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Tuchel-Kolumne: Ist Schwarzsehen jetzt auch schon ein Unwort?

QUERGEDACHT: DIE TUCHEL-KOLUMNE

Manche Dinge lassen sich relativ einfach abschaffen. Zum Beispiel das Problem, das die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) mit den Schwarzsehern hatte. Statt bei zahlungsunwilligen Bürgern (bei „Bürgenden“ würde die Absurdität der neuen Sprachformen auch dem Letzten auffallen) unangemeldet zu klingeln, änderte das Amt 2013 die Parameter und rechnet seitdem nicht mehr pro Kopf, sondern pro Wohnung ab, wovon vor allem Wohngemeinschaften profitierten. Der Zeitpunkt war gut gewählt. Denn jetzt hätte sich die öffentlich-rechtliche Anstalt zu diesem Thema positionieren müssen – wie dies in vorbildlicher Weise gerade die Verkehrsbetriebe beim Begriff Schwarzfahren tun.

Manche fragen nach, was aus dem Schwarzwald, der Schwarzarbeit und dem Schwarzbrot wird. Und was ist mit dem kleinen Schwarzen, dem Schwarzkittel (Wildschwein) und dem Schwarzpulver? Ganz einfach: überall, wo die Farbe schwarz gemeint ist, darf das Wort bleiben. Pech für den Schwarzwald, das Schwarze Meer und den schwarzen Humor.

Mir ist bei der Durchforstung meiner Umwelt auf Gender-Ungerechtigkeiten aufgefallen, dass Straßennamen oft auf „er“ enden. Also Dortmunder Straße, Remscheider Straße etc. Dort könnte man das männliche Personalpronomen durch „sie“ oder „es“ ersetzen. Das wird vielleicht ein bisschen kostspielig, könnte aber u. U. bei neuen Straßennamen mitbedacht werden.

Der Duden hat sich der staatlichen Sprachnormierung sicherheitshalber gleich gebeugt und propagiert gendergerechte Sprache, statt nur den Sprachwandel zu dokumentieren. Blickt man in die Geschichte, dann werden aus Kulturrevolutionen auch schon mal Diktaturen und dann schwenken alle wieder um, in ihren Köpfen und in ihrer Sprache. Das ist dann Geschichtsaufarbeitung.

Schwarzsehen bei der Digitalisierung

Ich habe übrigens einen nigelnagelneuen Reisepass. Den Termin zur Beantragung habe ich über eine E-Mail-Adresse unter der Hand bekommen (eine Art Schwarzmarkt), weil mir das mit dem Bürgerbüro in Holthausen doch zu umständlich war. Das hat dann sehr gut funktioniert. Gleich am nächsten Tag war ein Termin im Bürgerbüro auf der Willi-Becker-Allee frei. Und ich musste mich nicht weitere Male um 6.30 Uhr vor den Computer quälen, um einen Termin zu ergattern.

Vor ein paar Tagen war das Dokument abholbereit. Das lief digital einwandfrei. Ich bekam noch am selben Tag einen Abholtermin.

Vor dem Eingang des Einwohnermeldeamts steht immer ein Pulk von Sicherheitskräften, bei denen sich mir der Verdacht aufdrängt, dass sie sonst als Türsteher ihren Lebensunterhalt verdingen. Zumindest sprechen sie einen so an: „Hast du Termin? Dann geh rechts.“ Ich hatte auch eine Wartenummer. Doch dann folgte der Medienbruch. Kein Display, auf dem Nummern erscheinen, sondern wieder ein junger Mann mit einer Warnweste (wieso tragen eigentlich alle Warnwesten, sind die Bürgerämter Baustellen?). Er bat mich, mich hinzusetzen und zu warten. Die Wartenummer, die man mir per E-Mail mitgeteilt hatte, habe hier nichts mehr zu sagen, verkündete er mit leichtem Triumph in der Stimme. Das hatte zur Folge, dass der Herr, der den Termin eigentlich nach mir hatte, vor mir in das Büro mit den Sachbearbeitern hineingebeten wurde.

Was passiert eigentlich mit den Security-Kräften, die mir seit Monaten vorschreiben, dass ich nicht meinen eigenen Einkaufskorb nehmen darf, sondern den, der da steht? Was passiert mit den Sicherheitskräften in den Ämtern? Ich setze mir da lieber meine rosarote Brille auf statt für die Nach-Corona-Zeit schwarz zu sehen.

Susan Tuchel

 

Susan Tuchel

Susan Tuchel, Journalistin, Autorin und PR-Beraterin in Düsseldorf, nimmt gesellschaftliche Trends, politische und wirtschaftliche Entwicklungen ins Visier. Ihre Kolumne, mal sachlich und nüchtern, mal emotional oder scharfzüngig, erscheint exklusiv jeden ersten Montag im Monat bei business-on.

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