Bundesvorstands auf der Frankfurter Buchmesse genutzt, um auch über dieses Thema zu sprechen“.

Parallel zu den Aufgaben während der Buchmesse arbeite „der Bundesvorstand bereits an einer Formulierung. Folgenden Beitrag hat der VS in ver.di heute (am 23.10.) veröffentlicht. Du findest ihn sowohl bei Verdi Kunst und Kultur als auch auf der Seite des VS NRW“. Nämlich HIER.

Recht gegen Terror zu wehren

Die gemeinsamen Stellungnahmen von Verdi und dem Verband Deutscher Schriftsteller sind mit der Überschrift „Gegen Antiisraelismus und Antisemitismus“ betitelt: „Der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ver.di ist entsetzt und erschüttert angesichts der Beifallskundgebungen in Deutschland für den barbarischen, terroristischen Überfall der Hamas auf Israel. Wir verurteilen die Ausschreitungen gegen jüdische und israelische Einrichtungen, gegen Jüdinnen und Juden“.

Das Existenzrecht Israels stehe für die Gewerkschaft Verdi und den Schriftstellerverband außer Frage: „Und damit auch das Recht Israels, sich im Rahmen des Völkerrechts gegen diesen Terrorangriff zu wehren. Angesichts unserer deutschen Geschichte, mit 6 Millionen ermordeten europäischen Juden, empfinden wir eine besondere Verpflichtung, gegen Antiisraelismus und Antisemitismus aufzustehen und Flagge zu zeigen. Nie wieder ist jetzt.“

Vielen Intellektuellen fehlt Mut

An ihrem Mut und Engagement in ungewöhnlichen, schwierigen Situationen kann man herausragende Intellektuelle erkennen. An dem, was die Geisteselite Deutschlands in diesen Zeiten (nicht) sagt, müssen wir sie messen: Armes Deutschland.

Seit dem 7. Oktober 2023 haben die deutschen Intellektuellen bei den großen Problemen dieser Welt wohl nicht mehr viel mitzureden. Ihr Schweigen, das die Juden in Deutschland in diesen Tagen beklagen, umhüllt die deutsche Geisteselite wie eine breiige Brühe. Wer kann und will in Zukunft denen noch zuhören?

Bleiben Sie fröhlich. Bis nächsten Freitag. Auf einen Cappuccino…

Ihr Peter Jamin

PS am 31. Oktober 2023:

Ich habe diesen „Offenen Brief“ unterschrieben.

Bildquelle: ©Jamin / Screenshot aus Jüdische Allgemeine

 

Peter Jamin (© Michael Seelbach)

Peter Jamin arbeitet als Schriftsteller und Journalist. Er veröffentlichte – neben Kolumnen und Artikeln – mehr als 30 Bücher zu gesellschaftlich relevanten wie unterhaltsamen Themen. Darüber hinaus arbeitete er als Autor und Regisseur von Fernsehdokumentationen und -serien. Etliche Bücher schrieb er als Ghostwriter prominenter Zeitgenossen. Mit seinem Schwerpunktthema „Vermisst“ befasst er sich seit rund 30 Jahren; unterhält auch ein „Vermisstentelefon“ zur Beratung von Angehörigen Verschwundener. Ausgezeichnet wurde Jamins Arbeit u.a. mit dem „GdP-Stern“ der Gewerkschaft der Polizei „in besonderer Würdigung seiner herausragenden journalistischen Leistungen“. Infos zum Autor unter jamin.de.

Bildquellen

  • Peter Jamin: Michael Seelbach
  • Jüdische Allgemeine ©Jamin Screenshot aus Jüdische Allgemeine: ©Jamin / Screenshot aus Jüdische Allgemeine
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