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Tuchel-Kolumne: Der frühe Vogel fängt den Wurm

QUERGEDACHT: DIE TUCHEL-KOLUMNE

Düsseldorf – ich liebe diese Stadt. Auch wenn ich mich vom Rathaus, dem Einwohnermeldeamt und sämtlichen Bürgerbüros gelegentlich benachteiligt fühle. Bevorzugt behandelt werden von dieser Stadt ausschließlich Frühaufsteher. Morgen für Morgen entscheidet sich um 6.30 Uhr am PC, Tablet oder Handy, ob, wann und wo es Termine für Meldeangelegenheiten, Bescheinigungen, Anträge, Beglaubigungen, Ausweisangelegenheiten oder Sonstiges gibt. Ich kenne Menschen, die tagelang um 6.30 Uhr versucht haben, einen Termin zu ergattern. Bei wenigen klappt es, einige scheitern, andere versuchen ihre Partner zu überreden, das für sie zu erledigen.

Dabei ist hinlänglich bekannt, dass jeder Mensch und damit auch jeder Einwohnende (hier folge ich dem aktuellen Trend der Sprachschaffenden) seinen eigenen Biorhythmus hat. Schließt diese Art der Terminvergabe nicht von vorneherein eine bestimmte Gruppe von Menschen aus und ist damit automatisch ein Fall für die Gleichstellungsstelle? Hat jemand ernsthaft in der Stadtverwaltung überprüft, ob es nicht auch technisch möglich wäre, A- und B-Wochen (bekannt aus dem Corona-Wechselunterricht) einzuführen? In Woche A buchen dann die Frühaufsteher um 6.30 Uhr und in Woche B die Spätaufsteher um 23.00 Uhr.

Theoretisch werden die begehrten Termine auch im Laufe des Tages online eingestellt. Aber das ist äußerst selten der Fall, wie ich in den letzten Wochen stichprobenartig festgestellt habe. Leider fehlt mir die Zeit, die Terminvergabe den ganzen Tag in Echtzeit zu verfolgen. Bei einem spontanen Besuch der Website an einem Spätnachmittag hätte ich innerhalb von zehn Minuten einen Termin beim Einwohnermeldeamt am Hauptbahnhof wahrnehmen können. Das war mir zu sportlich.

Eigentlich habe ich es auch gar nicht so eilig mit dem Termin, es geht nämlich nur um einen neuen Reisepass. Mir würde also auch ein Termin in 14 Tagen reichen. Seit Wochen verkündet mein Bürgerbüro in Bilk, dass die Wartezeit 13 Tage beträgt. Termine für 13 Tage im Voraus kann ich aber nicht buchen, bedauerte eine Service-Mitarbeiterin am Telefon. Coronabedingt gäbe es nur die tagesaktuellen Termine, die täglich ab 6.30 Uhr freigeschaltet werden.

So blieb mir nur, den Wecker auf 6.15 Uhr zu stellen. Das System bot mir dann nur einen einzigen Termin im Bürgerbüro in Holthausen an. Mit dem Fahrrad ist dieses Büro keine sieben Kilometer entfernt. Unter Freizeitaktivität möchte ich die Anfahrt über die Kölner Landstraße nicht verbuchen, auch wenn es angeblich täglich besser wird mit dem Fahrradfahren in Düsseldorf.

Mehr Bürgernähe im neuen Amt?

Wie weit sind die Verkehrsplaner hier eigentlich in puncto „Amt für Fahrrad“? Ein solches Amt einzuführen, war Teil des Wahlkampfes von Stephan Keller, nachzulesen in seinem Blog vom 17. September 2020. Wurde der amtierende Oberbürgermeister – ähnlich wie ich wie bei den städtischen Terminen – coronabedingt ausgebremst? Bis das versprochene Amt an Fahrt aufnimmt hätte ich eine Idee: Was halten Sie, lieber Herr Oberbürgermeister Keller, von einer Plakataktion im „Nähe trifft Freiheit“-Stil (Sie wissen schon, wo die Buchstaben am Rand immer so abgeschnitten sind)? Darauf zu sehen sind Promis aus Düsseldorf, die mit einem „Dutch Reach“, dem holländischen Griff mit der rechten Hand, die Fahrertür des Autos öffnen. Im Rückspiegel erkennt man einen Radfahrer, dem dadurch womöglich ein Aufenthalt auf einer überlasteten Intensivstation erspart bleibt. Für diese Rolle können Sie mich gerne als Model auf dem Fahrrad einsetzen.

Susan Tuchel

 

Susan Tuchel

Susan Tuchel, Journalistin, Autorin und PR-Beraterin in Düsseldorf, nimmt gesellschaftliche Trends, politische und wirtschaftliche Entwicklungen ins Visier. Ihre Kolumne, mal sachlich und nüchtern, mal emotional oder scharfzüngig, erscheint exklusiv jeden ersten Montag im Monat bei business-on.

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